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ZUG: Kein Platz fürs Sterben im Gefängnis

Der Justizvollzug ist schlecht auf sterbende Gefangene vorbereitet. Das Problem zeigt sich auch in der Haftanstalt Bostadel.
Bernard Marks
Transport eines kriminellen Seniors. Immer mehr Gefängnisinsassen sind über 60 Jahre alt. (Symbolbild Imago)

Transport eines kriminellen Seniors. Immer mehr Gefängnisinsassen sind über 60 Jahre alt. (Symbolbild Imago)

Bernard Marks

In der Schweiz werden immer mehr Straftäter im Freiheitsentzug alt und sterben. Die Zahl der über 50-jährigen Insassen in Schweizer Gefängnissen hat sich seit 2005 verdoppelt auf über 600. Davon sind rund 30 über 70 Jahre alt. Zu diesen Ergebnissen kommt eine aktuelle Studie, die im Rahmen des nationalen Forschungsprogramms «Lebensende» (NFP 67) durchgeführt wurde. Die Anstalten seien heute aber primär auf Resozialisierung ausgerichtet, nicht für alte Verwahrte. «Der Justizvollzug ist laut den Forschenden kaum auf den demografischen Wandel seiner Häftlinge vorbereitet», sagt Sozialanthropologe Ueli Hostettler. Das Wachpersonal stecke in einem Dilemma: Einerseits muss es die Straftäter kontrollieren und überwachen, andererseits aber sollte es vermehrt betreuen und pflegen. Dem Betreuen und Pflegen sind aber Grenzen gesetzt: Aus professionellen Gründen berührt ein Vollzugsmitarbeiter den Inhaftierten nicht, und das steht im Widerspruch zu den Anforderungen der Alterspflege, heisst es in der Studie.

Markantes Problem im Bostadel

«Die Frage beschäftigt den Strafvollzug seit geraumer Zeit», sagt dazu der Zuger Sicherheitsdirektor Beat Villiger. Das Problem sei der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD) und den Strafvollzugskonkordaten bekannt. Es bestehe eine Arbeitsgruppe, die sich konkret mit dem schweizerischen Bedarf an Haftplätzen auseinandersetzt. «Im ganzen Strafvollzugskonkordat der Nordwest- und Innerschweiz gibt es aber bisher keine Pflegeabteilung für Gefangene, auch im Kanton Zug nicht», erläutert Villiger weiter. Das könnte sich jedoch ändern. Die Zahl der Verurteilungen von über 60-Jährigen hat sich laut Angaben des Bundesamtes für Statistik schweizweit innerhalb von zehn Jahren von 3462 auf 6721 im vergangenen Jahr verdoppelt (wir berichteten). Nicht alle werden zu Haftstrafen verurteilt. In der Strafanstalt Zug stellt sich das Problem einer Überalterung von Häftlingen zum Beispiel grundsätzlich nicht, da sich dort keine betagten Gefangene aufhalten. Die Anstalt vollzieht Sanktionen im unteren Strafbereich und führt somit beispielsweise keine Vollzüge von Verwahrten durch.

Doch in der interkantonalen Strafanstalt Bostadel ist das Problem markant. Der Bostadel bietet 120 Haftplätze. Hier sitzen die «schweren Jungs» ein. 52 Prozent der Verurteilungen sind auf Körperverletzung oder Mord zurückzuführen. Über 20 Prozent der Häftlinge wurden zu Haftstrafen von über zehn Jahren verurteilt, 9 Prozent der Gefangenen sitzen lebenslänglich.

«Aktuell gibt es im Bostadel acht über 60-jährige Gefangene. Mindestens fünf davon werden mit hoher Wahrscheinlichkeit aber nie mehr in Freiheit leben», führt Villiger weiter aus. Diese Gefangenen können heute noch einer internen Arbeit nachgehen. «Es besteht deshalb aktuell kein Grund für spezielle Einrichtungen», erläutert Villiger weiter. Eine gesunde Durchmischung von jungen und älteren Gefangenen normalisiere immerhin den Alltag im Strafvollzug, ähnlich wie auch sonst in der Gesellschaft.

Gesichertes Pflegeheim?

Doch die Kosten im Strafvollzug nehmen zu; Verwahrungen und langfristige Haftstrafen stellen die Kantone vor neue und zusätzliche Herausforderungen bei den Haftplätzen und in der Betreuung. Ein Gefangener in einer geschlossenen Anstalt im Konkordat der Nordwest- und Innerschweiz kostet je nach Sicherheitsstufe 8160 bis 19 500 Franken – pro Monat. Die Betreuung von älteren und gebrechlichen Gefangenen ist intensiver als üblich. Denn die Zugänglichkeit zur medizinischen Versorgung stehe dabei im Vordergrund und orientiere sich an bestehenden Richtlinien für Alters- und Pflegeheime. «Prüfenswert wären zum Beispiel gesicherte Alters- und Pflegeheime, wohin betagte und gebrechliche Gefangene verlegt werden könnten», erklärt Villiger. Vermutlich wäre dies einfacher als teure und aufwendige Auf- und Umrüstungen von Strafanstalten in Pflegeabteilungen. Auch darum, weil die Alters- und Pflegeheime – im Gegensatz zu den üblichen Strafanstalten – bereits über die nötigen medizinischen und pflegerischen Fachkompetenzen verfügen.

Im Rahmen einer Machbarkeitsstudie werde derzeit geprüft, ob im Bostadel zusätzliche Haftplätze realisierbar wären. «Erste Ergebnisse erwarten wir im Juli 2016», sagt Beat Villiger. Ob auch eine Altersabteilung im Bostadel sinnvoll wäre, werde dann in einer Gesamtübersicht beurteilt, wenn die Abklärungen getroffen seien und die Machbarkeitsstudie vorliege. Primär gehe es bei der Erweiterung aber um die Abdeckung der schweizweit fehlenden Haftplätze.

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