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ZUG: Diese einmalige Chance sollten wir nicht verpassen

Leitartikel von Christian Peter Meier, Chefredaktor der «Neuen Zuger Zeitung», zum Zuger Stadttunnel.
So soll der Stadttunnel dereinst aussehen. (Bild: PD Visualisierung)

So soll der Stadttunnel dereinst aussehen. (Bild: PD Visualisierung)

Verschiedene Anlässe führten mich während der vergangenen Tage und Wochen nach München, Wien, Frankfurt, Bad Homburg, Schaffhausen und Luzern. Auslöser für die Reisen war nicht der Zuger Stadttunnel, noch habe ich mich vor Ort in erster Linie mit städtebaulichen oder verkehrsspezifischen Fragen beschäftigt. Trotzdem: Die Besuche in diesen Metropolen, Städten und Städtchen zeigten gleichsam beiläufig und doch so eindrücklich, woran es in Zug mangelt: an einer grossen, zentralen verkehrsfreien oder verkehrsarmen Zone. Denn wo immer ich eintraf, empfing mich ein beruhigter und doch so lebendiger, ja vibrierender Ortskern – selbst im angeblich beschaulichen Bad Homburg an einem Werktag nachmittags um halb drei. Mein persönliches und eigentlich wenig überraschendes Fazit: Wo man den Verkehr in Schranken weist, versammeln sich die Menschen.

Zug hat es bislang trotz jahrzehntelanger Planung nicht geschafft, das Zentrum in ähnlicher Weise aufzuwerten. Entsprechend nüchtern, um nicht zu sagen trist, präsentiert sich die Hauptachse durch die Stadt: Die Baarerstrasse, die Bahnhofstrasse, die Neugasse sind Orte, an denen sich die meisten nicht länger als nötig aufhalten. Einzig der Landsgemeindeplatz wurde gegen beträchtlichen Widerstand verkehrsfrei – zum Glück, wie heute selbst ehemalige Gegner betonen. Ausserdem die innere Altstadt, was auch nicht falsch ist, aber mit Blick auf die Stadtentwicklung doch ein wenig absurd: Ausgerechnet da, wo ein öffentliches Leben von den Anwohnern erfolgreich bekämpft und zurückgebunden wird, wären heute die Bedingungen dazu aus verkehrstechnischer Sicht ideal.

Der Stadttunnel wird das Zuger Zentrum in eine neue Ära katapultieren: Vom Norden bis in den Süden, vom Metalli bis zum Casino wird er dank seiner durchdachten Anlage mit vier Portalen und einem unterirdischen Kreisel, aber vor allem auch dank der ihn begleitenden Massnahmen (Zentrum Plus) den Verkehr deutlich und dauerhaft minimieren. Dabei ist der Tunnel kein «Monsterbauwerk», wie er mitunter bezeichnet wird. Ganz im Gegenteil: Nach seiner Vollendung wird er kaum zu sehen sein.

Wäre dieses Bauwerk günstig zu haben, würden wir wohl nicht gross darüber streiten. Doch der Stadttunnel hat einen stolzen Preis, was noch zurückhaltend formuliert ist: 890 Millionen Franken hat die Zuger Baudirektion für das Projekt veranschlagt. Ich begreife alle, die sagen, so viel sei ihnen die Sache nicht wert. Manche reden von falsch gesetzten Prioritäten, von herausgeworfenem Geld. Und ein Zuger hat mir gegenüber mit Blick auf die Visualisierung der verkehrsfreien Vorstadt gemeint, er wolle keine «Ascona-isierung» Zugs.

Man kann das so sehen. Für mich dagegen ist der hohe Baupreis eine lohnenswerte Investition in die Zukunft. Die Finanzierung ist überdies geregelt – und überzeugt durch die geschickte Verteilung der finanziellen Last: Ein Teil des Geldes stammt aus dem Strassenbaufonds, ein noch grösserer Teil wird über eine temporäre Erhöhung der Motorfahrzeugsteuern und damit von den Verursachern des Verkehrsproblems bezahlt, die Stadt Zug beteiligt sich mit 100 Millionen Franken, die verbleibenden 235 Millionen Franken werden der ordentlichen Staatsrechnung belastet. Ausserdem lehrt die Erfahrung ja ohnehin, dass so manches Grossprojekt zu Beginn als gigantisch erscheint, in der Retrospektive aber als günstig. Selbst der immer wieder zitierte Furkatunnel, bei dem die Kosten bekanntlich völlig aus dem Ruder liefen, war aus heutiger Sicht ein finanzielles Schnäppchen. Etwas Optimismus ist also auch bei unserem Zuger Vorhaben angezeigt.

Zu behaupten, der Stadttunnel löse in Zug sämtliche Verkehrsprobleme, wäre allerdings unehrlich. Das Projekt sorgt aber, wie beschrieben, zu einer klaren Aufwertung des Stadtzentrums und zu einer Verflüssigung des Durchgangsverkehrs. Er wird die Autos überdies auf die Ausfallachsen leiten, namentlich auf die Nordstrasse, die ja auch dafür gebaut wurde, heute zu gewissen Tageszeiten allerdings bereits an ihre Kapazitätsgrenzen stösst und darum (mit oder ohne Stadttunnel) ausgebaut werden muss.

Grund dafür istdas anhaltende und schnelle Wachstum des Individualverkehrs. Möglicherweise werden neue Technologien wie das selbst fahrende Auto unser Mobilitätsverhalten dereinst verändern. Ich wünsche mir das. Gleichzeitig halte ich es mit Blick auf das aktuelle Bauprojekt für blauäugig, von einem schnellen Paradigmenwechsel auszugehen. Erst recht im reichen und weiter wachsenden Zug! Hier wird das eigene schicke Auto noch lange zu den erstrebenswerten Gütern gehören.

Wenn die Zugerinnen und Zuger am 14. Juni an der Urne Nein sagen zum Stadttunnel, sagen sie darum Ja zum Status quo und nehmen es in Kauf, dass sich die Verkehrssituation und die Aufenthaltsqualität im Stadtzentrum nach und nach weiter verschlechtern. Für mich wäre das eine verpasste Chance und persönlich eine Enttäuschung. Gleich den Untergang Zugs, wie er dieser Tage ab und zu skizziert wird, würde es freilich auch nicht bedeuten.

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