ZUG: Millionenbetrug am Telefon?

325 Anleger sollen bei Telefonverkäufen übers Ohr gehauen worden sein. Vier Beteiligten droht das Gefängnis. Sie sind sich aber keiner Schuld bewusst.

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Vier Beteiligte sollen 325 Anleger am Telefon übers Ohr gehauen haben. (Symbolbild Neue LZ)

Vier Beteiligte sollen 325 Anleger am Telefon übers Ohr gehauen haben. (Symbolbild Neue LZ)

Jürg J. Aregger

Seit gestern stehen fünf Beschuldigte, vornehmlich gebürtige Deutsche, vor dem Zuger Strafgericht. Nicht weniger als zwölf Verhandlungstage sind traktandiert. Gestern wurden die Beteiligten befragt. Nächste Woche sind die Plädoyers der Parteien geplant. Ursprünglich wollte die Zuger Staatsanwaltschaft die Verfahren einstellen, doch zwei Privatkläger gelangten ans Obergericht. Dieses ordnete an, dass sich die Beschuldigten im Alter zwischen 36 und 59 Jahren vor Gericht verantworten müssen.

Staatsanwalt Andreas Sidler fordert für vier der Beschuldigten wegen gewerbsmässigen Betrugs, Geldwäscherei und weiterer Delikte unbedingte Strafen zwischen dreieinhalb- und siebeneinhalb Jahren. Einzig für den Verwaltungsrat der Firma verlangt er wegen qualifizierter ungetreuer Geschäftsbesorgung und Misswirtschaft 18 Monate bedingt. Während vier der Verteidiger auf Anfrage sagten, sie plädierten auf Freispruch, liess der amtliche Verteidiger des Hauptbeschuldigten die Frage offen.

Die «Käfer-Truppe»

Der 59-jährige Hauptbeschuldigte ist offenbar ein begnadeter Redner und Motivator. Die beiden mitangeklagten Telefonverkäufer sagten gestern, sie hätten ihm «blind vertraut». Zum ganzen Debakel mit 325 Geschädigten (Unternehmer, Vermögensverwalter, Ärzte usw.) sowie zu einem Vermögensschaden von 7,2 Millionen Franken führte er aus: «Es hat halt nicht geklappt.» Vehement stellte er in Abrede, dass er eine Scheinfirma geführt habe und dass die Absicht, das Unternehmen an die Börse zu führen, ein Fantasieprodukt gewesen sei. Der Hauptbeschuldigte befindet sich seit Mitte Juli 2014 in Haft und im vorzeitigen Strafvollzug. Er ist mit Verkaufs-, Führungs- und Sportseminaren gross geworden und lebt seit langem in der Schweiz. Im Herbst 2005 engagierte er über ein Dutzend Telefonverkäufer, vom Staatsanwalt «Käfer-Truppe» genannt. Diese waren zeitweise im Schloss-Hotel in Merlischachen einquartiert, wo sie auch verpflegt wurden.

Teil eines Netzwerks

Die «Käfer-Truppe» war 2005 und 2006 nur ein kleiner Teil eines Netzwerks von Dutzenden Telefonverkäufern. Diese verkauften unter anderem illegal Aktien der Hünenberger Firma Nicstic, die angeblich eine nikotinfreie Zigarette erfunden hatte. Dabei wurden rund 30 Millionen Aktien zum Nennwert von 10 Euro verkauft.

Im vorliegenden Fall erlitten 325 Anleger zwischen März 2006 und Juni 2007 jeweils einen Totalschaden mit ihrem Engagement. Das Unternehmen des Hauptbeschuldigten wollte ein Konzept aus den USA nach Europa importieren. Die Idee: Es sollten vier Kampfsportarten vermarktet werden. Dass alles nicht realistisch gewesen sei, wie es der Staatsanwalt behauptete, stellte der Hauptbeschuldigte in Abrede. Er verwies auf zehn grosse Fernsehshows in Deutschland, welche die Firma organisiert habe. Davon habe nur der kurzfristig abgesagte Finalwettkampf nicht stattgefunden, sollte aber nachgeholt werden.

Das Geschäft sei ohne Abstriche weitergeführt worden. Ein Gutachter kam hingegen zum Schluss, dass es ab Ende 2006 keine Aktivitäten mehr gab – und da keine Bewilligung zum Effektenhandel vorlag, ordnete die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) den Konkurs an. «Wir waren alle geschockt», sagte der Initiant. «Wir versuchten, die gleiche Geschäftsidee in den USA weiterzuführen.»

Luxuriöser Lebensstil

«Wir haben persönlich kein Geld herausgenommen», führte der Initiant weiter aus. Er stellte aber nicht in Abrede, dass er, seine getrennt von ihm lebende Frau, die auch angeklagt ist, und die beiden Telefonverkäufer luxuriös gelebt hätten. Während sich die Frau als «Mädchen für alles» bezeichnete, die keine tragende Rolle in der Firma gespielt hat, erklärten die Telefonverkäufer, sie hätten nur ausgeführt, was der Patron angeordnet habe. Der fünfte Beschuldigte, Geschäftsführer und Verwaltungsrat, ist sich ebenfalls keines Verschuldens bewusst. Verfahrensleiter Marc Siegwart liess durchblicken, dass man diesen auch wegen gewerbsmässigen Betrugs hätte einklagen können.