ZUG: Nicht alle haben ihre schnellen Fahrräder im Griff

Immer mehr motorbetriebene Velos sind inzwischen im Kanton Zug unterwegs. Das sorgt für Konflikte – und Unfälle.

Wolfgang Holz
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Verlockend, aber verboten: Velofahrer mit schnellen E-Bikes dürfen auf dem Chamer Fussweg nicht fahren. (Bild Stefan Kaiser)

Verlockend, aber verboten: Velofahrer mit schnellen E-Bikes dürfen auf dem Chamer Fussweg nicht fahren. (Bild Stefan Kaiser)

Der Spaziergänger auf dem Chamer Fussweg durchs Naturschutzgebiet schreitet versonnen vor sich hin. Plötzlich rauscht an ihm pfeilschnell ein Velofahrer vorbei. Der Fussgänger erschrickt und kann gerade noch zur Seite ausweichen. Der Radfahrer auf seinem Elektrobike, der die Beinahe-Kollision mitbekommen hat, hält an. Erst in gut 20 Metern Entfernung. Kein Wunder. Denn aufgrund der elektronischen Tretverstärkung kann er mit seinem Velo rund 45 Stundenkilometer schnell fahren. Da platzt dem Fussgänger der Kragen. «Sie dürfen doch hier gar nicht fahren – der Weg ist für Motorfahrräder verboten», ruft der Spaziergänger. Recht hat er.

602 schnelle E-Bikes in Zug

Zweifellos. E-Bikes sind der Renner. Auch im Kanton Zug. Und es werden immer mehr. Laut Auskunft von Strassenverkehrsamtsleiter Markus Feer sind derzeit 602 Elektroräder auf Zugs Strassen unterwegs, die als Motorfahrräder gelten. Diese schweissfreien «Turbo-Drahtesel» sind bis maxi- mal 45 Stundenkilometer Geschwindigkeit zugelassen, und es muss an ihnen deshalb eine gelbe Töffplakette angebracht sein. «Gegenüber dem Vorjahr sind das 20 Prozent mehr», so Feer. Dabei sind all jene Hunderte Elektroräder in Zug noch gar nicht mitgezählt, die als Leichtmotorfahrräder gelten (bis maximal 25 km/h) und kein Kennzeichen benötigen.

Das Problem ist, dass das E-Bike immer wieder nicht nur normal tretende Velofahrer angesichts im High Speed vorbeibrausender Senioren kopfschüttelnd zurücklässt, sondern offenbar auch den Gesetzgeber in die Bredouille bringt. Denn manche Dinge in Sachen Elektrovelo scheinen tatsächlich nicht unbedingt sinnvoll geregelt. E-Bikes dürfen und sollen nämlich sogar – auch die schnelleren, wohlgemerkt – im Prinzip in vollem Tempo wie Mofas auf gemeinsamen Fuss- und Radwegen fahren. Zwar ist es den stärkeren Elektrorädern untersagt, auf für Motorfahrräder gesperrten Wegen unterwegs zu sein. Sie dürfen es dann aber doch, wenn sie den Motor ausgeschaltet haben. Aber wer kann das wirklich kontrollieren – schliesslich lässt sich der E-Antrieb ja schnell an- und ausknipsen?

E-Biker müssen auch keinen Helm tragen, wenn das Velo «bauartbedingt nicht mehr als 20 Stundenkilometer fährt oder eine Tretunterstützung von maximal 25 Stundenkilometern aufweist», so der Gesetzgeber. Dabei empfiehlt es sich schon für nicht motorisierte Velofahrer, zur persönlichen Sicherheit einen Helm zu tragen. Und die langsameren E-Bikes sind laut Experten im Schnitt rund 10 Stundenkilometer schneller als herkömmliche Velos. «Es besteht generell eine unübersichtliche Vielfalt», beschreibt Feer die Gesetzeslage – wobei es ihm vor allem ein Anliegen ist, dass der Gesetzgeber endlich einmal alle elektrobetriebenen Fahrzeuge klar kategorisieren sollte. «Inzwischen gibt es ja sogar Rollkoffer mit Elektroantrieb, Kickboards, Rollschuhe und vieles mehr.»

Zuger Polizei appelliert an Rücksicht

Dabei sind E-Bikes mit Abstand die gefährlichsten jener elektrobetriebenen Gattung. Wie die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) 2010 in einem speziellen Faktenblatt zu Elektrofahrrädern festhält, haben E-Biker im Vergleich zu herkömmlichen Radfahrern ein zwei- bis dreifaches Risiko, bei einem Unfall getötet zu werden. Ein Grund dafür ist laut der Beratungsstelle die erhöhte Geschwindigkeit von bis zu 45 Stundenkilometern und mehr, aber auch die langen Anhaltewege – bei 30 Stundenkilometern etwa beträgt dieser rund 24 Meter. Hinzu kommt die «schmale Silhouette» der einspurigen E-Bikes, die von anderen Verkehrsteilnehmern schlecht wahrgenommen wird. Nicht zuletzt sind die E-Bikes ähnlich wie Elektroautos nahezu geräuschlos unterwegs, was sich akustisch in Kombination mit einer erhöhten Geschwindigkeit gerade für Fussgänger negativ auswirken kann. Die BfU kommt deshalb ebenfalls zum Schluss: Insbesondere die Vorschriften für potenziell schnelle Elektrofahrräder erscheinen sicherheitstechnisch inadäquat. Gefordert werden klarere Regeln.

«Wir appellieren an die Rücksicht, an vorausschauendes Fahren und an die Eigenverantwortung von E-Velo-Fahrern», sagt Marcel Schlatter, Mediensprecher der Zuger Strafverfolgungs­behörden. Zwar schlüsselt die Zuger Polizei derzeit noch nicht gezielt Unfälle mit E-Bikes statistisch separat auf. Aber Schlatter ist überzeugt, dass es wegen der enormen Zunahme an Elektrorädern inzwischen auch mehr Unfälle mit diesen gibt (siehe Box). «Man sollte sich erst langsam daran gewöhnen, ein E-Bike zu steuern, und auch sichergehen, dass man wirklich im Stande ist, Velo zu fahren», so der Polizeisprecher. «Auf keinen Fall sollte man sich überschätzen.» Gegebenenfalls sei es auch sinnvoll, einen E-Bike-Kurs zu absolvieren. Ach ja, und wer tatsächlich mit einem E-Bike mit Töffplakette auf einem für Motorfahrzeuge gesperrten Weg erwischt wird, riskiert eine Busse von 30 Franken – wenn er es, wie gesagt, nicht mehr geschafft hat, den Motor vorher auszuschalten.