ZUG: Ein malträtierter Grabstein

Grabungen in der Oswaldskirche in den frühen 1960er-Jahren brachten unter anderem Aufschluss über die einstige Bestattungskultur im und ums Gotteshaus. Eine aufgefundene Grabplatte bleibt rätselhaft.
Andreas Faessler
Gab und gibt noch immer einige Rätsel auf: die ehemalige Grabplatte der Veronika Letter-Uttinger in der Kirche St. Oswald.

Gab und gibt noch immer einige Rätsel auf: die ehemalige Grabplatte der Veronika Letter-Uttinger in der Kirche St. Oswald.

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Wo immer erstmals umfang­reichere Ausgrabungsarbeiten in einer mittelalterlichen Kirche vorgenommen werden, darf man sich auf so manch überraschende Erkenntnis gefasst machen. Nicht anders war dies bei der Innen­renovation der Oswaldskirche im Jahre 1962, im Zuge derer man auch den Untergrund des Bodens freilegte. Nicht nur gewann man tiefere Einblicke in die bewegte Baugeschichte des Gotteshauses, es gelang den Historikern auch, ein detaillierteres Bild der früheren Bestattungskultur rund um St. Oswald zu zeichnen. Seit dem ersten Bau war die Kirche von einem Friedhof umgeben, der im Jahre 1867 schliesslich aufgelassen und verlegt worden ist. Angesehene Bürger und Mitglieder aus einflussreichen Zuger Familien fanden im Kircheninneren ihre letzte Ruhestätte, wie entsprechende Funde bezeugen.

Ein sepulkral-kulturelles Relikt warf allerdings gewisse Fragen auf, welche nie abschliessend beantwortet werden konnten: Als man den Boden des nördlichen Seitenschiffs entfernte, stiess man zwischen den beiden hinteren Arkadenpfeilern auf eine Grabplatte. Sofort erkannten die Archäologen, dass sie da nicht von Anfang an gewesen war. Sie war in der Mitte auseinander­gebrochen. Die Tatsache, dass die beiden Hälften zwar wohl zusammengehören, ihre Bruch­stellen aber nicht zueinanderpassten, lassen darauf schliessen, dass der Stein gewaltsam, res­pektive mutwillig beschädigt worden ist. Ein weiterer deut­licher Hinweis, dass die Platte ­ursprünglich woanders gelegen hatte, war ­derjenige, dass ihre Inschrift nach unten zeigte – man hat die Platte verkehrt herum hier hingeworfen.

Auf der stark abgewetzten Schauseite der Grabplatte lassen sich neben der Inschrift drei Wappen ausmachen. Zwei kleine, welche wohl je auf eine männ­liche und eine weibliche Person verweisen und ein grosses Hauptwappen: ein Kleeblatt über einem Dreiberg. Dieses steht weder mit der Familie Letter noch mit der Familie Uttinger in nachvoll­ziehbarem Zusammenhang. Es könnte auf die in der Zentralschweiz verbreiteten Familien Suter oder Fellmann hinweisen – in welchem Kontext, bleibt offen. In Frage zu stellen, ob die beiden Grabplattenhälften überhaupt zusammengehören, wäre an dieser Stelle zu verwegen – es ist davon auszugehen, dass sie es tun. Der stark verblichenen Inschrift hat sich nach der Auffindung Pfarr-Resignat Albert Iten (1895–1976) angenommen. Er hat sie wie folgt entziffert, oder – besser gesagt – rekonstruiert: Hie ligt ­begraben die ... Ehren- und dugentsam (?) Frauw Veronica Uttingerin was her Luttenant (?) Johan Jacob Letters eliche (?) hus (?) Frauw, hatt mit im (?) ehelichen Standt ... starb ires Alter im ... Merz. Gott tröst ihr Seel, Amen.

Die Platte hatte demzufolge einst ein Frauengrab bedeckt. Doch wo genau diese ursprüng­liche Grabstätte in der Kirche zu lokalisieren ist, konnte nicht abschliessend geklärt werden. Eine historisch belegte Stiftung in der Kirche liefert jedoch einen Hinweis: Der Ehemann dieser Veronika geb. Uttinger, Hans Jakob Letter († 1652), war Zuger Säckelmeister sowie Stadt- und Amtsratsmitglied. Er und seine Frau hatten mindestens zwei Töchter, Barbara und Helena, sowie einen Sohn, Johann Jakob. Das Ehepaar Letter-Uttinger hat anno 1602 den linken, dem hl. Jakob ge­weihten Seitenaltar, den «Letter-Altar», gestiftet. Als ursprüng­liche Totenstätte kommt dem­zufolge eine auf Seite des Hauptschiffes angelegte Grabkammer am Fusse des vordersten linksseitigen Arkadenpfeilers in Frage. Diese Grablage ist dem «Letter-Altar» am nächsten.

Wie und weshalb die schwere Sandsteinplatte an die Stelle zu liegen kam, wo sie 1962 aufgefunden wurde, und warum man mit ihr so grob und dem Anschein nach respektlos verfuhr, bleibt wohl für immer im Dunkeln. Heute befindet sich der mit ­Mörtelmasse wieder zusammengefügte Grabstein der Veronika Letter-Uttinger als Epitaph an der Wand im hinteren Teil des nördlichen Seitenschiffs.

Hinweis

Mit «Hingeschaut» gehen wir Details mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach. Frühere Beiträge finden Sie online unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

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