ZUG: «Sprache ist eindeutig rauer geworden»

Herrscht Macho-Terror auf dem Pausenplatz? Nicht selten sind Schülerinnen und Schüler Opfer von Beschimpfungen und Belästigungen. Der Besuch in einer Oberstufe überrascht. Und doch ist eines klar.

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«Im Grunde sind wir brav»: Oberstufenschüler an der Loreto-Schule. (Bild Maria Schmid)

«Im Grunde sind wir brav»: Oberstufenschüler an der Loreto-Schule. (Bild Maria Schmid)

Wolfgang Holz

Zuerst ist es mucksmäuschenstill in der Klasse S3a des Zuger Loreto-Schulhauses. Dann sagt ein Schüler frank und frei: «Wenn ich zu meinem Freund mal Arschloch sage, weiss der, wie das wirklich gemeint ist. Für einen Freund ist das schon mal akzeptabel.» Sagts und grinst seinen Nachbarn an. Auch ein Mädchen bekennt kurz darauf, sie sei schon mal als «Schlampe» tituliert worden. «Es kommt aber eben darauf an, ob so etwas ein guter Kollege oder eine völlig unbekannte Person zu einem sagt. Bei einem Bekannten kann ich einschätzen, was dahintersteckt», erklärt die 15-Jährige. Oft seien solche Äusserungen nämlich nicht ernst gemeint.

«In der Schule nicht so schlimm»

Keine Frage. Jugendliche unterhalten sich heutzutage offenbar anders als früher. Daraus macht Hugo Hayoz, Prorektor der Zuger Loreto-Schule, an der derzeit 380 Oberstufenschüler unterrichtet werden, keinen Hehl. «Die Sprache ist eindeutig rauer geworden.» Wenn in seiner Zeit «Du bist eine dumme Kuh!» das Höchste in Sachen Beleidigung gewesen sei, würden heute doch ausgesprochen viele Ausdrücke unter die Gürtellinie zielen. «Und was ich leider feststellen muss: Viele junge Frauen haben diese Entwicklung scheinbar bedenkenlos mitgemacht. Aus Gruppendruck? Unsicherheit? Oder aus Gleichberechtigung?» Hayoz versichert auch, dass Schweizerinnen, Schweizer und Jugendliche aus dem Balkan sich in den letzten Jahren sehr angenähert haben was Verhalten und Sprache betrifft.

Doch zurück in die Klasse. Je länger man sich mit den Schülerinnen und Schülern der S3a unterhält, desto eher gewinnt man den Eindruck, dass diese im Grunde recht gesittet und reflektiert miteinander umgehen und reden. «In der Schule ist es eigentlich nicht so schlimm», sagt ein Mädchen mit lockigem Haar. Auf dem Eisfeld sei sie dagegen schon recht angegangen worden. Für einen Jungen in der letzten Bankreihe, der sich auffällig häufig zu Wort meldet, ist klar, dass solchen Jugendlichen, die sich wie Machos verhalten und schon beim kleinsten, falschen Blick auf dem Pausenplatz austicken, «um Leute handelt, denen es nur um Macht geht. Denn denen fehlt das Selbstvertrauen.» In der Klasse selbst, sagen die Oberstufenschüler, gehe man sehr wohl respektvoll miteinander um. Man achte darauf, «dass man den Stolz eines anderen nicht verletzt», so ein Schüler ganz vorne. «Und dass man nicht über jemanden hinter seinem Rücken lästert und Witze macht», sagt eine Mitschülerin. Ihre Nachbarin bemerkt gar: «Im Grunde sind wir hier sehr brav.»

Dabei hat die Loreto-Schule schon vor Jahren erkannt, dass man ein Auge darauf haben sollte, wie Schüler und Lehrpersonen miteinander umgehen. Die Initiative «Stand up for Respect» gibt es schon seit sieben Jahren. «Es soll gewaltlose Kommunikation eingeübt werden, die Schüler sollen sensibilisiert werden für einen respektvollen Umgang miteinander und Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen», erläutert Hayoz. Doch einer in der S3a redet Klartext: «Da wird halt am Anfang der Oberstufe von der Klasse eine Flagge auf dem Pausenplatz bemalt und das wars dann.» Klassenlehrerin Rebecca Twerenbold stellt ihren Schülern auch so ein gutes Zeugnis in Sachen Sozialverhalten aus. «Alle sind sehr authentisch, vertrauenswürdig, vernünftig und haben privat auch ein Hobby.» Gerade Vertrauen – ebenso wie eine Portion Humor – sei heutzutage sehr wichtig für den harmonischen Umgang zwischen Schülern und Lehrpersonen. Diese Harmonie und Offenheit ist in der S3a der Loreto-Schule zu spüren.

Rotkreuzer Schule lehnt ab

Dies gilt aber nicht überall im Kanton Zug. In Rotkreuz etwa reagiert Rektor Michael Fuchs sofort ablehnend auf die Frage, ob es möglich sei, sich mit Schülern seiner Schule über das Thema Macho-Terror zu unterhalten. «An unserer Schule haben wir nicht explizit ein Problem in dieser Sache», schreibt er in einer Mail. Fuchs: «Es macht keinen Sinn, explizit zu diesem Thema eine Oberstufenklasse zu befragen.»