ZUG: Kein Dach über dem Kopf – und das im reichen Kanton Zug

Offiziell gibt es im Kanton Zug keine Obdachlosen. Gassenarbeiterinnen stellen anderes fest. Nun will eine Gruppe um einen ehemaligen Apotheker das zunehmende Problem anpacken.

Marco Morosoli
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Bernhard Tobler kümmert sich mit anderen Leuten um Obdachlose. Das Bild zeigt ihn an seinem Lieblingsplatz bei der Badi Seliken. (Bild: Stefan Kaiser / Zuger Zeitung, Zug 27.05.2017)

Bernhard Tobler kümmert sich mit anderen Leuten um Obdachlose. Das Bild zeigt ihn an seinem Lieblingsplatz bei der Badi Seliken. (Bild: Stefan Kaiser / Zuger Zeitung, Zug 27.05.2017)

Die Bilder sind bekannt. In US-Grossstädten laufen Personen mit ihren Habseligkeiten und vollbepackten Einkaufswagen durch die Strassen oder näch­tigen in Schlafsäcken. Gleiche Szenen sind auch in europäischen Metropolen zu beobachten.

Aber Obdachlose im reichen Kanton Zug? Unmöglich, denken da wohl die meisten Zuger. Doch es gibt sie, sagt hingegen Bernhard Tobler. Der 68-Jährige, der lange in Baar eine Apotheke führte, hat sich in den letzten Monaten intensiv mit dem Problem befasst. Der Input dazu kam von den beiden Zuger Gassenarbeiterinnen. Die Sozialarbeiterinnen, die beim Trägerverein der Kinder- und Jugendberatung Zug (KJBZ) angestellt sind, baten Vorstandsmitglied Tobler, sich der Obdachlosensituation im Kanton anzunehmen. Gemäss ihrer Schätzung leben im Kanton zurzeit mindestens zwölf Personen ohne festen Wohnsitz. Und: Das Problem hat in den letzten Jahren zugenommen.

Aktuell laufen Befragungen von Betroffenen

Die Gründe sind vielfältig. Tob­ler nennt als Beispiele Arbeits­losigkeit, polizeiliche Ausweisungen aus einer Wohnung, Suchtmittelabhängigkeit, aber auch Schulden. Es gebe für Obdachlose im Kanton Zug bis jetzt kein Angebot und keine Notschlafstelle. Dadurch fehle den Betroffenen der einfache Zugang zu sanitären Einrichtungen und zur öffentlichen Gesundheitsversorgung. Der ehemalige Apotheker weiss, dass er ein schwieriges Thema bewirtschaftet. «Viele sind froh, dass diese Leute nicht sichtbar sind.» Trotzdem: Handlungsbedarf besteht aus seiner Sicht.

Aktuell läuft eine Bestandesaufnahme. Dabei werden Angaben zur Zahl der Obdachlosen, zu Alter, Demografie, zu Ursachen, Gesundheitszustand, persönlicher Befindlichkeit und ihren persönlichen Minimalbedürfnissen erfasst. Bereits haben Tobler und seine Gruppe zehn Obdachlose befragen lassen. Die Auswertung der so gesammelten Daten soll bald beginnen. Das Ziel: «Für die obdachlosen Menschen, die in keiner anderen Institution im Kanton Zug platziert werden können, soll ein akzeptabler Wohnraum gesucht werden, sofern dies gewünscht wird.»

Die Befragung soll auch zeigen, ob Bedarf nach einer Notschlafstelle besteht. Notzimmer gibt es zwar in verschiedenen Zuger Gemeinden. Diese sind aber nicht für Obdachlose ausgelegt, sondern oft längerfristig vermietet. Es sei schwer für Obdachlose eine Bleibe zu organisieren, da die Mietpreise im Kanton Zug sehr hoch sind: «Wo kein güns­tiger Wohnraum vorhanden ist, kann keiner vermittelt werden.»

Kosten im tiefen sechsstelligen Bereich

Hinzu komme, dass Menschen ohne Wohnung oft belastende Betreibungsregisterauszüge hätten. Solche Einträge schrecken potenzielle Vermieter oftmals ab. Ziel müsse es zumindest sein, den Obdachlosen eine zivilrechtliche Meldeadresse zu vermitteln. Das habe den unschätzbaren Wert, dass «die Obdachlosen für Behörden, öffentliche Dienste, die Krankenkasse und andere Institutionen erreichbar sind». Tobler betont, dass es so realistischer werde, die Betroffenen wieder in die Gesellschaft integrieren zu können.

Das Projektteam ist sich bewusst, dass ihr Projekt ohne Geldmittel nicht gestemmt werden kann. Deshalb begibt sich ­Tobler nun auf die Suche nach Ins­titutionen, die das Vorhaben unterstützen. Er rechnet mit Kosten im tiefen sechsstelligen Bereich. Toblers Engagement für die Obdachlosen fusst auf der ­sozialen Verantwortung. Sich für die Ärmsten der Randständigen einzusetzen, ist für ihn im Grunde ein «christlicher Gedanke».

Marco Morosoli

marco.morosoli@zugerzeitung.ch