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ZUG: Sie sind da, wenn schnell zu viel passiert

Chris Oeuvray und Roman Ambühl sind Mitglieder des kantonalen Care-Teams. Bei ihren Einsätzen geht es vor allem ums Zuhören – aber auch ums Abgrenzen.
Samantha Taylor
Chris Oeuvray und Roman Ambühl kommen bei aussergewöhnlichen Ereignissen zum Einsatz. (Bild Stefan Kaiser)

Chris Oeuvray und Roman Ambühl kommen bei aussergewöhnlichen Ereignissen zum Einsatz. (Bild Stefan Kaiser)

Samantha Taylor

«Wir sind da, wenn Menschen überfordert sind», sagt Chris Oeuvray, und Roman Ambühl ergänzt – etwas fachspezifischer: «Wir leisten psychosoziale Notfallversorgung.» Die Coaching-Fachfrau Chris Oeuvray ist Mitglied des Care-Teams und dort nicht nur als sogenannte Care-Giver aktiv, sondern auch zuständig für die Kommunikation. Roman Ambühl, hauptberuflich als Pastoralassistent in der Pfarrei St. Johannes tätig, leitet dieses Team. Seit neun und sieben Jahren sind die beiden für das Care-Team, das insgesamt 20 Mitglieder zählt, unterwegs. In ganz verschiedenen Einsätzen.

Gemeinsam ist diesen, dass die Betroffenen ein offenes Ohr und Hilfe brauchen. Denn das Care-Team wird jeweils durch die Zuger Polizei aufgeboten – zu aussergewöhnlichen Ereignissen. Dazu zählen unter anderem Unfälle, plötzliche Todesfälle oder Suizide. «Wir werden immer dann auf den Platz gerufen, wenn für die Betroffenen zu schnell zu viel passiert ist», sagt Chris Oeuvray.

Nur so lange wie nötig

Die meisten Menschen würden in aussergewöhnlichen Situationen aussergewöhnlich reagieren, sagt Roman Ambühl. Es gebe dabei kein «klassisches Schema», das man drüberstülpen könne. «Manchmal kommen da ganz unerwartete Gefühle auf. Unsere Aufgabe ist es dann, den Betroffenen zu sagen, dass ihre Reaktion normal ist», so Ambühl weiter. Die meisten Menschen, die in eine solche Situation kämen, würden so etwas zum ersten Mal erleben. «Da kann alles passieren. Es kann beispielsweise auch sein, dass jemand lachen muss», ergänzt Oeuvray. Als «Care-Giver» höre man in diesen Momenten vor allem zu – jeder Person, die es braucht. «Die Schuldfrage, beispielsweise bei Unfällen, ist für unsere Arbeit nicht relevant», führt Oeuvray aus.

Betreut werden Betroffene durch die «Care-Giver» so lange, bis sie die Situation und vor allem ihre Gefühle mehr oder weniger bewältigen können. «Das ist oft dann der Fall, wenn ihr eigenes soziales Netz zu greifen beginnt», sagt Oeuvray. Das könne nach wenigen Stunden sein, das könne manchmal aber auch etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen. «Wir arbeiten nach dem Motto, so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Wenn wir überflüssig werden, gehen wir», erklärt die Zugerin weiter und fügt an: «Wir animieren die Leute, in ihren Gefühlen zu bleiben. Man soll sie nicht verdrängen. Gefühle müssen in Bewegung bleiben, um ein Trauma zu verarbeiten.»

Der Mittelweg

Das Care-Team ist für die «Erstversorgung» zuständig. «Wir machen keine psychologischen Langzeitbetreuungen», sagt Roman Ambühl. «Wir gehen bei unseren Einsätzen grundsätzlich davon aus, dass wir es mit gesunden Menschen zu tun haben, die sich in einer aussergewöhnlichen Situation befinden und in diesem Moment Unterstützung brauchen.» Die «Care-Giver» kommen denn auch aus ganz verschiedenen Bereichen und befinden sich in unterschiedlichen Lebenssituationen. Sie alle verfügen über eine Grundausbildung in psychologischer Nothilfe. «Wir gehen grundsätzlich als Menschen in diese Situation», sagt Ambühl. «Dennoch passt nicht jede Person in unser Team», sagt Ambühl. Mit beiden Beinen im Leben stehen sollte man etwa. Gleichzeitig seien eine gewisse Belastbarkeit und Flexibilität gefragt, und es brauche genauso Empathie wie auch die Fähigkeit zur Abgrenzung. «Gerade bei diesen beiden Punkten muss man einen guten Mittelweg finden», sagt Oeuvray und beschreibt diesen so: «Wir fühlen mit Betroffenen mit, ohne mit ihnen zu leiden.»

Zum Üben

Um genau das zu üben, finden regelmässig Übungen für die Mitglieder des Care-Teams statt. Auch mal in grösserem Rahmen zusammen mit anderen Beteiligten wie etwa der Polizei und der Feuerwehr. So wurde vor vier Jahren ein Amoklauf an einer Schule in Steinhausen simuliert. Im Dezember letztes Jahr wurde ein Schiffsunglück mit einer Schulklasse nachgestellt. «Diese Einsätze sind immer sehr real. Es geht darum, dass wir Abläufe einspielen und Problemstellen ausmachen können», erklärt Oeuvray. Ausserdem soll die Übungen – wie die Nachbesprechung nach jedem anderen Einsatz auch – den Care-Givern die Möglichkeiten geben, ihre Arbeit zu reflektieren.

Doch trotz all dem gelingt das mit der Abgrenzung nicht immer gleich gut. Das haben Ambühl und Oeuvray selbst schon erfahren. «Ich erinnere mich an eine Geschichte, die mir nahe gegangen ist», erzählt Roman Ambühl. Es sei dabei um eine Familie gegangen, die unerwartet ihren kleinen Sohn verloren habe. «Die Familie war hier nicht sehr gut vernetzt und in ihrem Schmerz ziemlich einsam», beschreibt er. Das habe ihn betroffen gemacht, erzählt er weiter. «Ich habe damals bewusst die Beerdigung des Kindes besucht – wohl auch, um selbst abschliessen zu können.»

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