ZUG: Liebe und ihre Zeiten – ein Jubiläum

Die Spiillüüt beleben die «Bretter, welche die Welt bedeuten», seit 1967 fast jedes Jahr mit neuen Geschichten. Ihr 50-jähriges Bestehen feierten sie auf dem Zuger Stierenmarktareal mit einer theatralisch-musikalischen Episodenerzählung.

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Das Jahr 2000: Jakob (Klaus Frick) und Anna (Cécile Stuber, Bild oben) treffen sich im Altersheim und sinnieren über die Vergangenheit. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 3. Mai 2017))

Das Jahr 2000: Jakob (Klaus Frick) und Anna (Cécile Stuber, Bild oben) treffen sich im Altersheim und sinnieren über die Vergangenheit. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 3. Mai 2017))

Dorotea Bitterli

redaktion@zugerzeitung.ch

Gelbe Luftballons hoch über dem Dach der Stierenmarkthalle 3. Der Parkplatz davor füllt sich langsam. Der Ticketstand wird eingerichtet, es duftet nach Gegrilltem, die ersten Zuschauer begrüssen sich und konsumieren Speis und Trank. Der Regisseur Rafael Iten läuft hin und her. An einem Tisch plaudern Cäsar Rossi und Paul Stadelmann am Freitagabend – die Begründer der Zuger Spiillüüt erzählen, wie es begann: Wie die damalige «Heimatschutzbühne» zu Grabe getragen wurde. Und sie beide fanden, man müsse in Zug doch weiter das dramatische Spiel pflegen, und gründeten eben den Theaterverein, zu dessen Jubiläumspremiere sie sich jetzt mit ihren Gattinnen eingefunden haben.

Ein aufwendiges Bühnenbild (René Ander-Huber) auf drei Ebenen beeindruckt den Zuschauer schon vor der Aufführung vor allem mit seiner gestaffelten, leicht ansteigenden Tiefe und vielen sorgfältig arrangierten Details: Bäumchen und Hecken, schmiedeeiserne Gitter, Laterne und Bänklein bilden eine Puppenstube, in der wenige Minuten später das gesamte Ensemble sich aufreiht und singend, Aug in Aug mit dem Publikum, die Tonlage des Stückes gleich zu Beginn festlegt: «Ich glaube an die Macht der Liebe!» Begleitet wird es von einem Streichquartett, welches während der gesamten mehr als zweistündigen Aufführung leicht erhöht seinen Platz auf der Bühne hat, das atmosphärisch Unbeschreibbare in Musik übersetzt, aber auch ländliches Lokalkolorit verbreitet.

Eine Liebe über sieben Jahrzehnte

Kurt Böschs Stück «Liebeszeiten» hat dann aber doch keinen einfachen Faden. Die Liebe zwischen Anna und Jakob spannt sich über sieben Jahrzehnte hinweg, sie ist durchzogen von Glück und Unglück, von Versäumnissen und Schicksalsschlägen, von Verlassen und Wiederfinden, und sie spielt vor dem Hintergrund der grösseren Geschichte der Eidgenossenschaft zwischen 1930 und 2000: Jakob weicht der Arbeitslosigkeit der Dreissigerjahre aus, indem er nach Bregenz geht; während des Weltkrieges kehrt er über die grüne Grenze in die Schweiz zurück und wird prompt als Landesverräter eingekerkert; später hat er, inzwischen Ingenieur, Teil am Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegszeit, reist in der Welt herum. Anna bleibt zu Hause in der engen Schweiz, wird als Hausangestellte von ihrem Arbeitgeber geschwängert, muss heiraten – den Jugendkollegen Hans, weil Jakob verschollen ist und seine Briefe abgefangen werden. Als Jakob dann nach Jahren doch heimkehrt, bleibt dem Liebespaar nur der Weg in die heimliche Affäre, welche Anna, von Gewissens­bissen geplagt, nach einiger Zeit wieder abbricht.

Liebeschaos und ein schwerer Unfall

Am Ende verliebt sich Jakob, bereits über 60 Jahre alt, in Annas erwachsene Tochter Clara. Das Chaos ist vollkommen, als alle drei die Fatalität ihres fast ödipushaften Dreiecks realisieren. Der Streit zwischen Jakob und Clara eskaliert während der Autofahrt zu einem furchtbaren Unfall, der sie tötet und ihn das Augenlicht kostet. Diese tragische Geschichte wird aus der Retrospektive erzählt. Das Stück beginnt auf der obersten Ebene der Bühne, wo der über 80-jährige ­Jakob mit schwarzer Brille und unverzichtbarer Tabakpfeife im Rollstuhl sitzt und von Anna besucht wird. Sein Zynismus wird aufgeweicht durch ihre zärtliche, aber unerschütterliche Ermahnung: «Mir müend üsi Gschicht ufruume, Jakob!» Das Aufräumen aber ist ein schrittweises Zurückfinden in das «Damals» zu den Szenen einer bewegten Vergangenheit. Die Aufführung setzt sich zusammen aus vielen kleinen Rückblenden, die auf der unteren kiesbelegten und der mittleren rasenbedeckten Spielebene aneinandergereiht werden. Vier Generationen umfasst die Erzählung, und deshalb wechseln mit der Zeit die Spieler, die Kostüme (Agatha Imfeld), die Masken (Elsbeth Limacher) und die Lieder (arrangiert und einstudiert von Christov Rolla).

Das zeitweise sehr Berührende der Liebesgeschichte wird immer wieder aufgelockert und gewürzt durch humorige Passagen: Jakobs Kollegen machen ihre Sprüche und demaskieren sich dabei selbst; der behäbige Hans hat viel, was zum Lachen reizt. Auch das Bühnenbild trägt zur Komik bei – wenn plötzlich durch einen stoisch aussehenden, ­buckligen Friedhofsbeamten ein Stück Rasen gelüpft und ein richtiger Sarg hochgeklappt wird. Man muss lachen und weinen auf der gut gefüllten Zuschauertribüne, und das Stück erhält am Ende stehenden Applaus.

Hinweis

Zuger Spiillüüt, «Liebeszeiten», im Stierenmarktareal Zug, Halle 3. Weitere 12 Aufführungen am 11./12./13./14./18./19./20./21./24./ 25./26./27. Mai 2017. Weitere Infos: www.zuspi.ch

Die Jahre 1948 bis 1980: Anna (Sandra Kull) und ihre Freundin Esther (Marina Kendall) beim Klassentreffen. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 3. Mai 2017))

Die Jahre 1948 bis 1980: Anna (Sandra Kull) und ihre Freundin Esther (Marina Kendall) beim Klassentreffen. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 3. Mai 2017))