ZUG: Geschichte(n) übers Aus- und Einwandern

Im Museum Burg Zug werden persönliche Erfahrungen von Migranten für eine Ausstellung aufbereitet. Viele Beteiligte helfen mit – und werden dabei zu Co-Kuratoren.

Andrea Muff
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Im Museum Burg Zug wird es bald eine Ausstellung geben, welche die Ein- und Auswanderung beleuchtet. Im Bild Mitwirkende mit (Bild: Werner Schelbert (Zug, 18. Mai 2017))

Im Museum Burg Zug wird es bald eine Ausstellung geben, welche die Ein- und Auswanderung beleuchtet. Im Bild Mitwirkende mit (Bild: Werner Schelbert (Zug, 18. Mai 2017))

Andrea Muff

andrea.muff@zugerzeitung.ch

Schuhleisten aus Holz, alte Werkbänke, Schuhmachereisen und verschiedene Zangen und Hämmer: Die Werkstatt von Xaver Blum, Schuhmacher und Sigrist aus Risch, gehört zur Sammlung des Museums Burg Zug. Im Raum stehen ungefähr zehn Personen und betrachten die Ausstellungsstücke: Die Gruppe besteht aus Einwanderern und Einwanderinnen, die entweder aus der Türkei, aus Bosnien und Herzegowina oder aus Spanien in die Schweiz gekommen sind. Sie haben sich in der Burg Zug versammelt, weil sie an der kommenden Ausstellung «Anders. Wo. Zuger Aus- und Einwanderungs­geschichten» (siehe Box) zu den Protagonisten gehören. Sie sollen zu sogenannten Co-Kuratoren werden, ihre Geschichte anhand eines Objekts erzählen. Dabei helfen ihnen Carole Kambli und Edith Werffeli. Die beiden sind freischaffend und für die Konzeption des partizipativen Ausstellungsteils zuständig. Sie wurden dafür vom Museum Burg Zug engagiert. Um an die genannten Einwanderer heranzukommen, haben sie bei den jeweiligen Vereinen nachgefragt. Insgesamt 35 Mitglieder haben sich gemeldet, und einige von ihnen kamen letzte Woche zu einer Führung zusammen.

Als Carole Kambli in der Schuhwerkstatt steht und die Anwesenden fragt, was der Beruf mit der eigenen Auswanderung zu tun habe, beantwortet Nevzeta Basic die Frage. Die Bosnierin ist vor über 30 Jahren aus ihrer alten Heimat ausgewandert: «Ich bin gelernte Schneiderin, aber dieser Beruf ist ja genauso ausgestorben wie dieser hier.» Sie sei ihrem Mann in die Schweiz gefolgt und habe danach den Beruf gewechselt. Heute arbeitet Nevzeta Basic in einer Cafeteria. Und ihre Tochter Zumra Adzic, die in der Schweiz geboren ist, erzählt, dass sie eine Lehre im Schuhhandel gemacht habe. Den Beruf als alleinigen Auswanderungsgrund gibt aber keiner der Anwesen­- den an.

Der Kaffee als verbindendes Element

Zusammen mit der Gruppe geht Carole Kambli zur nächsten Station: eine Drogerie, die zu einem Kolonialwaren­geschäft wurde – eine Art Tante-Emma-Laden, wo man von Arzneien über Gewürze bis hin zu Teigwaren alles bekommt. Zwar wird die Frage, ob es solche Läden auch in der alten Heimat gäbe, verneint. Als aber die Stichworte «Gewürze» und «Gerüche» zur Sprache kommen, zeigt sich eine Gemeinsamkeit: Kaffee. «In Bosnien haben wir die Kaffeebohnen über dem Feuer geröstet», erzählt Nevzeta Basic. Auch bei der türkischen Delegation ist die Kaffeezubereitung von grosser Bedeutung. Dieser werde oft von der Schweiz in die Türkei oder nach Bosnien und Herzegowina gebracht – als Mitbringsel – und dann für den Eigengebrauch von der alten Heimat in die neue mitgenommen.

Was aber bei einer Reise nach Spanien zum Vater von Tony Rodriguez nicht fehlen darf, ist der Cervelat. «Den vermisst er am meisten», erklärt Rodriguez. Er ist Präsident des Centro Español Zug und will mit seiner Projektteilnahme andere zum Mitmachen motivieren. «Es ist immer schwierig, Leute zu finden, die Zeit aufwenden können für solche Projekte. Wir möchten die spanische Kultur zeigen», sagt Rodriguez. Er sei zwar in der Schweiz geboren, habe aber viel vom Auswandern von seinen Eltern mitbekommen. «Als Vereinspräsident bin ich oft davon betroffen, dass mich Spanier, die in die Schweiz kommen möchten, um Rat fragen.» Einen ganz anderen Grund mitzumachen, hat Nevzeta Basic: Nur kurz nach ihrer Ankunft im Mai 1986 ist ihr Vater in Bosnien gestorben. «Ich hatte zu dieser Zeit ein Kind bekommen und konnte daher den Verlust nie richtig verarbeiten», erzählt sie. Dank des Projekts könne sie das nun tun. «Ich kann von meinen Erinnerungen erzählen», sagt sie. «Die Schweiz ist meine zweite Heimat. Ich fühle mich sehr wohl hier.» Als sie aber von ihrer Ankunft in der Schweiz erzählt, muss sie schmunzeln: «Es regnete und war kalt, ich habe einfach nicht verstanden, warum im Mai nicht die Sonne scheint.»