ZUG: «Irgendwann wird es wohl wie ein Arbeitstag sein»

Heute startet der 33-jährige Chamer Michael Hammerer zu einer Mammuttour: Mit dem Velo will er bis nach Russland strampeln.

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Russlandfeldzug der anderen Art: Michael Hammerer aus Cham strampelt mit 
dem Velo durch 
Putins Reich. (Bild Werner Schelbert)

Russlandfeldzug der anderen Art: Michael Hammerer aus Cham strampelt mit dem Velo durch Putins Reich. (Bild Werner Schelbert)

Rund 10 000 Kilometer von Cham bis ans Kaspische Meer – und zurück. So strapaziös lautet die Marschroute, die sich Michael Hammerer aus Cham vorgenommen hat. Bis September will er unterwegs sein. Aber warum bloss nach Russland, in Putins Reich, wo nicht nur mit politischen Unwägbarkeiten zu rechnen ist, sondern wo auch der alltägliche Verkehr halsbrecherische Facetten zeitigt? Doch der im Hertiquartier aufgewachsene Zuger gibt sich gelassen. «Radwege hat es in Russland wohl keine. Ich werde mich vor Ort orientieren, welche Wege fürs Velo am geeignetsten sind», sagt er. Und er ist sich bewusst, dass er wahrscheinlich auch auf holprige Kieswege ausweichen muss, um nicht von donnernden LKW überrollt zu werden.

In Odessa Russisch lernen

Doch der KV-Mann, der zuletzt im Wörterseh Verlag in Zürich gearbeitet hat und nun einfach mal eine Auszeit nimmt, lässt es zunächst ruhig angehen. Von Cham wird er heute über Schlieren ins deutsche Donaueschingen radeln, um von dort aus den gesamten Donau-Radwanderweg bis Rumänien abzustrampeln. «Von Oberschwaben bis Budapest kommt ja eine Therme nach der anderen – da wird es erst mal ein bisschen ein Wellness-Programm werden.» Wobei er ein tägliches Pensum von 120 bis 150 Kilometern anstrebt.

Der durchs Curling bekannte Zuger hat sich auch sonst ein abwechslungsreiches Programm gesetzt. Nicht nur dass er in Odessa in der Ukraine eine Woche Halt eingeplant hat, um ein bisschen Russisch zu lernen. Er beabsichtigt auch, andere interessante Städte zu besichtigen. Und er will den Pfaden der Geschichte folgen. «Mich würde es schon interessieren, zu sehen, wo Napoleons Armee beim Rückzug aus Russland am Fluss Beresina geschlagen wurde.»

Apropos Fluss. Eigentlich ist die Velotour Hammerers nach Russland bis ans Kaspische Meer eine Reise entlang europäischer Ströme. Denn nach der Donau will er dem Dnjepr folgen. «Und von der Quelle des Dnjeprs fahre ich dann an die Wolga-Quellen, um von dort über Kasan bis ans Kaspische Meer zu gelangen.» Ihm haben es Flüsse als Handelswege und Wegrouten schon immer angetan. Und was gibt es Einfacheres, als dem Lauf eines Flusses zu folgen? Andererseits hat er schon im Vorfeld erfahren, dass die Routenplanung derzeit im Osten nicht ganz einfach sei. Zum einen muss der Zuger, der schon mit dem Velo zum Nordkap und nach Griechenland gefahren ist, vermeiden, mit dem Krieg in der Ukraine in Berührung zu geraten. Zum anderen bleibt es ihm nicht erspart, so manche Umwege zu fahren, weil er nicht jede autonome Republik in Russland einfach so passieren kann – ohne Schwierigkeiten mit seinem Visum zu bekommen. Mega-Citys wie Moskau lässt er von vornherein links liegen: «Da hats zu viel Verkehr.»

Übernachten in Hotels, nicht im Zelt

Aber hat er nicht Angst, dass sein Velo irgendwo geklaut wird? «Ich habe zwei gute Schlösser dabei», sagt der Chamer und grinst. Zudem hat er vor, stets in Hostels und Hotels zu übernachten oder bei Privaten als «Couch-Surfer» unterzukommen. «Ein Zelt und einen Schlafsack habe ich für den Notfall im Gepäck.» Und wenn sein 4000 Franken teures KTM-Tourenrad tatsächlich in den Dnjepr-Sümpfen verschwinden sollte, würde er sich wahrscheinlich ein neues kaufen. Doch damit rechnet er erst mal nicht. Die Miete für seine Wohnung in Cham hat er jedenfalls schon mal für sieben Monate im Voraus bezahlt.

Doch wird es nicht trotzdem ein bisschen eintönig werden für ihn, Tag für Tag aufs Velo zu steigen und einsam vor sich hinzustrampeln? «Nein, gar nicht», meint der sehr ruhig und ausgeglichen wirkende Ennetseer. «Für mich ist es sicher täglich eine sportliche Herausforderung. Daneben schreibe ich ja regelmässig meinen Blog und drehe kurze Videofilme, die ich während der Reise von meinem i-Pad verschicke», ist der 33-Jährige frohgemut. «Und irgendwann wird die Velotour wohl für mich wie ein Arbeitstag sein: morgens um 8 Uhr aufs Rad bis abends um 18 Uhr. Danach freue ich mich auf mein Bett im Hotel und ein gutes Essen.» Choroscho, molodjez!

wolfgang holz