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ZUG: Kleine Geräte statt dicke Bücher

An der Wirtschaftsmittelschule arbeiten Schüler seit einem Semester mit ihren eigenen Laptops. Das Projekt kommt gut an, birgt aber auch Herausforderungen.
Samantha Taylor
Die Klasse 4t der WMS löst eine Übung aus dem Englischunterricht am Laptop. Im Bild Jacqueline Braaten (links), Tanisha Giger und Tobias Planinz. (Bild Stefan Kaiser)

Die Klasse 4t der WMS löst eine Übung aus dem Englischunterricht am Laptop. Im Bild Jacqueline Braaten (links), Tanisha Giger und Tobias Planinz. (Bild Stefan Kaiser)

Samantha Taylor

«We talk about the ‹ing-Form› and the infinitive form of verbs today», sagt Englischlehrer Hansjörg Grünig. Um sich mit diesen Formen vertraut zu machen, lesen die 18 Schülerinnen und Schüler ein paar kurze Geschichten. Aufgeklappt wird dazu allerdings nicht das Englischbuch, sondern der Laptop. Jeder in der Klasse hat ein solches Gerät vor sich. Ganz selbstverständlich greifen die Jugendlichen in die Tasten. Schnell sind sie im richtigen Programm eingeloggt. Die Übung erscheint auf dem Bildschirm.

Die Klasse 4t der Wirtschaftsmittelschule (WMS) ist eine von zwei Klassen, die seit Februar – also seit dem zweiten Semester des Schuljahres – im Unterricht mit Laptops arbeitet. «Byod – Bring your own Device», bring dein eigenes Gerät, heisst das Programm das die WMS gestartet hat. Sie ist derzeit im Kanton die einzige Mittelschule, die so arbeitet. Dass man sich für diesen Schritt entschieden hat, habe verschiedene Gründe, sagt Markus Pallor, Rektor der WMS. «Wir wollen die Realität ins Klassenzimmer holen und mit der technischen Entwicklung Schritt halten.» Zudem könnten mit neuen Lernmedien auch die Fachkompetenzen erweitert und eigenverantwortliches Lernen gefördert werden. «Und schliesslich geht es darum, überfachliche Kompetenzen zu fördern. Sprich, der Computer soll für die Schülerinnen und Schüler zum Arbeitsgerät werden. Das ist eine gute Vorbereitung auf die Berufs- und Studienwelt, in der das ja auch der Fall ist», führt Pallor weiter aus.

Rolle neu definieren

Im Englischunterricht wurden die Laptops inzwischen wieder zugeklappt – ohne Murren, ohne Ermahnungen. «Es braucht immer auch Phasen, in denen man die Schüler nach vorne fokussiert, sonst vereinzeln sie», sagt Hansjörg Grünig. Zudem sei gerade im Sprachunterricht der Dialog zentral. Grünig ist bereits seit 31 Jahren als Mittelschullehrer tätig. Sich auf Neues einzulassen, das hat dem 58-Jährigen noch nie Mühe gemacht. Natürlich habe sich für ihn mit Computern im Klassenzimmer einiges verändert. Da ist zum einen die Planung des Unterrichts. «Der Aufwand im Vorfeld ist relativ hoch.» Rund 300 Stunden habe er für die Vorbereitung des ganzen Kurses eingesetzt, schätzt Grünig. «Dafür fällt in verschiedenen Bereichen das Korrigieren weg. Das macht das Programm.» Einen mindestens so grossen Unterschied nimmt der Englischlehrer aber auch in einem anderen Bereich war: «Man muss seine Rolle neu definieren und finden. Ich bin nicht mehr der, zu dem alle die meiste Zeit nach vorne schauen», sagt Grünig. Zu diesem Thema werde er im Herbst eine Weiterbildung besuchen. «Die Schüler arbeiten autonomer und übernehmen deshalb auch mehr Eigenverantwortung. Ich nehme dafür eher die Rolle des Coaches oder Begleiters ein.»

Beliebtes Quiz

Grünig sagts und schon folgt ein Beispiel. So wird etwa frontales Abfragen von Wissen in diesen Unterrichtsstunden ersetzt. In diesem Fall durch ein Quiz, bei dem die Schüler in Gruppen die gelernte Grammatik anwenden. Will heissen: Sie setzen die richtigen Verbformen am Laptop in einem Beispielsatz ein. Die Gruppen stehen untereinander in Konkurrenz und können am Computer gleich mitverfolgen, welches Team vorne liegt. Wer zuerst zehn Richtige hat, gewinnt. Die Lernform ist beliebt. Das zeigt sich bei den «Yes», «Ja» und «Cool», die im Schulzimmer erklingen, als Hansjörg Grünig zu einer zweiten Runde auffordert.

Und wie steht es sonst mit der Beliebtheit der Arbeit am Laptop unter den Jugendlichen? «Ich finde es sehr praktisch», sagt Julia Windegger. Die 17-Jährige aus der Gemeinde Risch hat sich für den Unterricht einen Laptop angeschafft. «Ich habe inzwischen auch schon einiges gelernt, was ich sicher auch bei der Arbeit mal brauchen kann», sagt sie. Dem stimmt auch Janek Lötscher (16) aus Muri zu. Es sei wichtig, dass man den Umgang lerne, sagt er. Und zwar auch jenen mit der Ablenkung. «Der Lehrer kann nicht alles kontrollieren. Und natürlich könnte ich surfen. Aber am Ende bringt mir das ja nichts. Jeder ist selbst dafür verantwortlich, wie viel er mitmacht und dann halt auch lernt», betont er.

Nicht alles geht

Trotz der grossen Zustimmung, ganz alles wollen die Schüler aber doch nicht am Computer machen. «Ich schreibe auch manchmal von Hand mit oder Drucke mir Unterlagen aus», sagt Tani­sha Giger (16) aus Hünenberg. «Zum Beispiel Mathe geht gar nicht am Laptop», ergänzt ihre Sitznachbarin Nadine Seiler (17). Sie führe ausserdem auch noch ein ganz «normales» Hausaufgabenbüchlein aus Papier. «Da hat man die bessere Übersicht», so die Hünenbergerin.

Darum kommen im Unterricht immer mal wieder ganz klassische Elemente zum Einsatz. «There are three types of verbs», sagt Hanjörg Grünig und schreibt eine Kategorisierung von Verben an die Wandtafel. «Auch das braucht es, vor allem dann, wenn ich etwas frei entwickeln will», erklärt er. Die Schüler reagieren unterschiedlich. Einige erstellen flink auf ihrem Laptop eine kleine Tabelle andere fotografieren die Zeichnung mit dem Smartphone von der Tafel ab. Nur Block und Schreibzeug zückt in diesem Moment niemand. Und noch in einem anderen Bereich wird teilweise noch auf Altbewährtes gesetzt. «Die Schüler mögen Prüfungen am Computer nicht», sagt Grünig. Er habe das vereinzelt schon gemacht und wolle es ab dem nächsten Semester noch vermehrt tun. «Aber die meisten bevorzugen da Papier», so der Englischlehrer.

Verbesserungen nötig

Die Bilanz, die die WMS nach dem ersten Semester mit zwei Klassen zum «Byod»-Projekt zieht, ist positiv. «Wir haben von diversen Seiten – also von Eltern, Schülern und Lehrpersonen – positive Feedbacks erhalten», sagt Markus Pallor. Auch Lehrpersonen, die im Vorfeld skeptisch gewesen seien, würden mehr und mehr die Chancen sehen. Bisher habe sich auch der Aufwand für die Schule in Grenzen gehalten. An der Infra­struktur musste nur wenig umgerüstet werden. «Wir konnten auf viel Bestehendes zurückgreifen», so Pallor.

Gleichzeitig weiss der Rektor aber auch, dass noch Verbesserungen nötig sind. So brauche es beispielsweise eine einheitliche Lernplattform. «Heute stellt jeder Lehrer seine Unterlagen auf eine andere Art zur Verfügung. Das wollen wir anpassen.» Daran werde gearbeitet. «Das Ganze ist ein Prozess und uns ist es ein Anliegen, dass wir dranbleiben», betont der Rektor. Umso mehr freut er sich, dass auch von den anderen Mittelschulen neugierig in die WMS geblickt wird. Pallor: «Wir haben bei vielen die Neugier geweckt und gehen hier gerne voran.»

«Nutzung wird an Bedeutung gewinnen»

Zukunftst. Der Weg, den die WMS mit dem Einsatz von Laptops geht, dürfte künftig wohl auch bei anderen Schulen anstehen. «Die Nutzung von digitalen Geräten wie Laptops im Unterricht wird an Bedeutung gewinnen», sagt Ursula Schwarb, Dozentin für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Zug. «Erstens, weil digitale Medien in unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle spielen und die Schule die Heranwachsenden auf das Leben in unserer Gesellschaft und den kompetenten Umgang mit digitalen Medien vorbereiten muss», sagt Schwarb und bestätigt damit auch die Idee der WMS. Zweitens würden digitale Medien wichtiger, weil sie das Potenzial hätten, den Unterricht lebensnah zu gestalten und die methodisch-didaktischen Möglichkeiten erweitern würden.

Regeln erarbeiten

Schwarb erwähnt aber auch, dass es einige Punkte zu beachten gilt. Denn der Einzug der neuen Technik im Klassenzimmer birgt auch Herausforderungen. Dazu erwähnt sie die Gefahr von unangemessenem Verhalten wie etwa die Verletzung von Urheberrechten und von Rechten anderer sowie mangelnde Sorgfalt im Umgang mit Daten. «Im Unterricht können auch Ablenkung und Oberflächlichkeit, das so genannte Google-Copy-Paste-Syndrom, Gefahren sein», so Schwarb. Eine Schule, die mit Laptops arbeite, müsse diese Aspekte im Sinne von Medienkompetenzförderung mit den Heranwachsenden und auch im Kollegium thematisieren. Schwarb: «Es sollten Regeln sowie präventiv auch didaktische Massnahmen für die Arbeit mit digitalen Geräten im Unterricht erarbeitet werden.»

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