ZUG: Das Ende der Zuger «Geburtswiege»

Der Liebfrauenhof wurde Opfer einer beispiellosen ­Debatte. Seine Schliessung liess Emotionen hochkochen. Und die Wirkung des einstigen Spitals hallt bis heute nach.

Andreas Faessler Andreas Faessler
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1998 wurde der Betrieb im Liebfrauenhof eingestellt. Der Abbruch erfolgte 2001. (Archivbild Rupy Enzler)

1998 wurde der Betrieb im Liebfrauenhof eingestellt. Der Abbruch erfolgte 2001. (Archivbild Rupy Enzler)

«Endlich, endlich können wir die unendliche Spitaldiskussion abschliessen.» Mit diesen Worten drückte Ende November 2003 der damalige Baudirektor Hans-Beat Uttinger seine Erleichterung aus, nachdem das Volk dem Neubau des Kantonsspitals in Baar zugestimmt hatte.

Nur weniges hat in den vergangenen Jahrzehnten in Zug so viel zu reden gegeben wie die Spitalpolitik in den 80er- und 90er-Jahren. Bereits 1980 begann landesweit eine Phase der Umstrukturierung in der Spitallandschaft. Die moderne Medizin hatte grosse Fortschritte gemacht. Als Folge davon waren immer weniger Akutbetten nötig. In Zug star­tete eine beispiellose und kaum enden wollende Debatte. Mit den vier Akutspitälern herrschte Überkapazität. Eine Lösung zur Kosteneindämmung war gefordert.

Das Schicksal zeichnete sich ab

Als Folge dieser Marathondebatte wurden innerhalb von zwölf Jahren alle vier Krankenhäuser im Kanton geschlossen respektive komplett reorganisiert. Die Stadt Zug verlor ihre zwei Spitäler, eines davon der Liebfrauenhof. Zwar hat es sich bereits recht früh abgezeichnet, dass die ehrwürdige Klinik allein wegen ihrer veralteten und somit schwierig zu erneuernden Bausubstanz die Reformen nicht überleben wird. Doch während ihres 74 Jahre langen Bestehens war sie die «Zuger Geburtswiege», wie der Autor Silvan Abicht das Spital in seiner Publikation von 2010 nennt. 1998 gingen die Lichter aus im optisch wenig ansprechenden, doch geschichtsträchtigen Gebäudekomplex an der Zugerbergstrasse. Drei Jahre später kaufte die Alfred Müller AG das Grundstück und brach das Spital ab.

Das Schicksal der Klinik berührte so manches Zuger Herz. Wie gedrückt die Stimmung in der Bevölkerung war, weiss Joachim Eder noch ganz genau. Der heutige Zuger Ständerat war damals im Kantonsrat sowie in der Spitalplanungskommission und trug die politischen Entscheide in der Spitaldebatte mit. Es habe sofort eine eindrückliche Solidarisierung mit dem Liebfrauenhof gegeben, erinnert er sich. «Das war auch durchaus verständlich. In den 74 Jahren der Klinik Liebfrauenhof wurden dort nämlich so viele Menschen geboren, wie die Stadt Zug heute Einwohner zählt: knapp 27 000.» Eine ganze Stadt kam sozusagen im Liebfrauenhof zur Welt.

Eder selbst denkt als einstmals direkter Nachbar des Liebfrauenhof-Spitals noch gern zurück an die vielen freundlichen Begegnungen und Gespräche mit Ärzten und Angestellten.

Auch der Zuger Autor und literarische Allgemeinpraktiker Michael van Orsouw – mit Zug seit jeher tief verwurzelt – kramt ein paar Gedanken an die Klinik aus seinem Erinnerungskistchen hervor. Er selbst ist im Liebfrauenhof zur Welt gekommen und so auch seine Kinder. «Generationen haben an diesem Ort das Licht der Welt erblickt. Das ist natürlich schon speziell.» Immer, wenn vor dem Haupteingang Porsches und Mercedes parkten, habe man gewusst, dass hinter den Mauern gerade geboren wird. «Das waren die Wagen der Chefärzte, die sofort zur Stelle waren, wenn es so weit war», weiss van Orsouw.

Dass die Tage der traditionsreichen Zuger Einrichtung schliesslich gezählt waren, berührte ihn emotional zwar nicht so stark. «Es war schon lange absehbar, dass es wohl so weit kommen wird», sagt er. Dennoch hat van Orsouw sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, dem Liebfrauenhof adieu zu sagen, indem er noch einmal durch die bereits verlassenen Räume und Gänge spaziert ist. «Es überkam mich ein fast merkwürdiges Gefühl dabei. Dieses Gebäude – ein Ort, an dem über Jahrzehnte hinweg geboren und gestorben wurde. Zwei elementare Dinge des Lebens.»

Grosse Polarisierung in Zug

Eine federführende Position in der Zuger Spitalfrage hatte Urs Birchler, von 1987 bis 1998 Gesundheitsdirektor des Kantons Zug. Nachdem 1988 das Volk für die Aufrechterhaltung von vier Spitälern abgestimmt hatte, unternahm Birchler den Vorstoss, den Stimmbürgern aufzuzeigen, dass die Kosten für diesen Weg schlicht und ergreifend viel zu hoch ausfallen. «Mit viel Aufwand haben wir Zahlen und Fakten zusammengetragen und dem Volk präsentiert. Schlussendlich hat die Vernunft über die Emotionen gesiegt.» Hierzu führt Joachim Eder aus, dass Schliessungen von Spitälern immer grossen Staub aufwirbeln. «Es hat in diesem Fall in Zug eine ziemlich grosse Polarisierung gegeben», erinnert er sich. Es sei dann aber allmählich die Einsicht gewachsen, dass vier Krankenhäuser mit vier teuren Infrastrukturen auf so engem Raum nicht mehr weiter haltbar gewesen wären, ergänzt Joachim Eder in Hinblick zu Urs Birchlers Initiative. Letzterer konnte es jedoch ebenfalls bestens nachvollziehen, dass die Zuger an ihrem Liebfrauenhof hingen. Aber obwohl er das Volk davon überzeugen konnte, dass das Vierspitäler-Modell der falsche Weg war, war er als Schwarzer Peter in der Zeit danach gewissen Anfeindungen ausgesetzt. «Da kam es gelegentlich auch mal vor, dass im Bus Leute demonstrativ nicht neben meiner Frau sitzen wollten.»

Ein weiteres Verdienst Urs Birchlers war die Gründung der Gesellschaft, welche das frühere Kantonsspital in Zug fortan zusammen mit dem Zentralspital Baar betrieb. Eine Woche nach seiner Amtsniederlegung stimmte das Volk ab für Baar als neuen Standort für das künftige Kantonsspital.

Urs Birchler weiss heute, dass die Zuger Spitaldebatte schlussendlich den richtigen Weg gegangen und die heutige Lösung die beste ist. «Das wird immer mal wieder deutlich, wenn die Zuger darauf zu sprechen kommen. Sie sind heute froh über die Spitalsituation in Zug.» Urs Birchler ist seit 2003 Direktionspräsident des Berner Inselspitals, eines der drei grössten und bedeutendsten Krankenhäuser der Schweiz.

Der Liebfrauenhof lebt weiter

An der Stelle der Klinik Liebfrauenhof entstand im Jahr nach der Abtragung eine Überbauung mit rund 50 Eigentumswohnungen. Optisch ist somit jegliche Erinnerung an die Klinik getilgt, doch im Gedächtnis vieler Zuger bleibt die Stätte ihrer Geburt existent. Und auch auf andere Weise hallt das Wirken des Liebfrauenhofs nach. Joachim Eder: «Viele der im Liebfrauenhof tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wechselten 1998 in die neu eröffnete Andreas-Klinik nach Cham.» Und auch im neuen Zuger Kantonsspital in Baar sei die Verbindung sichtbar: «Die Stiftung Liebfrauenhof spendete dem Kantonsspital 900 000 Franken zur Finanzierung des Ausbaus der Maternité.» Die 1978 gegründete Stiftung war Trägerin der Klinik, existiert noch heute und unterstützt Projekte im Bereich der Kranken- und Wochenpflege im Kanton Zug.

Der Liebfrauenhof ist nicht mehr, doch bleibt er auf diese Weise noch ein bisschen existent. So schliesse sich der Kreis, sagt Joachim Eder. «Und auch dies ist im positiven Sinne typisch zugerisch.»