ZUG: Eine Auslagerung der Kultur auf Zeit

Über ein Jahr lang schliesst das Theater Casino seine Türen. Es wird saniert. Die Betreiberin hält den Kulturbetrieb aber aufrecht – und sieht darin neue Chancen.

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Bereit für den Umzug: TMGZ- Intendant Samuel Steinemann auf der Bühne des Theatersaals. (Bild Maria Schmid)

Bereit für den Umzug: TMGZ- Intendant Samuel Steinemann auf der Bühne des Theatersaals. (Bild Maria Schmid)

Wenn Kunst- und Kulturstätten mit überregionaler Ausstrahlung vorübergehend ihre Türen dicht machen müssen, stehen die Betreiber vor einer grossen Aufgabe. Schliesslich soll das Publikum auch während dieser Zeit nicht auf den Kulturgenuss verzichten müssen. Wie der temporäre Ausfall einer Bühne geschickt überbrückt werden kann, demonstriert aktuell die ehrwürdige Oper in Genf. Während der Komplettsanierung findet der Kulturbetrieb in einem hölzernen Opernhaus-Provisorium statt. Ein wahrer Kraftakt, der sich jedoch bewährt.

Mehrere Spielstätten

Ähnliches steht in diesem Frühsommer dem Theater Casino Zug bevor. Wegen Sanierung wird der Gebäudekomplex für rund 14 Monate dicht gemacht. «Doch der Kulturbetrieb wird selbstverständlich auch bei uns nicht pausieren», verspricht Samuel Steine­mann, Intendant der Theater- und Musikgesellschaft Zug (TMGZ). Die Leitung hat sich also etwas einfallen lassen – sie wird den Betrieb auslagern, und zwar in mehrere umliegende Spielstätten. Eine davon wird die ­Shedhalle an der Hofstrasse sein, wo von Dezember 2016 bis Ende März 2017 die meisten Aufführungen stattfinden werden. Auch auf die Chollerhalle wird man mit einigen Anlässen ausweichen. Abgesehen von diesen beiden Alternativen sucht die TMGZ derzeit noch nach weiteren Orten. «Orchesterkonzerte finden fast alle in der Kirche St. Johannes in Zug statt», so Steinemann. «Und für ‹Casino on Stage› werden wir in die Galvanik ausweichen.» Im Gespräch ist die TMGZ derzeit auch mit der Bavaria Auto AG in Baar, die im Obergeschoss über eine Autoeinstellhalle verfügt, welche sich beispielsweise für Comedy eignet. «Und eine Produktionshalle der V-Zug ist ebenfalls eine Option, über die wir noch verhandeln», sagt Steinemann weiter.

Kein Grund für Skepsis

Die Vorbereitungen laufen schon länger auf Hochtouren. Organisieren, finanzieren, bewerben sind die drei Hauptkomponenten. Steinemann: «Diese ganz einzigartige Saison ausser Haus bedeutet natürlich auch höhere Kosten. Wir haben dafür einerseits Rückstellungen gemacht und sind andererseits in diesen Wochen intensiv im Gespräch mit Sponsoren.» Doch trotz des Mehraufwands ist der Intendant überzeugt: «Es ist einerseits eine spannende Herausforderung für die TMGZ und andererseits auch eine grosse Chance. Letzteres nicht nur für uns, sondern auch für das Publikum sowie Sponsoren.» Man werde das Programm in der gewohnten Qualität an ungewohnten Orten erleben können. «Dass die bisherige Kunst unseres Hauses teils auch in experimentelle Räume geht, macht sie einzigartig und besonders erlebnisreich», ist Steinemann überzeugt. Er kann sich vorstellen, dass der eine oder andere Stammgast des Theater Casino diesem ungewohnten Intermezzo heute noch etwas skeptisch entgegenschauen mag. «Aber jegliche Zweifel sind unberechtigt», beschwichtigt Steinemann gelassen. «Der Anspruch an die Qualität bleibt ja erhalten. Wir zielen auch im Rahmen dieser Auslagerung ganz auf unser Stammpublikum ab und können dieses hoffentlich noch erweitern.»

Keynote Jazz in der S-Bahn

Auch die Künstler, welche ihre Auftritte nun ausserhalb der Bühne im Theater Casino bestreiten werden, seien gewillt, sich auf dieses «Experiment» einzulassen, sagt Steinemann. Etwas besonders Originelles hat man sich für den Keynote Jazz ab Januar 2017 einfallen lassen: Nach dem Fahrplanwechsel der ÖV will die TMGZ eine S-Bahn-Komposition mieten, die während des Konzerts im Schritttempo von Zug nach Walchwil und zurück fährt – wohlbemerkt mit dem gewohnten Gastro-Angebot. «Für die Keynote-Jazz-Ausgaben in den Monaten zuvor suchen wir noch eine Lösung», sagt Samuel Steinemann. Die TMGZ sieht vor, für diejenigen Veranstaltungen, die nicht in ­Gehweite vom Theater Casino liegen, einen Gratis-Shuttle anzubieten, wodurch dem Publikum kein zusätzlicher Anreiseaufwand entsteht.

Mit dem Avishai Cohen Trio am 27. Mai fällt der letzte Vorhang dieser Saison im Theater Casino. Kurz darauf starten die Arbeiten. Mitte Juni wird das Programm für die Übergangszeit präsentiert – wo das stattfinden wird, ist zum Zeitpunkt noch offen.

Andreas Faessler