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ZUG: «Kunstwerk ist von allen, die daran teilgenommen haben»

Die Installation «Ship of Tolerance» von Ilya und Emilia Kabakov wird heute eingeweiht. Wie gewaltig das Projekt ist, wird erst jetzt klar.
Haymo Empl
Emilia Kabakov war an der Projektbegehung gestern Freitag anwesend. Heute wird das «Ship of Tolerance» eingeweiht. (Bild: Werner Schelbert)

Emilia Kabakov war an der Projektbegehung gestern Freitag anwesend. Heute wird das «Ship of Tolerance» eingeweiht. (Bild: Werner Schelbert)

Es ist unübersehbar, in Zug ist etwas im Gange: Die Flaggen der Stadt sind durch bunte Segeltücher ersetzt worden, viele Gebäude mit quadratischen Malereien auf Stoff geschmückt, und als Herzstück steht am Quai gut sichtbar ein Holzschiff. Hinter dem Mammutprojekt «Ship of Tolerance» steckt unter anderem das Kunsthaus Zug. Dieses will die Öffentlichkeit einladen, sich mit dem Thema Toleranz und Respekt zu beschäftigen. Damit leistet das Kunsthaus einen künstlerischen Beitrag zu einem aktuellen gesellschaftlichen Thema. Das «Teilhabe-Projekt» des Konzeptkünstlerpaares Ilya und Emilia Kabakov soll also Toleranz durch gemeinsames Tun mit anderen erfahrbar machen. Nur: Was ist ein «Teilhabe-Projekt»?

Das «Ship of Tolerance» ist gut 5 Meter breit und 18 Meter lang. Die Konstruktionsarbeiten fanden in den letzten Wochen in der Öffentlichkeit statt. Man konnte also, wenn man denn wollte, am Fortschritt des Baus visuell teilhaben. Man konnte aber auch mitmachen, so wie es die gut 120 Klassen öffentlicher und privater Schulen sowie andere Institutionen aus dem Kanton Zug im August gemacht haben. «Toleranz» wurde mit Stoff und Farbe visualisiert. Herausgekommen sind einzigartige, individuelle und eindrückliche Bild-Botschaften.

Über 800 Bilder

Die Teilnehmer an diesem Projekt sind schon beinahe Legion, die Segelbilder auch. Alleine das Hauptsegel des Schiffs wurde aus 120 Tüchern zusammengesetzt, rund 800 Bilder sind in der ganzen Stadt zu sehen. Sandra Winiger, Co-Kuratorin und Leiterin der Kunstvermittlung Zug: «Wir hätten niemals gedacht, dass dieses Projekt auf derartige Resonanz stösst – entsprechend fordernd war die Koordination. Jetzt, wo das Projekt steht, sind wir stolz auf das Geleistete und finden, die Anstrengung hat sich gelohnt.»

Das «Ship of Tolerance»-Projekt wurde unter anderem bereits in Havanna, Venedig, New York und Miami durchgeführt – immer mit dem Ziel, dass sich die Öffentlichkeit aktiv mit dem Thema Toleranz auseinandersetzt. Im Grossraum Zug wohnen Menschen aus über 140 Nationen, man lebt friedlich zusammen, ergo müssen sich die verschiedenen Kulturen und Lebensentwürfe gegenseitig genügend Raum lassen. Das funktioniert bekanntlich in Zug sehr gut, dennoch ist es eindrücklich, was die zumeist jugendlichen Kreateure der Bilder beschäftigt: Auf einem Bild sieht man beispielsweise eine Europäerin im Bikini, daneben eine Muslima im Tschador. Darüber in grellem Rot ein Fragezeichen. Genauso wird auf den Bildern aber auch der Krieg in Syrien thematisiert. Und auf einem Segeltuch hat jemand ein Kind mit zwei Müttern und/oder zwei Vätern gemalt. Es sind genau solche Diskussionen, die Ilya und Emilia Kabakov mit dem «Ship of Tolerance» anregen: Die beiden möchten Menschen verschiedener Kontinente, Kulturen und Identitäten verbinden, indem sie diese aktiv in das Projekt einbeziehen.

Gemeinsames Kunstwerk

Im gemeinsamen Tun wird der Respekt gegenüber fremden Kulturen und Ideen sowie die Akzeptanz der Unterschiede vermittelt. Und das ist den beiden mit dem «Ship of Tolerance» mehr als gelungen. Auf die Frage, ob das Schiff nicht doch letztendlich ihr «Baby» sei, antwortet Emilia Kabakov bestimmt: «Nein, das ist es nicht. Es ist das Kunstwerk von allen, die daran teilgenommen haben.» Es ist selten, dass Künstler einfach so loslassen können. Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Kabakovs von der positiven Resonanz – so sagte Emilia Kabakov an der gestrigen Pressekonferenz – selbst beeindruckt waren.

Sicher hat dieses «Loslassenkönnen» aber auch damit zu tun, dass sich das Ehepaar schon lange mit Installationskunst auseinandersetzt. Ilya Kabakov seit 1984. Er avancierte schnell zur Leit- und Lichtfigur der russischen Kunstbewegung der 1980er-Jahre; sein Name wird in einem Atemzug mit dem Moskauer Konzeptualismus genannt. Laut der Zeitschrift «Art News» gehören die Kabakovs derzeit zu den zehn wichtigsten noch lebenden Künstlern.

Engagement der Stadt Zug

Mit dem «Ship of Tolerance» wird die Stadt Zug zur Ausstellungsfläche, die Segelbilder regen zum Staunen und Nachdenken an. Damit dies möglichst flächendeckend erfolgen kann, braucht es auch das Mitwirken der Behörden. Kunsthaus-Direktor Matthias Haldemann: «Es war eine Freude, wie die Stadt Zug sich für dieses Projekt engagierte, sogar die offizielle Beflaggung der Stadt zeigt temporär Segeltuch-Malereien. Das gibt es sehr selten.»

Ilya Kabakov sagte einst: «Ein Künstler sollte sich als Brücke der Kultur empfinden. Sich nicht nur für sein eigenes Leben und Handeln verantwortlich fühlen, sondern für die ganze Kultur.» Das ist ihm mit dem Projekt «Ship of Tolerance» auf jeden Fall gelungen.

Haymo Empl

Hinweis

Heute Samstag um 17 Uhr wird das «Ship of Tolerance» an der Seeuferpromenade (bei der Rössliwiese) eingeweiht. Das Einweihungsfest findet in Kooperation mit der Integrationsplattform «Let’s talk» statt. Mehr Infos im Internet unter shipoftolerance.kunsthauszug.ch

An vielen Orten in der Stadt wehen die bunt bemalten Fahnen als Mahnung zu Toleranz. (Bild: Werner Schelber/Neue ZZ)

An vielen Orten in der Stadt wehen die bunt bemalten Fahnen als Mahnung zu Toleranz. (Bild: Werner Schelber/Neue ZZ)

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