ZUG: Seine Erinnerungen hat er nur im Kopf

Seit fast elf Monaten ist Nikita Karetnikov als Austauschschüler in der Schweiz. Überrascht haben ihn die gewaschenen Kartoffeln.

Jasmin Gut
Drucken
Teilen
Nikita Karetnikov (Mitte) begutachtet mit Gastmutter Chantal Roulet und deren Sohn Yannis, wo er schon überall gewesen ist. (Bild Werner Schelbert)

Nikita Karetnikov (Mitte) begutachtet mit Gastmutter Chantal Roulet und deren Sohn Yannis, wo er schon überall gewesen ist. (Bild Werner Schelbert)

Eine grosse Russlandflagge ist an die Zimmerwand geheftet. Direkt daneben hängt eine Schweizerkarte, übersät von rot umkreisten Ortsnamen. «Ich bin viel in der Schweiz herumgekommen», sagt Nikita Karetnikov stolz. Während seines Austauschjahres habe er zweiundzwanzig Schweizer Kantone besucht, wobei er oft alleine unterwegs gewesen sei, weil dann seine Gedanken freier seien. Unter den rot umkreisten Ortschaften befindet sich auch Ascona, eine von Nikitas Lieblingsstädten. «Schriftsteller Erich Maria Remarque ist dort begraben, dessen Romane ich bereits in Russland kannte und sehr mochte.» Damals hat er sie noch auf Russisch gelesen. Heute spricht Nikita beinahe fliessend Deutsch – dies, obwohl er ohne jegliche Vorkenntnisse in die Schweiz kam. Auch Chantal Roulet, Nikitas Gastmutter, lobt seine Sprachkenntnisse: «Die Abmachung war anfangs, dass wir einen Monat zusammen Englisch sprechen, aber bereits nach zwei Wochen fand ein Grossteil der Gespräche auf Hochdeutsch statt.» Auf Schweizerdeutsch wurde dabei meist verzichtet. «Nur Ausdrücke, die ich oft zu Nikitas beiden jüngeren Gastbrüdern sage, wie zum Beispiel ‹hör uf› oder ‹chunsch jetzt ändlich›, versteht er bereits gut», sagt sie lachend.

Vorgewaschene Kartoffeln

Einen Kulturschock habe der 16-jährige Moskauer bei seiner Ankunft in der Schweiz nicht gehabt. Zwar sei der Unterschied zwischen einer Millionenmetropole wie Moskau und der kleinen Stadt Zug riesig, doch finde er gerade diese Unterschiede spannend. In seiner Freizeit ist Nikita oft in der Natur, und sein Gastvater hat ihn zum Joggen motiviert – im schmutzigen Moskau seien solche Aktivitäten kaum möglich. Obwohl Nikita nie einen richtigen Kulturschock hatte, kamen die unterschiedlichen Lebensgewohnheiten hie und da zum Vorschein. So erinnert sich Chantal Roulet noch an ihren ersten Supermarkteinkauf mit Nikita: «Er war besonders von der Gemüseabteilung überrascht und dass man hier die Kartoffeln bereits vorgewaschen kaufen kann.»

Keine Fotos

Der Entschluss, einen Austauschschüler bei sich aufzunehmen, wurde von der Familie Roulet sehr spontan gefasst: «Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass noch Gastfamilien gesucht werden. Nach kurzer Rücksprache mit der ganzen Familie war dann nur zehn Tage später Nikita bei uns», so Chantal Roulet. Nikita sei inzwischen ein richtiges Familienmitglied geworden. Die grosse Vertrautheit zwischen Gastmutter und Gastsohn zeigt sich auch in der Art, wie sie miteinander sprechen. Als Nikita ein Wort auf Russisch ausspricht und Chantal Roulet seine Bedeutung richtig errät, sagt sie mit einem Augenzwinkern: «Ich verstehe bereits Russisch!» Sie selber habe keine grossen Erwartungen gehabt. «Ich dachte nur, dass er vielleicht öfters abends weggeht und – wie Jugendliche das oft tun – seine Grenzen austestet.» Mit solchen Problemen seien sie allerdings nie konfrontiert worden. Im Gegenteil: «Wir mussten Nikita oft zu seinem Glück zwingen und ihn dazu ermuntern, Neues auszuprobieren.» Sein Austauschjahr bezeichnet Nikita selbst als «das beste Jahr seines Lebens». In einem Monat geht es für ihn wieder zurück nach Moskau – die Erinnerungen an die Schweiz behält Nikita dabei in seinem Kopf, denn Fotos hat er selbst keine gemacht.