ZUG: Eine Liebe, eine Hütte, ein Haarschnitt

Coiffeur und Handwerker Diosdado Capalungan hat viele Talente und in der Schweiz wenig Rechte – weshalb Künstlerin Vreni Spieser jetzt ihre Liebe öffentlich macht.

Susanne Holz
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Vreni Spieser und Diosdado Capalungan führen eine Fernbeziehung und sind nun vereint – dank eines Kunst­projekts. Auf dem Stuhl: Daisy. (Bild Christian H. Hildebrand)

Vreni Spieser und Diosdado Capalungan führen eine Fernbeziehung und sind nun vereint – dank eines Kunst­projekts. Auf dem Stuhl: Daisy. (Bild Christian H. Hildebrand)

Dieser Haarschnitt birgt den Duft der grossen, weiten Welt. Denn der Coiffeur ist als Matrose, Steuermann und Schiffskoch zwanzig Jahre lang über die Weltmeere gefahren – und hat auf Containerschiffen zahlreichen Menschen eine flotte Frisur verpasst. Diosdado Capalungan schneidet umsichtig und genau, das kleine blonde Mädchen sitzt da und wartet ab: Ob die Frisur wohl gut wird? Immerhin ist der Salon speziell.

Der Schauplatz am Mittwochnachmittag: Eine traditionelle philippinische Bambushütte, auch Nipa-Hütte genannt, steht vor dem Haus Zentrum an der Stadtzuger Zeughausgasse. Die Sonne scheint, Künstlerin Vreni Spieser hat die Umgebung mit Ornamenten geschmückt, die sich aus drei Flaggen zusammensetzen: der philippinischen, der Schweizer und der Zuger Flagge. Diosdado Capalungan hat sich mit ­allerhand Werkzeug eingerichtet – der 47-jährige Allrounder von den Philippinen kann nicht nur Haare schneiden, Schiffe steuern und kochen, sondern ist auch diplomierter Automechaniker und gewiefter Reparateur der verschiedensten Dinge. Zudem ist er seit drei Jahren Vreni Spiesers Lebenspartner. Wobei der Begriff Lebenspartner die Sache nicht ganz trifft: In drei Jahren Beziehung konnten sich die Schweizerin und der Filipino erst elf Wochen sehen. Zu hoch sind die bürokratischen Hürden und die räumliche Distanz, zu knapp sind die Finanzen der beiden, um sich öfter zu begegnen.

«Going public»

Ziemlich gross ist aber der Einfallsreichtum der Künstlerin Vreni Spieser. Die 51-Jährige, in Zug geboren und aufgewachsen und seit 30 Jahren in Zürich zu Hause, hat sich vor ein paar Monaten fürs aktuelle Ausstellungsprojekt der Stadt Zug beworben – für «Herrliche Zeiten». Vreni Spiesers Vorschlag für eine Installation wurde einstimmig angenommen. Und nun steht sie also, die Bambushütte, vor dem Haus Zentrum, in der Diosdado Capalungan Reparaturen entgegennimmt, Haare schneidet, die Schweiz kennen lernt. Vreni Spieser assistiert, dolmetscht, besorgt Material. Beide zusammen machen sie ihre Liebe öffentlich – going public, so der Titel der Installation – und laden zu Gesprächen und Neugier ein.

Im Rahmen des Kunstprojekts erhielt Diosdado Capalungan ein sechswöchiges Visum als «visual artist» – seiner Partnerin war es bislang unmöglich, ihren Freund als Tourist in die Schweiz einzuladen. «Um das zu machen, müsste ich für ihn bürgen können – mit 30 000 Franken Vermögen oder einem monatlichen Einkommen von mindestens 5000 Franken», erzählt Vreni Spieser. Und welcher Künstler hat das schon? Gerne würde die 51-Jährige ihren Lebenspartner als Assistenten beschäftigen, doch auch hier mangelt es am Budget.

Zweifel an der Beziehung

Hinter der Nipa-Hütte hat Vreni Spieser Texte an die Wand geklebt: sehr lesenswerte Sätze über die Schwierigkeiten, auch der Stadt Zug, das Visum zu beschaffen. Und darüber, wie sie den Matrosen 2011 auf einem Containerschiff in Richtung Argentinien kennen lernte, über die Installation an sich sowie die Zweifel, die immer wieder aufkommen angesichts ihrer exotischen Beziehung. Vreni Spieser schreibt, es sei eher untypisch für sie, ihre Liebe bewusst nach aussen zu tragen, im Rahmen dieser Installation. Dann folgt die schöne Aussage: «Das Ganze ist relativ fragil. Aber genau darum geht es unter anderem: In einer Stadt, in der ich vieles als Fassade wahrnehme – zugegeben subjektiv –, durch diese Art von Verletzlichkeit Irritation zu erzeugen.»

Nicht weniger reflektiert und zudem sehr humorvoll liest sich Folgendes: «Was, wenn ich nicht die einzige allein reisende Frau auf dem Schiff gewesen wäre ... Kann ich meiner Intuition trauen ...?» Kompensation von Langeweile? Torschlusspanik? Vreni Spieser kommt zum überlegten Schluss: «Ach, was solls – Hauptsache, man ist glücklich (?)» Diosdado Capalungan sagt, im Sonnenschein neben seiner Hütte, für die eigens noch bei einem Bauern in Affoltern chinesisches Schilf gekauft wurde, nachdem der Zoll die Kokospalmenblätter zurückschickte: «Ich will mein Leben mit Vreni teilen – ich suchte so viele Jahre nach ihr.»

Hinweis

Noch bis zum 3. Oktober ist Diosdado Capalungan vor dem Haus Zentrum bereit für Reparaturen und Haarschnitte, unter der Woche von 11 bis 18 Uhr.