ZUG: Der Wind hat ein Lied erzählt

Cristina Branco ist eine Fadista der neuen Generation. Ihre Fusion von Tradition und Moderne ist in der Shedhalle bestens gelungen.

Haymo Empl
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Cristina Branco singt in der Shedhalle. (Bild: Roger Zbinden (Zug, 28. Januar 2017))

Cristina Branco singt in der Shedhalle. (Bild: Roger Zbinden (Zug, 28. Januar 2017))

Haymo Empl

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Die Erwartungen an Cristina Branco waren hoch – seit Jahren gilt sie als Exportschlager des Fado und wird längst nicht mehr als Geheimtipp gehandelt. Entsprechend voll war am Samstag die Shedhalle Zug, das Konzert war ausverkauft. Nun, Fado ist nicht gleich Fado: Die zeitgenössischen Fado-Sängerinnen überschreiten die traditionellen Grenzen ihres Genres bewusst und provozieren damit im Heimatland Portugal. Cristina Branco zeigte am Konzert auch relativ schnell, dass sie sich von bestehenden Strukturen losgelöst hat. Teilweise wenigstens, denn auch in ihren eigenen Kompositionen und neuen Interpretationen bekannter Klassiker waren die Referenzen an die musikalische Tradition unüberhörbar.

Unter allen bekannteren Fadosängerinnen hat sie sich am meisten vom Genre entfernt: In den Liedern von Cristina Branco haben zeitgenössische Poeten, Pop und Tango (fast) gleichberechtigt Platz. Am Konzert wurde das in der zweiten Hälfte entsprechend thematisiert, Branco erklärte dem Publikum, dass es wichtig sei, auch neue Einflüsse in der Musik zu berücksichtigen, denn nur so könne eine Weiterentwicklung im Fado stattfinden. Klar, dass diese Entwicklung in ihrem Heimatland nicht nur goutiert wird, entsprechend hat sie darüber ein Lied geschrieben und vorgetragen. Dabei stellte man verblüfft fest, wie sehr es der Künstlerin gelingt, die Essenz ihrer Lieder zu transportieren, obschon man die Sprache nicht versteht. Dies gelang ihr einerseits durch ihr expressives Können, aber auch durch Einsatz von Körper und Mimik. Beinahe vor jedem Lied erklärte die 45-jährige Portugiesin jeweils kurz den Inhalt, und sofort wurde jedem Zuhörer die musikalisch erzählte Geschichte klar.

Der Prophet im eigenen Land ...

Cristina Branco startete ihre Karriere ausserhalb von Portugal – ihre ersten Konzerte gab sie auf Einladung in den Niederlanden und wurde dort mit offenen Armen empfangen. Von Amsterdam aus werkelte sie stetig und erfolgreich an ihrer internationalen Karriere, in Portugal selbst wird sie weniger als Fado-Superstar wahrgenommen als ausserhalb der einstigen Seefahrernation. Vielleicht kann sie sich deshalb zum Thema Fado dezidierter äussern – so als «Prophetin-nicht-im-eigenen-Land»- und findet dadurch auch mehr Gehör. Denn die umgekehrte Variante funktioniert bekanntermassen weniger gut. Klar, vor über 25 Jahren hat die Sängerin einst als traditionelle Fadista begonnen, sich dann aber weit davon entfernt, entsprechend war das Konzert für sie bestimmt ein Kompromiss, denn sehr zur Freude des Publikums wurden auch traditionelle Stücke gespielt.

Amália Rodrigues galt als das «Fado-Wunder» schlechthin, und auch Cristina Branco war eine ihrer Bewunderinnen. Aber: «Amália Rodrigues ist mein Vorbild. Nicht, weil sie Fadista war, sondern weil sie diese einzigartige Stimme hatte», sagte die Sängerin unlängst in einem Interview. «Paradox ist, dass ich jetzt, wo ich mich vom Genre entferne, die Lebenserfahrung für klassischen Fadogesang hätte», so die Fadista weiter.

Matrosen, Liebe und Drama

Die klassischen Sujets des Fado sind historisch bedingt festgelegt: Frauen, die auf ihre Männer warten – diese sind auf hoher See. Würden sie zurückkommen? Wann? Waren sie treu? Blieben sie gesund? Würden die schmachtenden Lieder vom Wind zu den Männern fernab getragen werden? Diese bekannten Sujets hat Cristina Branco partiell in ein neues Zeitalter transferiert; da wäre beispielsweise dieses eine Lied von der alleinerziehenden Mutter in einem kleinen Dorf in Portugal ohne Kontakt zur Aussenwelt. Die einzige Kommunikationsmöglichkeit dieser besungenen Frau sei Facebook. Nun ja, ob diese Motive funktionieren, sei dahingestellt. Aber: Dieser Weltschmerz im Herzen, den die Sängerin problemlos transferieren konnte, dieses typische, schnelle Fado-Vibrato – verblüffend akzentuiert. Gezogene Töne, dramatisch ausgestossen und dazu begleitet von einer umwerfend gespielten portugiesischen Gitarre, all das machte die Darbietung so einzigartig.

Apropos Gitarre(n): Manchmal wurde das Instrument nur gezupft, in einer unglaublichen Schnelligkeit, der Anschlag gedämpft, dann wieder losgelassen, um mit maschinengewehrartigen Salven erneut loszudonnern. Die musikalische Begleitung war ergo genau so spannend wie die Darbietung der Lieder, ein Umstand, welchem die Sängerin Rechnung trug: Sie bedankte sich mehrmals bei den drei Musikern und erklärte dem Publikum auch, dass sie gemeinsam so viele Stunden unterwegs seien, dass sie mittlerweile wie eine Familie agieren würden. Dann ein neues Lied als Zugabe, es gehe um den Wind, erklärte die Sängerin. Ihre Stimme wurde beim Gesang sofort weicher, passte sich dem Flüstern des Windes an ... der gute Neuigkeiten bringen soll.