ZUG: Er hat ein fotografisches Gedächtnis

Der Zuger Historiker Marco Jorio hat sein Schaffen abgeschlossen und lässt sich pensionieren. Seinem Lebenswerk wird er aber noch nicht den Rücken kehren. Er will ihm noch einen neuen Dreh verpassen.

Marco Morosoli
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Marco Jorio hat die Federführung des Projekts «Historisches Lexikon der Schweiz» nach fast drei Jahrzehnten in andere Hände gelegt. (Bild: Stefan Kaiser)

Marco Jorio hat die Federführung des Projekts «Historisches Lexikon der Schweiz» nach fast drei Jahrzehnten in andere Hände gelegt. (Bild: Stefan Kaiser)

Marco Morosoli

Im Lesesaal der Bibliothek im alten Zuger Kornhaus sind Lexika aus vielen Zeitepochen und Ländern fein säuberlich aufgereiht. Der aktuellste Neuzugang ist der 13. und letzte Band des Historischen Lexikons der Schweiz (HLS). An einer Vernissage in Zürich im Oktober hat der ehemalige Bundesrat Moritz Leuenberger das Werk als die «Seele der Schweiz» bezeichnet.

Der in Zug geborene Marco Jorio (63) hat das Nachschlagewerk geprägt wie kein anderer. Er amtet 30 Jahre als HLS-Chefredaktor. Angefangen hat für den promovierten Historiker alles mit einer Machbarkeitsstudie Mitte der 1980er-Jahre: «Nachdem diese verfasst war, übernahm ich das Projekt.» Doch schon die Idee eines solch umfassenden Blickes in die Schweizer Geschichte hatte einst ein Zuger: Bundesrat Philipp Etter (18911977) am Ende der 1950er-Jahre. Er machte eine Ergänzung des siebenbändigen historisch-biografischen Lexikons der Schweiz aus den 1920er- und 1930er-Jahre beliebt. Am 1. Januar 1988 machte sich Marco Jorio an die Arbeit.

Den Auftrag hat er von der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften gefasst. Jorio erinnert sich noch, dass beim Projektstart die Schreibmaschinen ein wichtiges Utensil waren. Diese Geräte verstaubten aber mit dem Aufkommen des Internets in der Mitte der 1990er-Jahre schnell.

Fähigkeit, Dinge einzuordnen

Wenn Jorio über die Startphase des Lexikon-Projekts erzählt, ist er kaum zu stoppen. Sein fotografisches Gedächtnis hilft ihm, diese Mammutaufgabe zu bewältigen (siehe Box). Er kann sich an viele Details erinnern und liest jeden Artikel und das sind nicht wenige – in der Sprache, in der er verfasst wurde. Die Redaktionen in Bern, Bellinzona und Chur bearbeiten rund 36 000 Originalbeiträge, die von 3000 Mitarbeitern verfasst wurden. Später werden diese Artikel noch übersetzt und üppig bebildert. «Ich habe dabei immer nur die Originale gelesen. Einige davon gründlicher als andere», sagt Jorio. Das ist aber immer noch eine beachtliche Leistung. Dabei erhielt der Zuger Historiker einen Überblick über die Schweizer Geschichte von der Zeit der Höhlenbewohner bis in unsere Tage. «Das Gelesene zu memorieren, ist eine Wissenschaft für sich», fügt der 63-Jährige an. Dabei habe er gelernt, Dinge einzuordnen: «Das hat mir geholfen, die historischen Zusammenhänge zu sehen.»

Stehvermögen ist unabdingbar

Ein geschärfter Blick war vonnöten, musste Jorio doch die Artikel nicht nur grammatikalisch, sondern auch auf ihren historischen Kontext überprüfen. Das habe er aber nicht im stillen Kämmerlein gemacht, sondern oft auch bei den Autoren oder bei Experten nachgefragt. Stutzig sei er zum Beispiel geworden, als ein Autor in einem Artikel oder einer Biografie aus dem 14. Jahrhundert das Wort Souveränität verwendet habe. Ein Begriff, den es in dieser Zeit noch gar nicht gegeben habe: «Ich habe auch Fehler gefunden und Darstellungen, die nicht aufgehen.» Alles in allem bezeichnet er sich als «kritisch neugierig». Und manchmal habe er auch Korrekturen und Änderungsvorschläge angebracht.

Im Rückblick habe sich sein Job immer wieder gewandelt: «Ich stand immer wieder vor neuen Herausforderungen.» So erlebte er, wie die digitale Revolution dazu führte, dass Artikel ab 1998 im Internet publiziert werden konnten, bevor sie auch in Buchform (ab 2002) vorlagen.

Jorio sagt, er habe sich natürlich auch dann und wann überlegt, das Buchprojekt in andere Hände zu legen: «Als es zu laufen begann und die Arbeiten für die gedruckten Bände zunehmend repetitiv wurden, fragte ich mich schon, ob ich nicht noch etwas ganz anderes machen soll. Ich habe diese Ideen aber immer wieder verworfen.» Dies, weil der «Ehrgeiz, etwas zu Ende zu bringen», grösser war als die Lust auf ein neues Abenteuer. Sein Stehvermögen hat dazu beigetragen, dass das HLS für Jorio den Status eines Lebenswerks bekommen hat. Und nun sei es Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen, und er meint lachend: «Ich bekomme jetzt zwar eine Pension, gehe aber nicht in Pension.» Er werde nach all den Jahren der Hektik und des Produktionsdrucks alles ein wenig gemächlicher angehen, sich auch mal Zeit für Ferien mit seiner Frau nehmen können. Doch die Geschichte und die Lexika lassen ihn nicht los: «In den vergangenen Jahren ist vieles liegen geblieben. Die Arbeit wird mir nicht ausgehen.»

Das nächste Jubiläum steht an

Im neuen Jahr wird er sich schwerpunktmässig mit dem Wiener Kongress von 1815 beschäftigen. Dieser jährt sich 2015 zum 200. Mal und ist für das Verständnis der heutigen Schweiz elementar. So wurde nach dem Sturz Napoleons unter anderem auch die immerwährende Neutralität der Schweiz bekräftigt. Dies brachten aber nicht die Schweizer Kantone zu Stande, welche unter sich fürchterlich zerstritten waren, sondern die Vertreter der vier damaligen Siegermächte England, Preussen, Russland, Österreich. Für diese bewegte Zeit im frühen 19. Jahrhundert ist Jorio seit seiner Dissertation ein Experte, und er wird darüber verschiedene Vorträge halten und Artikel schreiben.

Zeit für neue Aufgaben

Für das HLS wird er auch noch einige Mandate übernehmen. Ein Zeichen, dass er seinem Lebenswerk noch den einen oder anderen neuen Dreh verpassen will.

Seine Forschung führt ihn dabei wieder vermehrt wie schon im laufenden Jahr – in den Kanton Zug. Denn Marco Jorio ist auch mit der Militärgeschichte des Kantons Zug bestens vertraut. So wird er für die nächste Ausgabe des «Tugium» einen Artikel zum Kriegsjahr 1915 verfassen. Die Geschichte des Ersten Weltkriegs neu aufzurollen, wie dies für den Kanton Zug im Zuger Periodikum getan wird, findet er sehr interessant: «Ich habe einiges gelernt. So war ich überrascht zu erfahren, dass die ‹Zuger Nachrichten› während des Ersten Weltkrieges extrem deutschfreundlich waren.» Ein Detail dazu erwähnt Jorio am Rande: «Der Chefredaktor der ‹Zuger Nachrichten› hiess damals übrigens Philipp Etter.»

Jorio ist jetzt auch Politiker

Marco Jorio befasst sich aber nicht nur mit geschichtlichen Themen, sondern auch mit aktueller Politik. In seiner Wohngemeinde Worb ist er Mitglied des Grossen Gemeinderats. Er sei als Parteiloser auf der Liste der GLP gewählt worden, war aber seit jeher der CVP verbunden. Zur Parlamentsarbeit hat ihn sein Sohn Nicola animiert: «Ich bin einfach so reingerutscht.»

Was er aber in Zukunft sicher nicht in Angriff nehmen wird, ist die Niederschrift einer Geschichte des Kantons Zug. Mit dem grossen Kantonsartikel Zug (Autor Peter Hoppe) im 13. und letzten HLS-Band ist dazu wenigstens ein Anfang gemacht. Wieso reizt ihn dies nicht? «Das sollen die Zuger vor Ort machen, die sind näher an den Quellen.»

Hinweis

Marco Jorio (63) ist Historiker. Er ist in Zug geboren und wuchs hier auch auf. Er war bis 31. Dezember 2014 Chefredaktor des Historischen Lexikons der Schweiz (HLS). Jorio ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt heute in Rüfenacht (Gemeinde Worb) im Kanton Bern.