ZUG: Er oder keiner

Schön wars, lustig wars, gemütlich auch, ganz nebenbei. Michael von der Heide steckte den Samichlaus in den Sack und geizte nicht mit alten Hits.

Susanne Holz
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Elektrisierend emotional: Michael von der Heide im Burgbachkeller. (Bild: Werner Schelbert)

Elektrisierend emotional: Michael von der Heide im Burgbachkeller. (Bild: Werner Schelbert)

susanne holz

«Schönster Abendstern o wie gsehn i di so gern. Schönste, weine nicht – ich bin verliebt mit dir.» Nein, das war nicht das erste Lied – die Volksweise von 1809 war vielmehr die letzte Zugabe, die Michael von der Heide am Samstagabend im Zuger Burgbachkeller gab. Macht nichts, das ganze Konzert war ein schönes, von vorne bis hinten, von hinten bis vorne und mitten durchs Publikum. Dieses entsprang noch der Generation derer, die einst in Poesiealben schrieben. Wie stellte Michael von der Heide zu Beginn scharfsinnig fest: «Das Publikum von Francine Jordi weiss schon nicht mehr, was ein Poesiealbum ist.» Wobei man immer wieder zur Ansicht gelangt: Zum blonden Sänger aus Amden am Walensee, der mit seinen Chansons nicht nur die Franzosen begeistert und auch in Deutschland Alben produziert, der zu Christoph Marthalers Lieblingsbesetzung zählt und auch auf der Theaterbühne fasziniert, der die Volksweise so ergreifend singen kann wie das Chanson federleicht, der zudem ziemlich lustig ist – zu dem passt eigentlich jedes Publikum.

Ihm fliegen die Herzen entgegen

«Forever young» stimmt der Basler Martin Buess auf seiner Gitarre an, er ist der zweite Mann auf der Bühne. Von der Heide singt dazu, wie könnte es anders sein: «J’ai perdu ma jeunesse ...», den wunderbaren ersten Song der ­«Lido»-CD von 2011. Der Sänger gratuliert allen zu ihrem «guten Geschmack, am Chlausabend den Weg zu ihm gefunden zu haben». Worauf er den Samichlaus in den folgenden Stunden lässig in den Sack steckt. Mit dem Beo in der Voliere habe er versucht zu singen, das habe nicht so geklappt: «Immer wenn du denkst, die Welt ist schlecht, dann hast du Recht. Denn das ist ja das Schöne dran, dass man sich darauf verlassen kann.» Wer solche Sätze singt, dem fliegen die Herzen entgegen.

Michael von der Heide, Entertainer und Poet, inzwischen 43-jährig, findet: «Zum jung Sterben bin ich schon zu alt.» Und flirtet mit denen in der ersten Reihe: Habe er da gerade so was gehört wie, «und fett isch er gworde»? Um das Gegenteil zu beweisen, entledigt er sich seines Jacketts und steht in schwarzer Lederweste da gut sieht er aus. Doch leider gibts für ihn nur die eine. «Paola oder keine, daran habe ich mich gehalten, bis heute», von der Heide scherzt und blickt in die Vergangenheit. Eine Kindheit am Walensee: «So schön, 16 Jahre lang, oben Leischkamm, unten Walensee, oben Leischkamm, unten Walensee.» Irgendwie scheint die Zeit schnell vergangen zu sein, zwischen dem Kauf der ersten Schallplatte mit Paolas Hit «Blue Bayou» und dem eigenen Auftritt beim Eurovision Song Contest 2010. «Il pleut de l’or» liess damals kein Gold auf Michael von der Heide regnen, im Burgbachkeller freut man sich über diesen Song genauso wie über «Lido» oder «Jeudi Amour». Den Hit von 1998 schrieb Corin Curschellas für Michael von der Heide: «C’est jeudi et je dis, je t’aime.» Wie der Sänger das so leichtfüssig singt, und der Gitarrist grossherzig dazu lächelt, jeder Ton sitzt, das ist einfach nur super. Ob es an der Zeit für ihn sei, mit dem Singen aufzuhören, schäkert von der Heide mit dem Publikum. Den Musiker zu entlassen und so weiter. «Nein, nein, bloss nicht», antwortet da sogar die schüchterne Innerschweizer Zuhörerschaft. Und der 43-Jährige legt noch mal so richtig los: Aus «Atemlos» wird «Aicha», aus dem Sänger wird ein Tänzer, von «Campari Soda» und der Schweizer Band Taxi wechselt er zu Edith Piaf und «Je ne veux pas travailler». Nebenbei erzählt er Anekdoten. Unterwegs mit Trudi Gerster, Rauchverbot im Lokal, die junge Kellnerin weist höflich darauf hin, Trudi Gerster, hochbetagt: «Was seid sie?» «Gehört hat Trudi hervorragend», sagt Michael von der Heide.

Die Sache mit der Fliege

Ach ja, und dann ist da noch die Fliege. Diese Fliege, die ständig um Sänger und Gitarrist schwirrt. Die steht im Prinzip nicht auf dem Programm. Ganz kurz lässt Michael von der Heide sich zum Gedanken hinreissen, das könne vielleicht der Kurt Felix ... Dann jodelt er sie einfach weg.