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ZUG: Sie versteht es, genau hinzuschauen

Die hörbehinderte Angela Ritter hat seit kurzem ihr Diplom im Sack – auch zur grossen Freude ihres Lehrmeisters und künftigen Chefs.
Lehrmeister Stefan Moos mit seiner ehemaligen Lehrtochter und neuen Angestellten Angela Ritter. (Bild Christian H. Hildebrand)

Lehrmeister Stefan Moos mit seiner ehemaligen Lehrtochter und neuen Angestellten Angela Ritter. (Bild Christian H. Hildebrand)

Charly Keiser

Am Freitag konnte Angela Ritter ihr Diplom entgegennehmen. Und zwar, weil sie die vierjährige Lehre als Zeichnerin EFZ, Fachrichtung Ingenieurbau, erfolgreich absolviert hat. Anders als fast alle ihrer Berufskollegen genoss Ritter im Unterricht eine spezielle Behandlung. Ein Fachlehrer unterrichtete nämlich nur sie und einen Kollegen. Der Grund: Angela Ritter ist hörbehindert. In der Berufsschule für Hörgeschädigte in Zürich werden den Lehrlingen in einem normalen Klassenverband die allgemeinen Fächer beigebracht, während man für den berufsspezifischen Unterricht je nach Lehre geeignete Fachlehrer sucht.

Wo die Probleme für Hörgeschädigte und deren Arbeitgeber liegen, erklärt Angela Ritters Lehrmeister und künftiger Arbeitgeber Stefan Moos vom gleichnamigen Zuger Ingenieurbüro: «Der grösste Unterschied ist, dass wir Angela nicht einfach etwas auf einem Plan oder auf dem Bildschirm zeigen und gleichzeitig sprechen können.» Es sei vielmehr nötig, ihr ein Zeichen zu geben, dass nun eine Erklärung folge. Dann schaue sie zuerst auf den Plan oder den Bildschirm, um dann die Erklärung an den Lippen abzulesen. Auch an Teamsitzungen müsse der Hörbehinderung von Angela Rechnung getragen werden, wobei teilweise ein Übersetzer zum Einsatz komme, der mittels Gebärdensprache Unterstützung biete.

«Wie ein Dialekt»

Am Anfang ist Ritter schwer zu verstehen, wenn sie spricht. Es sei, wie wenn man einen Dialekt zum ersten Mal höre, die Gewöhnungszeit sei aber sehr kurz, erklärt Moos. Stimmt. Schon die nächsten Sätze, die die 22-jährige Zugerin spricht, sind problemlos zu verstehen. Dass ihre Artikulation nicht noch besser ist, liegt in einem tragischen Fehler, wie Moos verrät. Der Dreijährigen sei nämlich ein defektes Implantat eingesetzt worden. Erst nach anderthalb Jahren sei der Fehler entdeckt und korrigiert worden. Um tauben Kindern die Sprache zu ermöglichen, transportiert das Implantat Töne zum Hirn. Je früher das Hilfsgerät eingesetzt wird, desto besser sind die Chancen für das Sprechen.

«Ich höre, wenn jemand spricht, weiss aber nicht, wer spricht, und verstehe auch nichts», umschreibt Angela Ritter ihre Situation. Dank Lippenlesen und Gebärdensprache könne sie sich gut unterhalten und dank Skype sogar mit anderen Leuten telefonieren. Auch WhatsApp und Co. ermöglichen und erleichtern der jungen Frau die Kommunikation mit anderen, wie sie ergänzt. Doch Angela Ritter wollte nicht, dass ihre Eltern die Gebärdensprache lernen. «Ich habe es ihnen verboten und gesagt, ihr müsst nicht alles verstehen», erzählt die junge Frau, «denn das ist meine Geheimsprache.»

Doch wie fanden Moos und Ritter beruflich zusammen? «Angelas Grossvater ist mein Götti, und mein Vater wiederum ist Götti ihrer Mutter», löst Moos ein Teil des Rätsels auf. Aber es habe nicht bloss «Vitamin B» gespielt, betont er. «Denn Angela ist eine perfekte Lehrtochter und wird uns auch als künftige Angestellte viel Freude bereiten.» Er habe sie angehalten, an verschiedenen Orten zu schnuppern, bevor er ihr den Lehrvertrag gegeben habe, erzählt Moos. «Doch Angela habe sich für die Lehre bei ihnen entschieden. Sie sei sehr selbstständig, motiviert, äusserst zuverlässig und initiativ, lobt Moos.

Mathematik sei ihr Steckenpferd, erklärt Angela Ritter, Schwimmen, Fussball, Velofahren und Lesen ihre Hobbys. Sie kann alle Schweizer Dialekte von den Lippen lesen – Hochdeutsch hingegen fast nicht. Ein Problem sei zum Beispiel das Reisen, wo in Bahnhöfen Informationen nur per Lautsprecher bekannt gemacht würden, erklärt Ritter. «Ich muss immer sehr aufpassen, dass ich Fahrplanänderungen irgendwie mitbekomme.»

Moos ist stolz auf Angela Ritter: «Und ich bin froh, sie zu unserem Team zählen zu dürfen – zumal der Markt für Zeichner im Industriebau ausgetrocknet ist.»

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