ZUG: Selbstbestimmung als hohes Gut

Wie leben wir auch im hohen Alter möglichst selbstständig? Der Branchenverband der Alters- und Pflegeheime Curaviva Schweiz lud zum Podiumsgespräch über ein wichtiges Anliegen betagter Menschen.

Wolf Meyer
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Der Theologe Heinz Rüegger (links) im Gespräch mit Moderator Kurt Aeschbacher. (Bild: Werner Schelbert (Zug, 1. Juni 2017))

Der Theologe Heinz Rüegger (links) im Gespräch mit Moderator Kurt Aeschbacher. (Bild: Werner Schelbert (Zug, 1. Juni 2017))

Wolf Meyer

redaktion@zugerzeitung.ch

Unsere Gesellschaft ist mitten im Alterungsprozess. Die Babyboomer kommen ins hohe Alter, die Lebenserwartung steigt, und damit verlängert sich auch die Lebensphase nach dem Arbeitsprozess. Wie man diese Zeit trotz zunehmender körperlicher Beschwerden geniessen kann, diskutierten vergangenen Donnerstag im Burgbachsaal vier Fachkräfte aus dem Bereich der Gerontologie. Moderiert wurde der Anlass von Kurt Aeschbacher.

Heinz Rüegger ist Theologe, Ethiker und Gerontologe und bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis am Institut Neumünster. In einem einleitenden Referat streicht er den Unterschied zwischen dem Traum nach Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit heraus. «Wir sind unser ganzes Leben lang abhängig von unseren Mitmenschen.» Abhängig etwa vom Bäcker oder dem Buschauffeur oder dem Stromproduzenten. Darum ist für Rüegg klar: «Die Abhängigkeit von Pflegepersonal, die wir im hohen Alter erleben, ist gar nichts Neues. Die Angst vor dem Verlust der Integrität und Würde unbegründet.» Die entscheidende Qualität, die wir uns auch im hohen Alter bewahren sollen, ist für Rüegg die Selbstbestimmung.

Das Schreckgespenst Altersheim

Doch auch diese legt man wohl an der Garderobe ab, wenn man in ein Altersheim zieht. Hier bestimmt das Pflegepersonal den eigenen Tagesablauf, und die Insassen spuren. So zeichnet nach Rüeggs Meinung zumindest das gängige Vorurteil die Situation. Christina Affentranger Weber sieht die Realität ganz anders. Sie ist Leiterin des Fachbereichs Erwachsene Menschen mit Behinderung bei der Curaviva Schweiz und weiss aus jahrelanger Erfahrung als Leiterin einer stationären Institution für Pflege und Betreuung im Kanton Solothurn, dass sich die Pflegekultur in den letzten zehn Jahren drastisch verändert hat. «Heute dient die Pflege ganz klar dem Leben und nicht umgekehrt. Wir engagieren uns alle für die Lebensqualität unserer Klienten und stellen ihre gewohnten Strukturen und Wünsche in den Mittelpunkt.» Damit das Angebot eines Altersheims oder auch einer Pflegeleistung zu Hause jedoch selbstbestimmt genutzt werden kann, sollte man sich früh genug mit dem Thema befassen. «Man sollte nicht erst in ein Altersheim ziehen, wenn es aufgrund der Pflegesituation unabdingbar ist. Es fällt viel leichter, am neuen Ort richtig Wurzeln zu schlagen, wenn man körperlich noch fit ist.»

Hier und Jetzt

«Selbstbestimmt leben bedeutet für viele auch selbstbestimmt sterben», betont Rüegg und schneidet das Thema der passiven Sterbehilfe und der damit verbundenen Patientenverfügung an. Auch diesen Gedanken sollte man sich frühzeitig stellen, so die Experten. «Diese Entscheidung sollte man auch nicht allein treffen, sondern offen mit der Familie besprechen. Sonst kann es sein, dass im Ernstfall viele unausgesprochene Bedürfnisse übergangen werden.» Am allerwichtigsten ist für Affentranger aber eines: «Das Leben geniessen. Nichts auf morgen verschieben. Das Glück im Jetzt.»