ZUG: «So lerne ich, mich selbst auszuhalten»

Im dritten Jahr verkauft Hans Rhyner aus Zürich jetzt schon das Strassenmagazin «Surprise» am Bahnhof. Für ihn hat diese Tätigkeit auch etwas Therapeutisches, hatte er doch lange immer wieder Alkoholprobleme.

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«Surprise»-Verkäufer Hans Rhyner an seinem Stammplatz beim Eingang zum Bahnhof Zug. (Bild: Werner Schelbert (Zug, 20. Oktober 2017))

«Surprise»-Verkäufer Hans Rhyner an seinem Stammplatz beim Eingang zum Bahnhof Zug. (Bild: Werner Schelbert (Zug, 20. Oktober 2017))

Es fällt auf, wenn einem in der heutigen Zeit, wo am Morgen jeder nur von A nach B hetzt, plötzlich einer lautstark einen guten Morgen wünscht. Diese Person ist Hans Rhyner oder einfach nur Hans, der Mann mit der «Surprise». Dreimal in der Woche steht der bald 63-Jährige mit den etwas tiefer hängenden Hosen einige Stunden am Eingang zur Bahnhofspassage in Zug aus Richtung Metalli. Er ist einer von drei Verkäufern im Kanton Zug. Rund 30 Hefte verkauft er pro Woche, dies aber nicht nur in Zug, sondern auch an seinem anderen Standort beim Manor in Schaffhausen.

Das Heft muss Hans dem Verlag für 3.30 Franken abkaufen. Darin inbegriffen ist bereits sein jeweiliger AHV-Beitrag in Höhe von 30 Rappen. Verkauft wird das Heft dann für 6 Franken – damit verdient Hans pro verkauftem Heft 2.70 Franken. Und er verrät: «Seit einem Jahr verzichte ich auf Sozialhilfe und lebe vom Verkauf und von den «Surprise»-Stadtrundgängen.» Bei diesen führt er Gruppen zweimal die Woche an die Orte in Zürich, wo sich Armutsbetroffene und Randständige aufhalten, um jenen eine anderen Perspektive zu geben. Pro Führung erhält er 65 Franken.

Es begann, als sein Vater starb

Er selbst sei nie gänzlich in die Armut abgestürzt, aber immer knapp davor gewesen, erzählt Hans. Er kenne aber viele sogenannt Randständige gut. Hans’ Problem ist der Alkohol. Problem noch immer, weil, wie er sagt, man nie aufhöre, Alkoholiker zu sein. «Auch wenn man trocken ist, die Versuchung bleibt.» Er sei auf dem Genesungsweg, mehr nicht. Aufgewachsen ist er in Elm im Kanton Glarus. Der Vater verstarb, als Hans gerade seine Lehre zum Schlosser begann. «Ich hing sehr an ihm, es hiess aber, ein Mann weint nicht.» Er begann zu trinken, um zu vergessen. In Zürich, so sagt er, habe er dafür die nötige Anonymität gefunden. «Da bist du nicht Hans, der Alkoholiker, sondern einer unter vielen.» Schon früh habe er aber gewusst, dass es ihm nicht gut tue, zu trinken. Zu verdanken habe er dies dem Umstand, dass er über Kollegen Kontakt zu den Anonymen Alkoholikern geschlossen habe. Schon 1975 habe er zum ersten Mal gesagt: «Ich bin Hans und ich bin Alkoholiker.» Und das sage er bis heute wöchentlich. Obwohl er nun seit 2010 wieder trocken ist. Dies nach seinem letzten Rückfall 2009, der ihn auch indirekt den Job kostete. «Ich arbeitete mehrere Jahre als Auslieferer für ein Warenhaus.» Er habe es geschätzt, draussen bei den Kunden zu sein, diesen ihr neues Gerät zu bringen und bei Bedarf das alte zu entsorgen. Doch dann verliebte er sich. Sie war Alkoholikerin. «Wir zogen gemeinsam in eine Wohnung und es ging wieder los.» Der Arbeitgeber erfuhr davon, Hans wurde ins Lager versetzt. «Das war nicht das Richtige für mich.» Er brauche bei seiner Arbeit Kontakt zu Menschen. Vor der Tätigkeit fürs Warenhaus hatte er mehrere Jahre als Vertreter gearbeitet. «Beim Kontakt mit Menschen lerne ich, mich selbst auszuhalten», sagt Hans. Dies treffe vor allem auch auf den «Surprise»-Verkauf zu. Den er, obwohl er zwischenzeitlich davon lebt, als sein liebstes Hobby bezeichnet, das er gerne so lange ausüben würde, wie es geht, obwohl er bald pensioniert sei.

Die Resonanz ist ihm wichtig

Zur «Surprise» kam Hans über einen befreundeten Verkäufer. «Ich fragte, ob sie noch jemand brauchen könnten.» Doch was hat er eigentlich gemeint, mit lernen, sich selbst auszuhalten? «Wenn ich beim Verkaufen aufdringlich wäre oder schlechte Stimmung hätte, würde ich kein einziges Magazin verkaufen, bin ich aber freundlich und zurückhaltend und helfe auch mal einen Koffer hochzutragen oder hole den Lift, läuft es meist wie von selbst.» Es sei also ein Gradmesser für ihn. Zudem habe er eine Tagesstruktur und könne ein gutes Produkt verkaufen. «Ich habe es schon früher gekauft und finde es spitze.» Und deshalb verschenke er auch pro Woche zwei, drei Ausgaben. «Wenn ich den Leuten ansehe, dass sie es interessieren könnte, drücke ich ihnen teils einfach eins in die Hand.» Das reue ihn auch nicht. Und dann bedankt er sich beim Journalisten, was Seltenheitswert hat, für das gute Gespräch und drückt ihm natürlich eine «Surprise» in die Hand.

Christopher Gilb

christopher.gilb@zugerzeitung.ch