ZUG: Sie haben gemeinsam die Schweiz erkundet

Ausländische Jugendliche gehen auf Reisen und probieren Neues: Goldwaschen, Übernachten auf der Alp und Hörnli mit Käse und Apfelmus.

Falco Meyer
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Nach der Projektwoche wollen die Jugendlichen ihren Eltern zeigen, was sie erlebt haben. (Bild Stefan Kaiser)

Nach der Projektwoche wollen die Jugendlichen ihren Eltern zeigen, was sie erlebt haben. (Bild Stefan Kaiser)

Alle beugen sich übers Pult in Azra Trnjanins Klassenzimmer. In der Hand die Bilder der Projektwoche. Heute Abend kommen ihre Eltern in die Räume des Integrations-Brücken-Angebots (I-B-A), und wollen sehen, was ihr Nachwuchs auf seiner Schweiz-Reise alles gelernt hat. «Hat es euch gefallen?», fragt Trnjanin in die Runde – und kriegt klare Antworten. «Das Uhrenmuseum war spannend», sagt einer, und eine andere, «mal etwas ganz anderes». Die Projektwoche soll den Schülern des I-B-A die Schweiz von einer anderen Seite zeigen. «Das Thema ‹Reise durch die Schweiz› ist darum für die Schüler spannend, weil sie das alles zum ersten Mal machen», sagt Trnjanin, die dieses Jahr für die Organisation der Projektwoche zuständig war. «Zum ersten Mal auf die Rigi, zum ersten Mal ins Appenzellerland, zum ersten Mal Goldwaschen oder in den Tierpark Goldau.»

Die Schüler des I-B-A lernen während zweier Jahre Deutsch, es sind ungefähr 60 Kinder und Jugendliche aus aller Herren Ländern. «Die Zusammensetzung unserer Schulklassen bildet das weltliche Geschehen ab», sagt der Leiter des I-B-A, Jules Marty, und Trnjanin ergänzt: «Momentan haben wir viele Spanier und Portugiesen, aufgrund der Krise.» Ziel des Angebots ist es, ihnen den Anschluss an die Schweizer Gesellschaft zu ermöglichen, sie wirtschaftlich zu integrieren.

«Die isst man mit Papier?»

Bestes Beispiel dafür ist Trnjanin selber, vor Jahren war sie hier noch Schülerin, jetzt ist sie Lehrerin und Lernbegleiterin geworden. «Und ich denke», sagt sie und lacht, «woanders wäre ich es heute vielleicht nicht mehr. Aber hier sind die Schüler so motiviert und gut drauf, sie wollen alle etwas lernen.» Und so sieht es auch aus in den Klassenzimmern, wo gerade die Plakate für den Abend gestaltet werden. Etwa beim farbenfrohen Plakat über den Felssturz von Goldau, aufgeklebte Bilder der Katastrophe, dramatisch gemalt und von den Schülern lakonisch untertitelt: «Verschüttete Menschen und interessierte Touristen», unter einem alten Kupferstich, der als Werbung für Katastrophentouristen aus dem neunzehnten Jahrhundert durchgehen könnte. Eine andere Gruppe hat im Appenzell auf einem Berg übernachtet. Jetlira Bozhoja (17) zückt begeistert ihr Natel und sagt: «War schön, aber es hat geschneit und war neblig, schauen sie, da gibt es ein Bild.» Die Jugendlichen, die mit der Kosovarin im Appenzell waren, haben zusammen schweizerisch gekocht. «Wie heisst das schon wieder?», fragt Jetlira, und ihre Kollegin antwortet zweifelnd «Käsehörnli?» «Genau, mit Apfelmus.» Ob das gut ist? «Ja, und Biberli haben wir auch gemacht.» Diese liegen auf einem Stapel mitten auf dem Pult, alle mit Scherenschnitten beklebt. «Und die isst man mit Papier?», fragt Trnjanin und die Klasse lacht. «Natürlich nicht, das muss man zuerst abklauben», heisste es aus der Runde.

Dass die Eltern am Ende der Woche auch vorbeikommen, ist neu. Etwa ein Drittel der Kinder und Jugendlichen hat keine Eltern, die vorbeischauen können, einige sind allein in der Schweiz. Sie kommen am Abend mit ihren Betreuern. Die Eltern, die da sind, kommen gerne, sagt Trnjanin. «Wir haben einen guten Draht zu ihnen, sie fühlen sich hier wohl und sind froh, dass ihre Kinder bei uns gut aufgehoben sind.»