ZUG: Etters Archiv ist jetzt öffentlich

Philipp Etter war der erste Zuger in der Landes­regierung. Sein Wirken ist unter Historikern umstritten. Doch jetzt geben zwölf Lauf­meter Archiv Aufschluss.

Jürg J. Areggerjürg J. Aregger
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Die Bundesräte Philipp Etter (links) und Giuseppe Lepori an der Jubiläumsfeier 75 Jahre Gotthard-Bahn, aufgenommen im Juni 1957 in Airolo. (Bild: Keystone)

Die Bundesräte Philipp Etter (links) und Giuseppe Lepori an der Jubiläumsfeier 75 Jahre Gotthard-Bahn, aufgenommen im Juni 1957 in Airolo. (Bild: Keystone)

Er war 25 Jahre lang Bundesrat – so lange wie nach ihm keiner mehr. Und er ist umstritten – zumindest unter Historikern. So schrieb etwa die «Neue Zürcher Zeitung» in ihrer Ausgabe vom 7. Dezember 2013 über den Menzinger Philipp Etter: «Die neuere Forschung malt den Zuger Magistraten in düsteren Farben. Antidemokrat, Antimodernist und Antisemit sei er gewesen.» Und weiter: «Tatsächlich vertrat Etter ein autoritäres Staatsverständnis. Er fühlte sich zumindest eine Zeit lang von autoritären Führergestalten angezogen und liebäugelte mit dem faschistischen Italien.»

«Auch seine Position gegenüber Nazideutschland war ambivalent», so die NZZ weiter. «Er war es, der nach der Niederlage Frankreichs die berüchtigte Rede seines Bundesratskollegen Marcel Pilet-Golaz mitredigierte und im Radio auf Deutsch vortrug, in der das ‹neue› Europa Adolf Hitlers begrüsst wurde.»

«Gefährlich nahe an Abgründen»

Unter dem Titel «Der patriotische Unschweizer» schrieb der «Tages-Anzeiger» am 28. August über Etter: «Die jüngere historische Forschung zeigt uns einen Mann, der sich gedanklich gefährlich nahe an totalitären Abgründen bewegt. Im Weltbild des Ministers, der innerhalb der Schweizer Politik stets die ‹weichere Linie› (Historiker Edgar Bonjour) gegenüber der Nazi-Kriegspartei vertrat, fehlten auch antisemitische Elemente nicht.» Und weiter: «Möglicherweise war Etter, der Vater der Geistigen Landesverteidigung, zeitweilig einer der gefährlichsten Männer des Landes.»

Im Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) nahm Etter als Vertreter des Bundesrats 1940 Einsitz. «Dass das Komitee kaum zu Gunsten der (jüdischen) Häftlinge in deutschen Konzentrationslagern intervenierte, wird wesentlich der durch Etter personifizierten Schweizer Regierung angelastet», so der «Tages-Anzeiger».

Nachlass im Staatsarchiv

Philipp Etters privater Nachlass befindet sich im Zuger Staatsarchiv. Wie seine Nachkommen festgelegt haben, kann dieser nun seit Neujahr eingesehen werden. «Die Unterlagen umfassen zwölf Laufmeter», sagt Staatsarchivar Ignaz Civelli. Allerdings befinden sich darunter keine Bundes- und Kantonsakten, denn diese sind entweder im Bundesarchiv oder Bestandteil der staatlichen Akten des Staatsarchivs Zug. Regierungsratsprotokolle etwa unterliegen einer Schutzfrist von 100 Jahren.

Nicht im Computer erfasst

Der Privatbestand umfasst Unterlagen über die publizistischen und politischen Tätigkeiten und Korrespondenzen von Etter, der streng katholisch war. «Etter war ein Intellektueller, sehr vernetzt, und er pflegte eine umfangreiche Korrespondenz», sagt der Staatsarchivar. Allerdings ist der Nachlass nicht im Detail per Computer erfasst und muss von Historikern akribisch durchforscht werden, was zeitintensiv sei. «Wir haben die Ressourcen für eine detaillierte Erschliessung nicht und hierfür auch keinen gesetzlichen Auftrag», führt Civelli aus.

Es hätten sich bereits drei bis vier Interessenten gemeldet, die ab diesem Frühjahr eine erste Teilsichtung machen wollen. Nicht darunter ist Josef Lang, wie er auf Anfrage sagte: «Ich habe keine Zeit. Das ist eine Chance für jüngere Historiker.» Er erwartet im Nachlass nichts Sensationelles, vieles sei ja bereits bekannt.

Civelli erwartet von seriösen Historikern, dass sie sich nicht plakativer Vorurteile bedienen, sondern jetzt die Fakten sprechen lassen über das Wirken von Etter, was ihn bewegt und was er gedacht hat. Man müsse seine Aussagen in den Kontext der damaligen katholisch-konservativen Weltsicht einordnen. Etter isoliert Antisemitismus vorzuwerfen, greife zu kurz: Es habe bis tief ins 20. Jahrhundert hinein zum katholisch-konservativen Weltbild gehört, die Juden zu verurteilen, da sie Christus nicht als Erlöser anerkannt hätten. Auch habe man sie kollektiv verantwortlich gemacht für den Tod von Jesus Christus.

«Wortgewandt und blitzgescheit»

Er habe erst kürzlich Etters Zeitungskommentare zum Ersten Weltkrieg studiert und sei beeindruckt von dessen scharfen und meist weitblickenden Analysen. Etter sei ein «sehr wortgewandter und blitzgescheiter Mensch» gewesen und sicher kein dümmlich polternder Antisemit. Auch diesem Umstand gelte es in einer Gesamtwürdigung Etters Rechnung zu tragen.

Differenziertes Bild erhofft

Bei der quellenkritischen Aufarbeitung der neu zugänglichen Unterlagen dürfe es weder um eine Verherrlichung noch um eine Verteufelung einer Person gehen. Der Staatsarchivar erhofft sich durch die Forschung mit Etters Originalunterlagen ein noch differenzierteres Bild von der Person Etter.