ZUG: Eine Installation zwischen Himmel und Erde

Annemie Lieder und Evelina Cajacob zeigen in der City-Kirche Kunstwerke, die zum Nachdenken anregen – und neue Assoziationen wecken.

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Bespielen die City-Kirche mit ihrer Kunst: Annemie Lieder (links) und Evelina Cajacob. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 22. Mai 2017))

Bespielen die City-Kirche mit ihrer Kunst: Annemie Lieder (links) und Evelina Cajacob. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 22. Mai 2017))

Sieben Hemden von längst verstorbenen unbekannten Menschen schweben mit ausgebreiteten, engelsgleichen Flügeln durch den Raum der City-Kirche Zug. Es ist eine Installation der in Sins wohnhaften Zuger Künstlerin Annemie Lieder. Sie erzählt: «Nach dem Tod meiner Mutter fand ich auf dem Estrich mein Taufkleid, das sie vor 58 Jahren für mich genäht hatte.» Annemie Lieder hat das Kleidchen mit Stickereien verziert, es an einen rucksackähnlichen Körper gehängt, den man wegtragen kann. «Es war, es ist, es wird», kommentiert die Künstlerin.

Die Zahl sieben

Weit auffälliger sind die eingangs erwähnten sieben Hemden, die seit hundert Jahren in Schachteln geruht haben, ehe sie Annemie Lieder nun wieder zu neuem Leben erweckt hat, was sie sinnieren lässt: «Warum sind es sieben Hemden, die überlebt haben? Erinnern sie an die sieben Tage der Woche, die Gott gebraucht hat zur Erschaffung der Erde? Oder mahnen sie an die sieben Todsünden, oder steht die Sieben als christliches Symbol für Leib und Seele der Menschen?» Laudator Urs Sibler, der Kurator des Museums Bruder Klaus in Sachseln, sagte am Montag anlässlich der von rund 40 Personen besuchten Vernissage: «Annemie Lieder führt dem Betrachter ihrer Installation klar vor Augen, was Leben und Wachstum bedeuten. Das Unscheinbare, das Flüchtige, das sich ständig Wandelnde verdient Aufmerksamkeit.»

Drei Vorstellungen von Dauer und Ewigkeit

Die Bündner Künstlerin Evelina Cajacob regt den Betrachter mit zwei eindrücklichen Installationen zum Nachdenken an. Unter der Bezeichnung «Il paun da mintgadi» (unser tägliches Brot) kneten zwei Hände unaufhörlich Teig. Eine runde, silberne Schale, die als Projektionsfläche dient, ist Teil einer Kugel, die je nach Blickwinkel konvex erscheint und an einen Planeten erinnert.

In einer Videoprojektion unter der Empore der City-Kirche zeigt die Künstlerin wiederum zwei Hände, die scheinbar endlos ein Wollknäuel wickeln: Drehung um Drehung. Stephan Kunz, der Direktor des Bündner Kunstmuseums in Chur, betonte in seiner Laudatio: «Evelina Cajacob weckt mit ihrer Installation ‹LangeZeit› im Kirchenraum neue Assoziationen, die sie – und das ist die Stärke dieser Arbeit – nicht fixiert. Sie verleiht ihr eine allgemeine Gültigkeit. Das Videoprojekt ‹LangeZeit› verbindet drei Vorstellungen von Dauer und Ewigkeit zu einem Bild, in dem das Alltägliche in höchster Verdichtung erscheint: durch den ewig langen Faden, durch das Aufwickeln und letztlich im Bild der Kugel, in der alles zusammenfindet.» Die beiden Arbeiten von Evelina Cajacob würden uns, so Stephan Kunz, manifestieren und vergegenwärtigen, dass grosse Gedanken oft von der Berührung alltäglicher Dinge ausgehen könnten. In der steten Wiederholung vertrauter Verrichtungen klinge etwas nach, das unser Eingebundensein im Alltag transzendiere.

Die Vernissage wurde von der Cellistin Katharina Schwarze eindrucksvoll umrahmt.

Martin Mühlebach

redaktion@zugerzeitung.ch

Hinweis

Ausstellung «Zwischen Himmel und Erde» in der City-Kirche Zug, bis 5. Juni 2017. Öffnungszeiten unter der Woche: 16 bis 19 Uhr; Samstag: 12 bis 17 Uhr; Auffahrt und Sonntag: 12 bis 16 Uhr.