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Hingeschaut: Zug – das «Wessobrunn des Neobarock»

Mit Hubert Zotz und Alois Griessl liessen sich Anfang des 20. Jahrhunderts zwei begnadete österreichische Künstler in Zug nieder und machten die Stadt zu einem Kompetenzzentrum für barockes Stuck-Handwerk.
Andreas Faessler
Die beiden Neorokoko-Seitenaltäre aus rötlichem Stuckmarmor in der Kirche des ehemaligen Damenstifts Schänis SG stammen von der Zuger Firma Zotz & Griessl. Sie sind in den Jahren 1910/11 gebaut worden. (Bilder: Andreas Faessler, 24. Februar 2019)

Die beiden Neorokoko-Seitenaltäre aus rötlichem Stuckmarmor in der Kirche des ehemaligen Damenstifts Schänis SG stammen von der Zuger Firma Zotz & Griessl. Sie sind in den Jahren 1910/11 gebaut worden. (Bilder: Andreas Faessler, 24. Februar 2019)

Die Stadt Zug hat sich im Laufe der jüngeren Geschichte wiederholt als bedeutendes Handwerkszentrum hervorgetan. So galt der Name Zug vor allem im 17. und 18. Jahrhundert geradezu als Gütesiegel, wenn es unter anderem um das Zinngiesserhandwerk, die Gold- und Silberschmiede- oder Glasmalerkunst ging. Eine weitere, wenn auch nicht ganz vergleichbar bedeutende Blüte erlangte Zug im frühen 20. Jahrhundert auf dem Gebiet des Stuckateurhandwerks. Dies ist insbesondere zwei Protagonisten aus Österreich zu verdanken, deren Wege sich in Zug kreuzten, wonach sie gemeinsam eine Firma gründeten und diese zu einem wahren Kompetenzzentrum ausbauten.

Der eine von ihnen hiess Alois Griessl, geboren am 1. März 1877 in Graz. Er liess sich in Wien zum akademischen Stucktechniker ausbilden mit weiteren Schwerpunkten in Kunstgeschichte, Ornamentik und Stilkunde. Griessl war später Lehrer des bedeutenden Grazer Bildhauers Andreas Kögler (1878–1956), den es später wegen seiner tiefen freundschaftlichen Verbundenheit zu Griessl ebenfalls nach Zug verschlagen sollte, wo bis heute mehrere erstklassige Werke aus seiner Hand anzutreffen sind.

Nach Wanderjahren und Weiterbildungsreisen quer durch Österreich und Deutschland liess sich der in seinem Handwerk höchst gereifte Griessl im Jahre 1910 in Zug nieder, wo er schnell prestigeträchtige Aufträge erhielt. Griessls Hauptkompetenz lag in den Stilepochen des Barocks und Rokoko. Wann immer ein bedeutendes Schweizer Barockjuwel restauriert werden musste, zog man Griessl aus Zug zu Rate. Als Stuckateur wurde er unter anderem mit Aufträgen in den Klosterkirchen von Einsiedeln, Bellelay und Seedorf betraut. Auch in zahlreichen Pfarrkirchen der Zentralschweiz führte Griessel umfangreiche Arbeiten aus. Seinen wohl bedeutendsten Auftrag erhielt er 1952/53 mit der Wiederherstellung der Jesuitenkirche in Solothurn. Nicht nur restaurierte der Österreicher beschädigte oder verloren gegangene Stuckornamente, sondern schuf auch neue – dies im authentischsten Geiste des Barock, dessen historische Formensprache Griessl beherrschte wie kein anderer seiner Zeit. Er hatte sich die Fertigkeiten der grossen Barockarchitekten über Jahre hinweg einverleibt und führte die alte Tradition weiter.

Das Fachwissen weitervermittelt

Ein weiteres grosses Verdienst Griessels war die laufende Ausbildung von Nachwuchs in seinem Atelier in Zug. So brachte der Meister Stuckateure mit unentbehrlichem Fachwissen hervor und sicherte das Handwerk für die Zukunft, auf das historische Bauten weiterhin fachgerecht und stilgetreu unterhalten und restauriert werden. So wie im 17. und 18. Jahrhundert das oberbayrische Wessobrunn eines der bedeutendsten Ausbildungszentren für Stuckateure des Barocks und Rokoko war, so machte Griessl im frühen 20. Jahrhundert die Stadt Zug in kleinerer Form zu einer vergleichbaren Wirkungsstätte mit Schwerpunkt süddeutscher und alpenländischer Barock.

Alois Griessl bei der Arbeit. (Bild: PD)

Alois Griessl bei der Arbeit. (Bild: PD)

Spätestens seit 1909 lebte und arbeitete auch Hubert Zotz in Zug. Der 1875 in Tirol geborene Stuckateur entstammte einer eingesessenen Handwerksfamilie und war – wie Griessel – vorderhand auf das historistische Handwerk im Bereich Barock und Rokoko spezialisiert. Um 1909 liess er sich gemeinsam mit dem Fotografen Heinrich Grau (1880-1939) von den Zuger Architekten Dagobert Keiser und Richard Bracher am heutigen Bundesplatz ein Wohnhaus mit Atelier errichten. Hubert Zotz gründete die Firma Zotz & Griessl zusammen mit seinem Landsmann wohl 1910 oder 1911. Aus einer Gerichtsurkunde geht hervor, dass die beiden Künstler am 17. Februar 1912 unter ihrem Firmennamen ein Grundstück im Lauried kauften. Als «Zotz & Griessl» führten die beiden gemeinsam eine Vielzahl an Aufträgen überall in der Schweiz aus.

Zwei Zeugen höchster Handwerkskunst

Eine wichtige Anfrage kam aus Schänis SG für die Kirche des ehemaligen Damenstifts. Bei Zotz & Griessl in Zug wurden zwei Seitenaltäre bestellt, die sich ins Ausstattungskonzept der 1779 ba­rockisierten Kirche stilecht einfügen sollten. Aus rötlichem Stuckmarmor bauten die beiden Zuger Stuckateurmeister zwei identische Neobarock-Altäre, welche mit ihren geschwungenen und übereck angeordneten Formen bereits deutlich das Rokoko zitieren. Die kleinen ovalen Gemäldeblätter im Oberbereich wurden von den Vorgängeraltären übernommen. Die überaus filigranen, durchbrochenen Rokoko-Verblendungen aus dem 18. Jahrhundert am Altarunterbau stammen aus dem Kloster St. Katharinental in Diessenhofen TG. Zotz und Griessl haben sie meisterhaft in ihre neobarocke Altararchitektur integriert und die weiteren Goldstuckelemente stilgetreu angepasst. Im Zentrum des linken Seitenaltars steht eine schwäbische Mondsichelmadonna mit Kind aus dem 15. Jahrhundert. Der rechte Seitenaltar trägt ein Altarblatt mit der Heiligen Familie vom Zürcher Maler Richard Nüscheler. Er hat es im selben Jahr geschaffen wie die Zuger die Altäre. Es ist somit von einer Zusammenarbeit auszugehen.

Die beiden Seitenaltäre mit reichem Figurenschmuck in der Kirche von Schänis zeugen eindrucksvoll von der fundierten Stilkenntnis und der handwerklichen Spitzenqualität der zwei Meisterstuckateure aus Zug.

Griessls Erbe lebt weiter

Spätestens mit dem Tod von Hubert Zotz im Juli 1960 dürfte die Firma in ihrer Form Geschichte gewesen sein. Von Alois Griessl aber weiss man, dass er weiterhin auf seinem Beruf tätig blieb, wohl als Einzelfirma, dies bis ins hohe Alter. Noch als 84-Jähriger vollendete er einen grossen Auftrag in der Klosterkirche von Bellelay im Berner Jura. Am 8. März 1971 verschied Alois Griessl. In der Chronik vom «Zuger Neujahrsblatt» waren die würdigenden Worte zu lesen: Mit 94 Jahren starb in Zug der berühmte Stuckbildhauer Alois Griessl, der mit technischer Sicherheit und künstlerischem Feingefühl bei Renovationsarbeiten in Kirchen und Klöstern die barocke Herrlichkeit wieder aufleuchten liess.

Alois Griessl hatte noch zu Lebzeiten das Geschäft an seinen jungen Mitarbeiter Lothar Knöchel verkauft, der es ab 1962 unter seinem Namen weiterführte. Josef Brunner (1909-2000), von 1970 bis 1974 kantonaler Denkmalpfleger, schreibt 1974, wie er Knöchels Handwerk bei dessen Arbeit im Kloster Frauenthal bewunderte. Brunners Worte: Da sind die meisterliche Hand und der Geist von Alois Griessl wirksam, die gleiche Liebe und Begeisterung, die Hingabe an das Werk. So lebt das künstlerische Werk von Meister Griessl nicht nur in den über hundert Kirchen der Schweiz weiter, sondern es wirkt durch seine Mitarbeiter in die Zukunft.

Ab 1978 war Antonio Pungitore Vorarbeiter bei Lothar Knöchel. Als Letzterer Ende 1994 verstarb, übernahm Pungitore das Geschäft. Die Firma Knöchel & Pungitore AG hat ihren Sitz heute in Littau. Sie pflegt Alois Griessels Erbe weiter und somit auch dasjenige der seinerzeit namhaften Zuger Firma Zotz & Griessl.

Hinweis: Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.

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