ZUG: Integration: Mit Geld und Unterkunft ist es nicht getan

Was benötigt eine Stadt zur Integration? Okbaab Tesfamariam führte zum Thema Migration und Architektur durch Zug.
Okbaab Tesfamariam (mit Baseballcap) führte durch Zug. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 3. November 2017))

Okbaab Tesfamariam (mit Baseballcap) führte durch Zug. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 3. November 2017))

Nebeneinander Leben reicht nicht. Integration bedeutet, dass beide Seiten aktiv aufeinander zugehen, sich persönlich kennen lernen und miteinander leben. Das versucht Okbaab Tesfamariam den Schweizern und Flüchtlingen zu vermitteln. «Es reicht nicht, Flüchtlingen Geld und Unterkunft zu geben. Erst als Mensch sind wir wertvoll. Und solange wir in dieser Gesellschaft nicht auch als Menschen wahrgenommen und akzeptiert werden, können wir diesen Wert nicht leben.» Tesfamariam flüchtete vor neun Jahren aus Eritrea. In der Schweiz absolviert er mit 29 eine Lehre. «Ich war der Opa der Lehrlinge.» Hinter dem Scherz erahnt man schwierige Zeiten für Identität und Selbstwertgefühl des mittlerweile 34-jährigen ­Logistikers.

Vergangenen Samstag leitete er eine Stadtführung durch Zug zum Thema öffentliche Räume und Migration. Viele Migranten verfügen nicht über das nötige Geld, um am kostenpflichtigen Teil des öffentlichen Lebens teilzuhaben. Was neben Cafés, Kulturhäusern, Kinos und Bars noch übrig bleibt, bietet gerade im Winter ein spärliches Angebot.

Wichtig sind aber nicht nur Räumlichkeiten wie öffentliche Pärke oder Bibliotheken, unterstreicht Bence Komlósi. «In öffentlichen Räumen können wir nebeneinander Leben. Um miteinander in Kontakt zu treten, müssen diese Räume auch mit Programmen und Aktivitäten bespielt werden, bei denen man sich aktiv begegnet.» Zusammen auf Augenhöhe an einem Projekt zu arbeiten, zu kochen oder ein integratives Kunstprojekt, wie etwa das Ship of Tolerance voranzutreiben, verbindet und löst auf beiden Seiten Ängste und Vorurteile auf. Komlósi ist Mitbegründer der globalen Plattform Architecture for Refugees. Diese versucht, Ideen und Lösungsansätze zwischen Flüchtlingen, Aktivisten und Politikern rund um den Globus zu vernetzen. Gerade in den kalten Monaten, wenn man es in den Pärken nicht mehr lange aushält, werden öffentliche Räume ohne Konsumationszwang wichtig. Verstärkt wird dieses Bedürfnis noch durch die enge Wohnsituation von Flüchtlingen. «Wer sich im Asylzentrum sein Zimmer mit jemand anderem teilen muss, sucht sich seine Privatsphäre im öffentlichen Raum», erklärt Okbaab. Um mal einen Moment alleine zu sein, muss man raus aus dem Zuhause.

Angefangen hat Tesfamariam mit seinen Führungen in Zürich, wo er lebt. Auch beim Eritre­ischen Medienbund Schweiz ist er engagiert und bemüht sich, Schweizer und Flüchtlinge zusammenzubringen. «Die Medien zeichnen leider oft ein negatives Bild von uns Eriträern und Flüchtlingen im Allgemeinen.» Diese Vorurteile will er ausräumen. Im Anschluss an die Führung versuchte eine Runde von Stadtbeamten, Stimmen aus der Raumplanungsforschung und Künstlern zu erörtern, wie Kunst und Architektur die Integration fördern kann. Leider verloren sie sich dabei in der allgemein städtebaulichen Problematik, Peripherieregionen attraktiv zu gestalten und der wohl allgemein politischen Problematik, die Schuld für Fehlentscheidungen über die eigene Departementsgrenze hinauszuschieben.

Wolfgang Meyer

redaktion@zugerzeitung.ch

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