ZUG: Klaviertrio Chamäleon: Vollgültige und verfremdete Romantik

In Kernbesetzung als Klaviertrio spielte gestern das Ensemble Chamäleon Werke von Sergej Rachmaninow, Dmitri Schostakowitsch und Johannes Brahms.

Drucken
Teilen
Das Ensemble Chamäleon beim Konzert am Sonntag in der Gewürzmühle Zug. (Bild: Maria Schmid)

Das Ensemble Chamäleon beim Konzert am Sonntag in der Gewürzmühle Zug. (Bild: Maria Schmid)

Ob mitten im Winter oder am Sonntag bei fast sommerlichem Wetter: Das zahlreiche Stammpublikum trifft sich im Atelier- und Kulturhaus der ehemaligen Zuger Gewürzmühle. Ein weiteres Mal hatte das Ensemble Chamäleon ein anspruchsvolles Programm vorbereitet. Durch die lange gemeinsame Spielerfahrung in der Kernbesetzung Tobias Steymans, Violine, Luzius Gartmann, Violoncello, und Madeleine Nussbaumer, Klavier, gelangen drei werkgerechte und technisch ausgereifte Interpretationen.

Wie Peter Hoppe schon in den ausführlichen Eingangs­worten erklärte, war Johannes Brahms seinen eigenen Werken gegenüber sehr kritisch eingestellt. Die Kritik an seinem Klaviertrio C-Dur, Opus 87, fand bei der Uraufführung 1883 tatsächlich keinen rechten Gefallen.

Klangliches Gleichgewicht der ungleichen Instrumente

Das Werk entstand während einer Schaffensphase, in welcher der Komponist sonst hauptsächlich Orchesterwerke schrieb. Besonders der erste Satz wirkte mit den zahlreichen Oktavparallelen von Violine und Cello mehr orchestral als kammermusikalisch. Besinnlichere Momente brachte dann das anstelle eines langsamen Satzes stehende «Andante con moto» und vor allem der Trioteil innerhalb des Scherzos, welcher in sehr geschickter Tempowahl herausgearbeitet wurde. Die differenzierte Gestaltung der Pianistin auch innerhalb des Fortes und der edle Klang des ein weiteres Mal zur Verfügung stehenden Stainway-Flügels sorgten dafür, dass ein in sich geschlossener musikalischer Gesamteindruck entstand – nicht nur ein «Schlagen, Stossen und Grabbeln», wie Clara Schumann die Leistung des Pianistenkomponisten Brahms an der Uraufführung recht pietätlos beschrieben hatte.

Sehr erfreulich war die Begegnung mit dem selten gehörten Klaviertrio e-Moll, Opus 67, welches Dmitri Schostakowitsch 1944 im Gedenken an gleich mehrere verstorbene Freunde schrieb. Wie aus der Ferne begann das Werk mit einem extrem hohen Cellosolo im künstlichen Flageolett, welches nachher die Geige in viel tieferer Lage übernahm. Überhaupt erschienen – für ein Klaviertrio ungewohnt – die Streicher gegenüber dem Klavier über weite Strecken dominant. Besonders deutlich war dies im dritten Satz, wo Violine und Cello nebeneinander und miteinander eine Trauerkantilene entfalteten, während sich das Tasteninstrument mit gehaltenen Akkorden begnügen musste. In den anderen drei Sätzen erinnerten zahlreiche markante Einwürfe jenseits der Romantik an Werke von Bohuslav Martinu, aber ebenso an Elemente des «Sozialistischen Realismus», dem sich der Komponist manchmal unterwerfen musste. Erst im dritten und im vierten Satz hatte auch das Klavier zahlreiche virtuose Einsätze zu leisten.

Am Beginn stand das kürzeste Werk, das einsätzige Trio Nr. 1 in g-Moll des damals erst 18-jährigen Sergej Rachmaninow. Auch wenn er das eine und andere seinem verehrten Lehrer Petr Tschaikowsky abgeschaut hatte, wirkte die Komposition eigenständig und innerlich logisch. Der Komponist fand damit gleich Anerkennung, und er ist der Nachwelt auch später vor allem durch seine Klavierkompositionen bekannt geblieben. Schon hier bewunderte man das klangliche Gleichgewicht der doch sehr ungleichen Instrumente: Dies war nicht zuletzt dem relativ sparsamen Pedalgebrauch der Pianistin zu verdanken. Den Applaus verdankte das Ensemble mit einer Zugabe aus den «Russischen Liedern» von Michail Glinka, der als erster Russe für die Klaviertrio­besetzung einen substanziellen Beitrag geleistet hatte.

Jürg Röthlisberger

redaktion@zugerzeitung.ch