ZUG: Schnell droht der völlige Kollaps

Eine erste Bestandesaufnahme der Baudirektion zeigt: Die neue elektronische Busspur weist noch Mängel auf. Das Problem aber liegt hauptsächlich woanders.

Andreas Faessler
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«Wir haben derzeit eine absolute Extremsituation.» Heinz Tännler, Baudirektor (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

«Wir haben derzeit eine absolute Extremsituation.» Heinz Tännler, Baudirektor (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Vor rund eineinhalb Monaten hat die Stadt die neue elektronische Busspur zwischen der Kreuzung Mänibach und dem Casino in Betrieb genommen. «Bald kann der Bus den Stau überholen» titelte unsere Zeitung am 17. März einen entsprechenden Artikel. Während der Stosszeiten am frühen Morgen soll eine Ampel für den Bus die Gegenfahrbahn frei halten, damit dieser an der Autokolonne vorbeifahren und somit den Fahrplan einhalten kann. Es schien vorerst auch zu funktionieren, dies aber hauptsächlich, weil es kaum Stau gab. Als der neue Ampelmodus für den Bus aktiv wurde, fehlte nämlich die volle Verkehrsbelastung. «Es gab zu dem Zeitpunkt kaum Staudruck», sagt Baudirektor Heinz Tännler rückblickend. Der Grund: Es war Ferienzeit, und der Berufsverkehr war somit deutlich geringer als üblich. Eine Beurteilung der Funktionsweise der elektronischen Busspur war erst während der vergangenen drei Wochen möglich, nachdem die Ferienzeit vorüber und die Vollbelastung auf der Strasse zurückgekehrt war.

Und da präsentierte sich ein ganz anderes Bild: Der Stau stadteinwärts von Oberwil her war oft so gross, dass der Bus selbst in der wartenden Autokolonne stecken blieb und die für ihn frei gehaltene Gegenfahrbahn gar nicht erst nutzen konnte. Dieses Problem ist bereits auch seitens der Leserschaft unserer Zeitung geäussert worden. Seitens der Zugerland Verkehrsbetriebe (ZVB) zeigt man sich trotzdem so weit zufrieden mit dem neuen System, wie Mediensprecherin Kathrin Howald sagt. «Zwar ist es schwierig, nach so kurzer Zeit bereits ein Fazit zu ziehen. Aber aus unserer Sicht erfüllt die elektronische Busspur bisher ihre Aufgabe, auch unsere Busfahrer äussern sich positiv.»

Dennoch: Die Baudirektion, welche die Situation auf der Artherstrasse in den vergangenen Wochen laufend beobachtet hat, kommt ihrerseits zu einem einfachen, aber eindeutigen Schluss: Es gibt schlicht und ergreifend zu viel Verkehr im Stadtzentrum. Tännler: «Zwar bedarf die Funktionsweise der elektronischen Busspur aus unserer Sicht noch der einen oder anderen Überprüfung und Anpassung. Aber wir haben derzeit bezüglich des Verkehrsaufkommens eine absolute Extremsituation.» Von den Einfallsachsen her, namentlich der Ägeri-, Zugerberg- und Artherstrasse, herrsche besonders zu Stosszeiten immenser Druck auf die Innenstadt. Es könne sein, so vermutet Tännler, dass derzeit viele Autofahrer der Baustellensituation an der Göbli­strasse via Ägeristrasse und Kolinplatz ausweichen. Zudem trage auch die aktuell gesperrte Poststrasse zur Verkehrsüberlastung im Bereich Neugasse bei, was Auswirkungen bis zum Friedbach und weiter habe. Angesichts dieser Zustände sieht die Baudirektion kurzfristig nur eine Lösung: Die Steuerung der Lichtsignalanlagen vor allem am Postplatz sollen überprüft und optimiert werden. In anderen Worten: Die Grünphasen für die Autos sollen je nach Prüfergebnis und im Zeitfenster, in dem die elektronische Busspur in Betrieb ist, länger dauern, um dem Staudruck nachzugeben, damit der Verkehr abfliessen kann. «Das ist teilweise zum Nachteil der Fussgänger», so Heinz Tännler. «Das wollen wir eigentlich nicht, aber es geht nicht anders. Wir sehen ja: Ist bereits an einer einzigen Stelle die Grenze überschritten, droht der völlige Kollaps.» Inwiefern sich die angepasste Ampelschaltung dann auf die elektronische Busspur auswirkt, wird Gegenstand einer Neubeurteilung sein.

«Der Verkehr wird nicht weniger»

Für Heinz Tännler ist dieses enorme Verkehrsaufkommen, das die Zuger Innenstadt derzeit so stark belastet, kein gutes Zeichen. Und einmal mehr wird für ihn deutlich, dass eine langfristige Lösung unabdingbar ist. Es liegt auf der Hand, dass das viel diskutierte Stadttunnelprojekt gemeint ist. «Der Verkehr wird nicht weniger werden, im Gegenteil», ist Tännler überzeugt. Und die Aussage vieler Projektgegner, dass es auch ohne eine solche langfristige Lösung «immer irgendwie geht», werde angesichts dieser Vorzeichen bald nicht mehr haltbar sein.

Andreas Faessler