ZUG: Das Tempo ringt mit dem Kopfkino

Bellinzona ist seit gestern durch die Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels näher an die Deutschschweiz herangerückt. Doch nicht alle finden diese Beschleunigung toll, bei anderen kommt Wehmut auf.

Marco Morosoli
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Seit gestern donnern Züge aus und nach dem Süden offiziell durch den Gotthard-Basistunnel (im grossen Bild das Nordportal bei Erstfeld). Derweil verkehren Flirts auf der alten Bergstrecke (Nordportal bei Göschenen, kleines Bild). (Bilder: Marco Morosoli, Gaetan Bally/Keystone (11. Dezember 2016))

Seit gestern donnern Züge aus und nach dem Süden offiziell durch den Gotthard-Basistunnel (im grossen Bild das Nordportal bei Erstfeld). Derweil verkehren Flirts auf der alten Bergstrecke (Nordportal bei Göschenen, kleines Bild). (Bilder: Marco Morosoli, Gaetan Bally/Keystone (11. Dezember 2016))

Marco Morosoli

marco.morosoli@zugerzeitung.ch

«Gestern war hier noch die Hölle los, jetzt ist es nur noch still», hat am Sonntag kurz nach Mittag ein Fotograf im Bahnhof Gösche­nen gesagt. In seinen Worten schwingt Wehmut mit. Der Mann ist gekommen, um einen Triebwagen des Typs Flirt zu fotografieren, der gerade aus dem Nordportal des 1882 in Betrieb genommenen Gotthardtunnels fährt. Diese Züge – Zugern von der Stadtbahn her vertraut – fahren nun seit dem gestrigen Fahrplanwechsel als einzige stündlich in beiden Richtungen über die Gotthard-Bergstrecke. Sie ist bis am späten Samstagabend noch die Normalroute in den Süden gewesen. Schnellzüge wie auch alle Güterzüge biegen seit gestern in Rynächt (Kanton Uri) und bei Pollegio (Kanton Tessin) in den 57 Kilometer langen Gotthard-Basistunnel (GBT) ein.

Das neue Verkehrsregime auf der Nord-Süd-Achse hat auch die Frau hinter dem Tresen im Bistro des Bahnhofs Göschenen schnell bemerkt: «Es fahren keine Güterzüge mehr durch. Auch die Laufkundschaft ist weniger geworden, weil Anschlussreisende, die von Norden oder von Süden kommen und von und nach Andermatt fahren, keine Zeit mehr finden, bei mir etwas zu kaufen.» Noch sei es aber zu früh für ein Fazit, aber «wir müssen uns schon überlegen, das Konzept zu verändern».

Der Panorama-Wagen fehlt schon

Der Zeitenwechsel durch den neuen GBT ist im Reusstal wie auch in der Leventina – wie erwartet – abrupt erfolgt. Noch am Samstag fahren die Interregio-Züge von Zug nach Locarno «oben durch». Erste Vorboten der Endlichkeit dieser Verbindung sind bereits erkennbar. In einem Zug am Samstag fehlt schon mal der Panorama-Wagen, um die ehemalige Paradestrecke mit ihren zahlreichen Kehrtunnel und den verschiedenen Sichtweisen der Kirche von Wassen bewundern zu können. Diese Fahrt über den Berg ist für viele Tessin-Reisende in den vergangenen Jahrzehnten ein steter Quell für Kopfkino der besten Güteklasse geworden. Der Kondukteur hat dafür – arbeitsbedingt – keine Musse. Das Weglassen des Panorama-Wagens kann er aber auch nicht erklären. Ein Reisender sagt mit einem Schmunzeln im Gesicht: «Die brauchen diese Wagen sicher, um die Festgemeinde um den SBB-Boss Andreas Meyer in den Süden zu fahren.» Auffällig auf einer der «letzten gemächlichen» umsteigefreien Zugfahrten mit dem Interregio von Zug in den Süden: Am Streckenrand stehen an den verschiedensten Orten Fotografen, die festhalten wollen, was es bald so nicht mehr gibt. Bilder für die Ewigkeit sozusagen.

Der Bahnhof Bellinzona ist in den vergangenen Jahren für rund 36 Millionen Franken fit gemacht worden und heisst jetzt ein wenig grossspurig «Porta del Ticino». Der «Caffé» ist dort gegenüber der Deutschschweiz nicht nur besser, sondern auch viel billiger.

Der Intercity nimmt bereits mal die Abkürzung

Die Fahrt des Schreibenden am Samstag zurück nach Zug bietet dann schon ein unerwartetes Feeling. Weil der Intercity aus Lugano, der ab Bellinzona ohne Halt nach Arth-Goldau verkehrt, einige Minuten zu spät ist, wird er bereits mal durch den Basistunnel gejagt. Dies hat den Effekt, dass er dann ennet dem Gotthard viel zu früh eintrifft – und so einfach für 18 Minuten in Schwyz und noch einmal gleich lang in Arth-Goldau stehen bleibt. Immerhin ist an diesen Bahnhöfen noch einiges los, und zahlreiche Güterzüge donnern vorbei, was jedes «Bähnlerherz» höher schlagen lässt.

Am Sonntag geht es dann nochmals in den Tessiner Hauptort. Der um 10 Uhr in Zug abfahrende Intercity ist lang und nur mässig besetzt. Die Wagen der ersten Klasse bieten besten Komfort. In Arth-Goldau steigen dann viele Leute zu, die schnell in den Süden wollen. Unter ihnen ist Stephan Annen aus Schwyz in Begleitung seiner Ehefrau. Zufällig treffen sie am Goldauer Perron auf ein Ehepaar mit Sohn, das auch kurz in die Südschweiz will. Die beiden Männer kennen sich aus dem Männerchor. «Wir fahren nach Lugano zum Zmittag. Das ist nun nicht mehr weit weg», sagt Annen. Und bewusst hätten sie sich für diesen «Premierentag» entschieden. Die Fahrt durch den GBT ist für ihn aber nichts Spezielles. Sein Sängerkollege Markus Rupp hat hingegen bei der Fahrt aus dem Tunnel einen Druck in den Ohren gespürt.

Die Kondukteurin hat andere Probleme. Sie muss die Reisenden darauf hinweisen, dass bei der Durchfahrt durch den GBT das Rauchen wie auch die Nutzung von E-Zigaretten aus Sicherheitsgründen strengstens untersagt ist.

Für die Rückkehr nach Zug nimmt der Schreibende dann den Regionalexpress über die Bergstrecke. Wer diese Variante wählt, ist von Bellinzona nach Zug 15 Minuten länger unterwegs als bisher – und muss noch bis zur dreimal umsteigen. Der Komfort erreicht mit der Viererbestuhlung selbst in der ersten Klasse aber nicht die GBT-Qualität, aber bietet die Gelegenheit für tolle Blicke in die Landschaft. Es ringt nunmehr das Tempo mit dem Kopfkino.