ZUG: Harry Ziegler: «Ich schätze direkte Kritik»

Harry Ziegler (53) ist seit diesem Jahr Chefredaktor der «Neuen Zuger Zeitung». Der Vater zweier Töchter ist in Zug aufgewachsen und wohnt in Schwyz. Seine Karriere begann bei der «Zuger Zeitung». Er leitete lange die «Neue Schwyzer Zeitung» und wechselte nach deren Auflösung in die Redaktion der «Neuen Luzerner Zeitung» ins Ressort Nachrichten.

Interview Roger Rüegger
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Harry Ziegler, Chefredaktor Neue Zuger Zeitung (Bild: Stefan Kaiser (Neue ZZ))

Harry Ziegler, Chefredaktor Neue Zuger Zeitung (Bild: Stefan Kaiser (Neue ZZ))

Harry Ziegler, als Ende 2013 die «Neue Schwyzer Zeitung» aufgelöst wurde, verstärkten Sie unsere Nachrichten-Redaktion in Luzern. Nach nur 14 Monaten sind Sie zur «Neuen Zuger Zeitung» abgewandert. Warum der erneute Tapetenwechsel?

Harry Ziegler: Der Wechsel nach Luzern war nach der Auflösung der Schwyzer Redaktion die logische Konsequenz. Ich fühle mich wohl bei den LZ-Medien. Der Job in Luzern bei den «Überregionalen» war für mich die Gelegenheit, einmal andere Luft zu schnuppern. Weg vom Regionaljournalismus hin zum nationalen und internationalen Geschehen.

Was Sie offenbar nicht lange erfüllte.

Ziegler: Bei der Arbeit im überregionalen Ressort vermisste ich den direkten Kontakt zu den Leuten. Der Arbeitsalltag bestand oft darin, Geschichten von Korrespondenten zu platzieren oder mit Personen zu telefonieren, um Infos zu bekommen.

Im Gegensatz zu den Büroräumen im Maihof in Luzern mit vielen Mitarbeitern ist es in der Redaktion in Zug familiärer. Ähnlich wie bei der «Neuen Schwyzer Zeitung». War dies auch ein Grund für Ihren Wechsel nach Zug?

Ziegler: Das Regionale fehlte mir sehr. Dass ich jetzt in Zug bin, verdanke ich meiner Frau. Sie entdeckte das Stelleninserat in der Zeitung und sagte mir, dass in Zug ein Posten als Redaktor frei ist.

Worauf Sie sich sofort bewarben?

Ziegler: Ja. Und ich muss sagen, es ist für mich ein absoluter Glücksfall, hier zu arbeiten. Ich bin in Zug aufgewachsen und kenne viele Leute. Nun kann ich wieder von Angesicht zu Angesicht mit den Menschen reden, über die ich schreibe und die in meinen Artikeln zitiert werden. Man ist nahe dran am Geschehen.

Nun sind Sie nicht mehr Redaktor, sondern Chef. So wars nicht geplant?

Ziegler: Nein, überhaupt nicht. Ich freute mich riesig darauf, als Reporter zu wirken, mich in Dossiers einzulesen und die Politik hautnah zu verfolgen. Und wieder mehr Geschichten zu schreiben. Damit wäre ich völlig zufrieden gewesen. Ich hätte mir gut vorstellen können, den Rest meiner Karriere auf diese Weise zu verbringen.

Warum liessen Sie es nicht dabei?

Ziegler: Nachdem mein Vorgänger Christian Peter Meier nach Luzern als Chef zu den Reportern wechselte, galt es, den Chefposten in Zug neu zu besetzen. Ich habe die Führungsfunktion nicht gesucht. Unser Chefredaktor Thomas Bornhauser überzeugte mich, diese zu übernehmen.

Womit sich der Teil mit «wieder mehr Geschichten schreiben» erledigt hat. Als Chef kommen Sie kaum oft dazu?

Ziegler: Ich nehme mir die Freiheit, trotzdem beispielsweise den Kantonsratssitzungen beizuwohnen und nach Möglichkeit entsprechend zu berichten. Man muss auch als Chef zeigen, dass man präsent ist. Aber die Kadenz wird abnehmen.

Ihre Besetzung als Chef ist zweifellos eine gute Entscheidung. Trotzdem: Warum haben Sie angenommen, obwohl Sie als Vollblutjournalist nun weniger selber schreiben können?

Ziegler: Weil ich eine «Krankheit» habe, die sich Verantwortungsbewusstsein nennt.

Sie sind Mitglied in einer Studentenverbindung und im Schweizerischen Studentenverein – und so mit Leuten aus Wirtschaft und Politik verbunden. Als Chefredaktor müssen Sie kritisch Themen anpacken. Da trifft es wohl auch mal Bekannte oder Freunde. Wie gehen Sie das an?

Ziegler: Teil unseres Berufs ist, manchmal extrem eklig zu sein. In der Verbindung entwickelten sich zum Teil Freundschaften fürs Leben. Wenn sich nun die Situation ergibt, dass ich einem von denen an den Karren fahren muss, dann sage ich zu ihm: Sorry, jetzt müssen wir dir auf die Füsse treten. Vielleicht setze ich dann halt einen Arbeitskollegen auf die Geschichte an. Wobei ich sagen muss, dass ich keine Beisshemmungen habe.

Ist es für Sie möglich, Ihre Freizeit zu geniessen, ohne auf Artikel angesprochen zu werden?

Ziegler: Man wird deutlich wahrgenommen. Wenn ich auf der Strasse bin, merke ich dies sofort. Auf bissige Kommentare oder kritische Geschichten gibt es Reaktionen. Aber ich schätze diese Nähe und die direkte Kritik. Man kann die ja auch auf anständige Weise anbringen. Aber man muss unterscheiden zwischen Beruf und dem Privaten. Meine Familie ist Mitglied im Regattaverein Brunnen. Wenn ich an einem Sonntag mit dem Boot auf dem See bin, dann ist nur wichtig, dass ich Harry bin. Die Hauptsache besteht dann darin, dass ich das Motorboot steuern kann.

Sie sind Hundeliebhaber. Brauchen Sie die Spaziergänge mit den Tieren zum Abschalten vom Journalistenalltag?

Ziegler: Hin und wieder. Ich bin grosser Fan von Windhunden. Früher haben meine Hunde auch an Rennen teilgenommen.

Wurde es Ihnen zu anstrengend?

Ziegler: Ich muss ja nicht mitrennen. Nein, im Ernst. Ich mag die Tiere einfach. Doch für den Sport fehlt mir die Zeit. Dafür habe ich ein Flair für die amerikanische Lebensart. Im Sommer stehe ich «any given sunday» am Grill. Diese Zeit nehme ich mir.

Sie pendeln von Schwyz nach Zug. Warum sind Sie nicht umgezogen?

Ziegler: Meine beiden Töchter besuchen das Theresianum in Ingenbohl. Wenn sie mit der Ausbildung fertig sind, wird das wohl ein Thema.

Der Zuger unterscheidet sich in seiner Mentalität sicher vom Schwyzer. Wie spüren Sie das?

Ziegler: Die Zuger sind vielleicht schwerer von einer einmal gefassten Meinung abzubringen. Sie tragen ihr Herz nicht zuvorderst auf der Zunge und machen zuerst die Faust im Sack. Schwyzer kommen direkt auf dich zu und sagen geradeheraus, wenn man «Bullshit» gemacht hat.

Was ist Ihnen lieber?

Ziegler: Ich habe gerne, wenn man direkt zur Sache kommt. Dann kann ich Kritik ernst nehmen. Kritik ist wie ein starker Wind. Wenn es aber windstill ist, haben wir etwas falsch gemacht.

Kritik sehen Sie also positiv?

Ziegler: Aber der Ton macht die Musik. Wenn etwa Kollegen ungerechtfertigt kritisiert werden, werde ich ungemütlich. Denn wir haben ein tolles Team in Zug.

Was fasziniert Sie an Ihrem Job am meisten?

Ziegler: Eindrücklich finde ich Begegnungen mit den «normalen» Leuten. Der Büezer, der 40 Jahre beim selben Arbeitgeber tätig ist und sich durchs Leben kämpfen muss. Oder auch der weit gereiste Unternehmer. Solche Menschen haben etwas zu erzählen. Besonders im Kanton Zug, wo das soziale Gefälle gross ist, gibt es viele solche Beispiele.

Sie haben die Matura an der Stiftsschule Engelberg gemacht. War der Weg zum Journalisten vorgespurt?

Ziegler: Geschrieben habe ich immer gerne. Aber mit dem Beruf habe ich mich nicht früh beschäftigt. Ich bin eher reingerutscht. Mein erster Artikel war ein Einspalter über eine Wasserleitung, die verlegt wurde. Nicht sehr spektakulär, aber interessant genug, dass ich dabei blieb.

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