ZUG: «Mein Körper passt jetzt zur Seele»

Niklaus Flütsch ist Gynäkologe, Sportler, Ehemann. Vor einem halben Jahrzehnt war er noch Gynäkologin, Sportlerin, Partnerin. Heute ist er glücklich.

Susanne Holz
Drucken
Teilen
Seit 2012 betreibt Niklaus Flütsch eine gynäkologische Gemeinschaftspraxis in Zug. (Bild Werner Schelbert)

Seit 2012 betreibt Niklaus Flütsch eine gynäkologische Gemeinschaftspraxis in Zug. (Bild Werner Schelbert)

Was veranlasst einen Menschen, sich zu exponieren, öffentlich über seine Gefühle zu reden, ein grosses Thema in allen Medien zu sein? Sich angreifbar und verletzlich zu machen? Im Fall von Niklaus Flütsch ist es der Wunsch, mit dem souveränen Erzählen der eigenen Lebensgeschichte Menschen Mut zu machen, die sich so fühlen, wie er sich jahrzehntelang gefühlt hat: nicht zu Hause im eigenen Körper zu sein.

Niklaus Flütsch, 50 Jahre alt, Gynäkologe in Zug, kam 1964 als Bettina Flütsch zur Welt. Das mittlere Kind eines Bauingenieurs und einer Hausfrau wächst in Graubünden auf, ist in eine harmonische Familie eingebettet und prinzipiell nicht unglücklich. Unbeschwert ist es dennoch nicht: Das Kind weigert sich konsequent, Kleidchen zu tragen, mit Puppen zu spielen, ein Mädchen zu sein. Bereits dem Vierjährigen ist klar: An seinen Körper gehört ein Zipfeli. Die Haare haben kurz zu sein, die Spielkameraden sind Jungs. Der Mensch, der heute Niklaus heisst, liebte es, mit nacktem Oberkörper auf Bäume zu klettern, mit dem Vater zelten zu gehen. Ein Kind, das sich sein Leben nach Wunsch einrichtet.

Jahre der Kompensation

Das geht so lange gut, bis aus dem Kind ein Teenager wird, die Pubertät einsetzt, die Brüste wachsen. Niklaus Flütsch sitzt in seiner modern eingerichteten Praxis und steht mit viel Ruhe und Geduld einem weiteren Interviewpartner Rede und Antwort. Und erinnert sich. «Die Pubertät war ein grosser Frust, eine dunkle Zeit – alles wurde schwierig, depressiv, mühsam.» Der Teenager flüchtet vor seinem Körper, wird magersüchtig, erhält professionelle Hilfe. Kein Thema ist jedoch die Ursache der Depression: das ureigene Gefühl, dass die Seele nicht zum Körper passt. «Ein tiefes Empfinden», erzählt Niklaus Flütsch. «Ich hatte keine Worte dafür.» Erst während des Medizinstudiums in Zürich stösst die angehende Ärztin auf das Thema Transidentität – zieht sich aber erschrocken zurück, weil es in den Achtzigerjahren noch als pathologisch gilt, sich «ein anderes Geschlecht zu wünschen».

Es folgen Jahre der Ablenkung und Kompensation: eifriges Lernen, viel Sport, der Aufbau einer Karriere als Allgemeinärztin und dann als Gynäkologin. Warum gerade die Frauenheilkunde? Niklaus Flütsch interpretiert diese Wahl auch als einen Versuch, sich mit dem weiblichen Körper zu versöhnen. Und kommt zum Schluss: «Mal ging es besser, mal schlechter – aber unterm Strich war ich nicht glücklich.»

Bewundernswerte Offenheit

Seit 2003 arbeitet der Bündner mit Unterbrechungen in Zug. Von 2007 bis 2010 war er als Bettina Flütsch Teilhaberin einer gynäkologischen Gemeinschaftspraxis in der Innenstadt. 2009 fasste der Mensch namens Bettina – nach jahrelangen inneren Kämpfen – den Entschluss, den Körper der Seele anzupassen und nicht mehr umgekehrt mühsam zu versuchen, die Seele in einen Körper einzupassen, der sich schon immer fremd angefühlt hat. 2010 beginnt die Testosteronbehandlung, im August verabschiedet sich Bettina Flütsch von ihren Patientinnen mit einer bewundernswerten Offenheit. Die Gynäkologin macht ihre Gefühle transparent – informiert Familie, Freunde, Kollegen, Patienten. «Man kann nicht im Stillen transitionieren, man muss die Umgebung mit einbeziehen», sagt der Transmann heute. Und betont: «Eine Geschlechtsanpassung ist kein Zuckerschlecken – es braucht Ausdauer, Geduld, Disziplin. Es braucht die Unterstützung von Freunden und Familie.»

Vier Monate arbeitet Niklaus Flütsch noch als leitender Arzt der Frauenklinik des Zuger Kantonsspitals, dann wechselt er ans Zürcher Stadtspital Triemli. 2011 erfolgen Unterleibsoperation und Brustentfernung. 2012 will es der Zufall, dass Niklaus Flütsch erneut Teilhaber einer Zuger Gemeinschaftspraxis wird. Die Rückkehr – ein Spiessrutenlauf? Ganz und gar nicht. Viele ehemalige Patientinnen kehren zu der Person zurück, der sie schon früher vertrauten, die nun aber in einem männlichen Körper steckt – in einem Körper, der seinen Bewohner rundum glücklich macht. «Ich bin nach Hause gekommen», formuliert es Niklaus Flütsch. «Mein Körper passt nun zu meiner Seele.» 2013 hat der sportliche Bündner geheiratet, einen Mann. In dessen Pass steht ein M, in Niklaus Flütschs Pass steht ein W.

Ein Buch für Betroffene

Die beiden wollen sich nicht damit aufhalten, wie weiblich oder männlich sie nun sind, sie passen einfach perfekt zusammen. Aussehen tun sie allerdings wie zwei ziemlich attraktive Männer. «Ich geniesse mein Leben», sagt Niklaus Flütsch. Kommenden Mittwoch stellt er sein Buch «Geboren als Frau – glücklich als Mann» im Volkshaus Zürich vor. «Ich wende mich damit an Betroffene, Angehörige und überhaupt an Menschen, die sich nicht getrauen, etwas Grundlegendes in ihrem Leben zu ändern, aus Angst, abgelehnt zu werden.»

Hinweis

Buchtaufe am Mittwoch, 15. Oktober, um 19.30 Uhr im Weissen Saal im Volkshaus Zürich.