ZUG: «Die Schulnoten hemmen eine Karriere nicht»

Diese Woche erhalten Kinder und Jugendliche ihre Zeugnisse. Das sollte keine ­Familienkrise auslösen, findet ­Peter Müller vom Schulpsychologischen Dienst.

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Zeugniszeit: Da kann es helfen, mit den Kindern zusammen zu sitzen und über die Noten zu sprechen. (Bild: Getty Images)

Zeugniszeit: Da kann es helfen, mit den Kindern zusammen zu sitzen und über die Noten zu sprechen. (Bild: Getty Images)

Peter Müller, die Schulkinder kommen nunwiedermitZeugnissennachHause. Was bedeutet das für die Eltern?

Peter Müller: Sicher ist immer eine gewisse Spannung mit dabei: Die Leistungen sind schliesslich nun schwarz auf weiss dokumentiert. Aber eigentlich müssen sich die Eltern nicht grosse Sorgen machen. Sie sollten in etwa wissen, wo ihr Kind steht. Diese bringen die Prüfungen mit den Noten ja jeweils mit nach Hause, und die Eltern müssen sie unterzeichnen. Das heisst, die Eltern haben schon vor dem Zeugnis Einblick auf die notenmässigen Leistungen ihrer Sprösslinge.

Und doch ist ein Überraschungs­moment im Spiel, wenn die ­Zeugnisse auf den Tisch kommen. Wenn sie gut sind, ist es ja ein Einfaches, die Kinder zu loben. Wie sieht es aus der Sicht des Schulpsychologischen Diensts mit Belohnungen aus?

Müller: Eine Note 4 kann für das eine Kind eine sehr gute Note sein, für das andere eine Enttäuschung. Das «Sich-Mühe-Geben» ist doch wichtig. Das sollten die Eltern belohnen. Das kann und darf durchaus auch einmal ein «Zustupf», sprich: Geld, sein für etwas, wofür das Kind schon lange gespart hat.

Wie sieht es aus, wenn Kinder nicht so gute Noten nach Hause bringen? Soll man sie ermuntern oder ihnen gar Sanktionen auferlegen? Oder soll man versuchen, etwa bei einer Mathe­schwäche Hilfe zu holen?

Müller: Die Kinder wissen genau, wo sie stehen, wo sie gut sind, wo sie sich im Vergleich zu den Schulkameraden befinden und wo sie noch arbeiten müssen. Die Noten sollten für die Eltern Anlass sein, mit dem Kind über die Schule, das Lernen und die Ziele auch die langfristigen – zu sprechen.

Und was raten Sie da den Eltern?

Müller: Ich rate ihnen: Sitzen Sie mit dem Kind zusammen. Besprechen Sie die Noten, auch die schlechten. Fragen Sie das Kind, wie es selbst die Situation einschätzt. Suchen Sie das Gespräch in der Schule mit der Lehrperson. Die Lehrperson weiss, was zu tun ist. Sie kennt die Hilfsangebote.

Wie wichtig sind heutzutage noch Zeugnisse für das spätere Leben?

Müller: Ich finde die Zeugnisse nach wie vor wichtig. Die Kinder lernen, über sich und ihre Leistungen nachzudenken. Die Schulen und unser Schulsystem sind heute, mehr als früher, so angelegt, dass immer, wenn Fortschritte eintreten, eine Weiterentwicklung möglich ist. Die Noten hemmen eine Karriere nicht. Sie zeigen aber, in welche Richtung es gehen könnte.

Wie kann man denn Kindern die Angst vor Noten nehmen?

Müller: Kinder verlieren die Angst vor den Noten, wenn wir sie nicht wegen der Noten gern haben, sondern einfach weil sie so sind, wie sie sind. Vielleicht tut es auch ganz gut, wenn die Mutter und der Vater mal aus der eigenen Schulzeit plaudern und das eine oder andere Geheimnis zu ihren Noten verraten.

Hört sich leicht an. Wie kann man Kinder trotz weniger guten Noten für die Schule motivieren?

Müller: Kinder haben Interessen, Steckenpferde, Ziele. Damit das Kind gerne lernt, muss es uns gelingen, diese Interessen mit dem Lernen in der Schule zu verbinden. Stellen Sie sich den eishockeybegeisterten Jungen mit Rechenschwierigkeiten vor, dem wir die Aufgabe geben, die Statistik des EVZ mit in die Schule zu bringen ... Da gibt es tausend Rechenmöglichkeiten, die ihn interessieren!

Neben den zahlenmässig bewerteten Schulleistungen gibt es ja auch die Bewertung für soziales Verhalten der Kinder in der Schule. Wie wichtig sind diese Noten aus Ihrer Sicht?

Müller: Eine Rückmeldung über die so­zialen Kompetenzen finde ich mindestens so wichtig wie die Noten in den Fächern. Für eine Anstellung später ist es doch entscheidend, dass ich gelernt habe, mit anderen zielorientiert zusammenzuarbeiten, mich respektvoll zu verhalten, Verantwortung zu übernehmen oder meine Meinung konstruktiv einbringen zu können. Das sind alles Kompetenzen, die beurteilt werden.

Wie oft wird eigentlich der Schulpsychologische Dienst mit Fragen zum Zeugnis konfrontiert, und welche Hilfsangebote können Sie für Kinder und Eltern anbieten?

Müller: Selten. Für mich ist das ein Zeichen, dass die Lehrpersonen einen super Job machen und unsere Zeugnisse gute Dokumentationen für die Lernfortschritte unserer Kinder sind. Wenn sich Eltern aber trotzdem sorgen, sind wir eine Anlaufstelle. Dann können wir die Eltern beraten und ihnen einen Weg zeigen. Eltern können bei uns einfach anrufen. Wir geben auf jeden Fall einen Rat. Wolfgang holz wolfgang.holz@zugerzeitung.ch

Peter Müller: «Kinder verlieren die Angst vor den Noten, wenn wir sie nicht wegen der Noten gern haben.» (Bild: PD)

Peter Müller: «Kinder verlieren die Angst vor den Noten, wenn wir sie nicht wegen der Noten gern haben.» (Bild: PD)