ZUG: Sie hat damals Neuland betreten

Doris Bussmann hat vor 25 Jahren als erste Frau die Polizeischule absolviert – und hat für einige Veränderungen gesorgt.

Samantha Taylor
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Doris Bussmann musste gegen einige Vorurteile kämpfen. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Doris Bussmann musste gegen einige Vorurteile kämpfen. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

«Ich wollte das einfach», blickt Doris Bussmann zurück. Sie ist eine kleine Frau, ihre Figur ist zart. Ihr kräftiger Händedruck lässt jedoch erahnen, dass man sich von dem feinen Äusseren der 50-jährigen nicht täuschen lassen darf. Denn Doris Bussmann ist eine starke Frau – psychisch und physisch. Die gebürtige Luzernerin ist Polizistin. Seit 25 Jahren steht sie im Dienst der Zuger Polizei. 24 Jahre davon hat sie bei der Kriminalpolizei verbracht. Seit einem Jahr ist sie als Sachbearbeiterin im Posten beim Kolinplatz tätig.

Der Weg zu ihrem Traumberuf verlangte von ihr einiges ab. Doris Bussmann hat als erste Frau die gesamte Polizeischule im Kanton Zug absolviert. «Von 1987 bis 1988», sagt sie. «Die Ausbildung war teilweise happig», erinnert sie sich. Körperlich sei viel von ihr verlangt worden. «Da ich nie im Militär war und noch keine Frau vor mir diese Ausbildung gemacht hatte, wussten weder ich noch meine Ausbildner, wie viel man mir zumuten kann», beschreibt sie. Es sei alles Neuland gewesen. Man hat sich jedoch drauf geeinigt, dass die damals 24-Jährige das gleiche Programm durchlaufen muss wie ihre männlichen Kollegen. «Das war gut so, auch wenn ich manchmal an meine Grenzen kam», findet sie heute. Es sei wichtig, dass alle durch das gleiche Nadelöhr gehen. Eine Übung ist ihr besonders in Erinnerung geblieben: «Wir mussten an einer Hauswand abseilen.» Das habe sie viel Überwindung gekostet. Aber, sagt sie pragmatisch, es sei Teil der Ausbildung gewesen. «Da mussten wir alle durch.»

Gegen Vorurteile

Absolviert hat Doris Bussmann die Handelsschule. Danach war sie in administrativen Stellen beim Kanton Luzern angestellt. Fünf Jahre davon im Sekretariat bei der Kantonspolizei. In dieser Zeit hat sie ihre Leidenschaft für diesen Beruf entdeckt. «Ich habe in den Betrieb reingesehen und wusste, dass ich zur Polizei will.» Doch mit dem Beschluss war es noch nicht getan. «Ich musste gegen viele Vorurteile kämpfen und mich immer wieder behaupten», erinnert sie sich. So sei man bei der Polizeischule in erster Linie kritisch gewesen, ob die junge Frau das auch wirklich durchstehe. «Manche Kollegen befürchteten zudem, dass ich eine Sonderbehandlung erfahren könnte.» Doch als sie gemerkt hätten, dass dies nicht der Fall sei, sei die Akzeptanz in der Gruppe gut gewesen.

Auch ihr privates Umfeld war skeptisch. «Immer wieder habe ich zu hören bekommen, ich sei zu klein, zu fein, zu schwach und vor allem viel zu sensibel für diesen Beruf», erzählt sie. Dass die damalige Kantonspolizei Zug ebenfalls nicht darauf eingestellt war, dass eine Frau den Dienst antreten wollte, zeigte sich bei der Bekleidung. «Ich bekam eine Männeruniform. Ausser den Galauniformen, zu denen ein ganz unpraktischer Jupe gehörte, gab es schlicht keine Bekleidung für Frauen», sagt Bussmann und schmunzelt. Und zu guter Letzt staunte auch die Bevölkerung nicht schlecht über die junge Frau, die mitten unter Männern Verkehrskontrollen durchführte oder auf Streife ging. «Einmal hat mir bei einer Kontrolle jemand ein Znüni gebracht. Damit ich das auch durchstehe», erinnert sie sich. Zudem habe sie ab und an Blumen bekommen. «Die Leute fanden es erfrischend, eine Frau bei der Polizei zu sehen.»

Psychologie als Stärke

Die heute im Kanton Schwyz wohnhafte Frau wirkt taff – aber nicht hart. «Ich kam zwar in eine Männerwelt. Ich glaube aber nicht, dass ich dadurch männlicher geworden bin.» Vielmehr hat sie ihre weiblichen Seiten zu ihrem Vorteil gemacht. «Die Psychologie und der Umgang mit Menschen, sei es mit Beschuldigten oder mit Opfern, ist meine Stärke.»

Doris Bussmann konnte nach ihrer Ausbildung direkt bei der Kriminalpolizei beginnen. Ein ungewöhnlicher Karrierestart, der ein Sachentscheid war, weil es in dieser Abteilung einen Engpass gab. Während 24 Jahren spezialisierte sich die Mutter von zwei Söhnen auf Gewalt- und Sexualdelikte. Sich abzugrenzen habe sie bald gelernt. «Man muss sich einen breiten Rücken zulegen – egal ob man ein Mann oder eine Frau ist», erklärt sie. Dass sie eben kein Mann ist, hat ihr gerade bei Vernehmungen oft zugespielt. «Bei mir konnten auch Männer weinen und Schwäche zeigen.» Der Wechsel in die Sachbearbeitung hat Doris Bussmann nichts ausgemacht. «Auf dem Posten ist man die erste Anlaufstelle für die Bevölkerung. Ich weiss nie, was der Tag bringt. Das gefällt mir.»

Für viele ein Vorbild

Doris Bussmann war eine Pionierin – und das ist sie geblieben. Mit dem gleichen Elan, wie sie sich damals für eine Frauenuniform stark gemacht hat, setzte sie sich auch für die Teilzeitarbeit ein. Sie war für viele Frauen ein Vorbild. «Vermutlich habe ich schon etwas bewegt», sagt sie bescheiden. Diese Vorbildfunktion hat sie bis heute behalten. Ihr jüngster Sohn will nämlich in die Fussstapfen seiner Mama treten. «Er will Polizist werden», sagt sie lächelnd. «Er ist allerdings erst zwölf Jahre alt. Es kann sich also noch so manches ändern.»