ZUG: «Stierenmarkt ist quasi Zuger Chilbi»

Zum Auftakt des Stierenmarkts gab es viel zu sehen: Teleskopstapler, Kinderwagenblockaden und zwei Wilsons.

Julian Feldmann
Drucken
Teilen
Bürgerratspräsident Rainer Hager zeigt den scharfen Senf, den er jeweils an den «Gemeindetisch» mitnimmt. (Bild Charly Keiser)

Bürgerratspräsident Rainer Hager zeigt den scharfen Senf, den er jeweils an den «Gemeindetisch» mitnimmt. (Bild Charly Keiser)

Rinderauktion auf dem Stierenmarktareal. (Bild: Werner Schelbert (Neue ZZ))
33 Bilder
Rinderauktion auf dem Stierenmarktareal. (Bild: Werner Schelbert (Neue ZZ))
Auktion (Bild: Werner Schelbert (Neue ZZ))
Rinderauktion auf dem Stierenmarktareal.Im Bild Kühe vor dem Auftritt.
11. September 2014 (Bild: Werner Schelbert (Neue ZZ))
Rinderauktion auf dem Stierenmarktareal.Im Bild putzen der Kühe vor dem Auftritt. (Bild: Werner Schelbert (Neue ZZ))
Hier sind wohl gleich zwei ein wenig müde. (Bild: Werner Schelbert (Neue ZZ))
Miranda war mit 8100 Franken das am teuersten gehandelte Rind. (Bild: PD)
Original Braunvieh im Aufwärtstrend: So werden jedes Jahr mehr Original Braunvieh als Braunvieh-Stiere am Zuger Stierenmarkt aufgeführt. (Bild: PD)
Die Stiere standen einmal mehr im Mittelpunkt des Interesses am rege besuchten Markt. (Bild: PD)
Dieser Stier scheint Marlene Bürgin gut zu gefallen. (Bild: Werner Schelbert (Neue ZZ))
Die Stiere müssen genau begutachtet werden. (Bild: Werner Schelbert (Neue ZZ))
Tradition und Moderne. (Bild: Dominik Hodel (Neue ZZ))
Jeder Stier muss genau begutachtet werden. (Bild: Dominik Hodel (Neue ZZ))
«En Guete!» (Bild: Dominik Hodel (Neue ZZ))
Stierenblick. (Bild: Dominik Hodel (Neue ZZ))
Eher ungewohnte Rückansicht. (Bild: Werner Schelbert (Neue ZZ))
Säuli und Kinder rennen um die Wette. (Bild: Dominik Hodel (Neue ZZ))
Tradition wird am Strierenmarkt hochgehlten. (Bild: Dominik Hodel (Neue ZZ))
Kletterfreudige Werbekuh. (Bild: Dominik Hodel (Neue ZZ))
Stiere aus der ganzen Schweiz werden am Mittwoch, 10. September 2014, beim traditionellen Zuger Stierenmarkt den Bauern vorgefuehrt. (Bild: Keystone)
Bauern begutachten einen Jungstier (Bild: Keystone)
Bild: Keystone
Bild: Keystone
Bild: Keystone
Bild: Keystone
Bild: Keystone
Bild: Keystone
Bild: Keystone
Bild: Keystone
Bild: Keystone
Bild: Keystone
Bild: Keystone
Bild: Keystone

Rinderauktion auf dem Stierenmarktareal. (Bild: Werner Schelbert (Neue ZZ))

Es herrscht Feststimmung in Zug. Die Marktstände erstrecken sich von der General-Guisan-Strasse bis zur Schutzengelkapelle. Angeboten werden Schmuck, Süsses, urchige CDs, Gürtel und Hosenträger, während den Besuchern der Duft von Käse und Wurst in die Nasen strömt.

Auf dem Stierenmarktareal schmeckt es dann eher nach Mist. Aber das gehört dazu. Die stolzen Stiere, wenn sie nicht gerade dem Publikum präsentiert werden, stehen in Reih und Glied und lassen sich von den Besuchern begutachten. Unter den Tieren findet sich auch ein Ehrengast: Wilson, der Siegermuni des Kilchberg Schwingets, wartet auf einen Käufer. Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Stier, der gestern in unserer Zeitung porträtierten Landwirtsfamilie Grab. Er ist auch hier – und wird sogar ausgezeichnet.

Wer eine Pause braucht, kann sich diese im Festzelt gönnen und für einen Happen einkehren. Leckereien gibt es auch unter freiem Himmel zu erwerben. Den grössten Umsatz macht dabei wohl die Dame hinter dem Softeis-Wagen, was sie dem sommerlich heissen Wetter zu verdanken hat.

Oskar Grüters Datenbank

Einer macht keine Pause: Der Speaker, der die Stiere anpreist. Er ist kein unbeschriebenes Blatt – und seine Blätter sind auch nicht unbeschrieben. Es handelt sich um Oskar Grüter, den Mann, der für die Gesamtorganisation zuständig ist und über die Viehzucht akribisch Buch führt. In seiner Datenbank finden sich 1000 Stiere, 200 000 Kühe und nochmal so viel Jungvieh. Der diesjährige Stierenmarkt ist der letzte, bei dem Grüter eine leitende Rolle übernimmt. Nach 39 Jahren, in denen er «immer gerne dabei» war, blickt er seiner Pension entgegen. Rückblickend sagt er: «Der Stierenmarkt ist der Ort, um Stiere auszusuchen. Das Beste sei aber immer, hier viele Leute zu treffen: «Es ist quasi wie Zuger Chilbi.» Für die Zukunft wünscht er sich, dass der Stierenmarkt erhalten bleibt: «Wir hoffen, die nächste Generation führt das weiter.» Es sei für den Nachwuchs wichtig, ein wenig «Landwirtschaftsluft zu schnuppern»: «Die Kinder sollen sehen, dass Milch nicht aus der Packung kommt, sondern von einer Kuh», so Grüter.

Keine Angst vor den Stieren

Vorerst muss er sich nicht viele Sorgen machen – die jüngere Generation ist zahlreich vertreten. Mehr als eine Kindergartenklasse schlendert über das Gelände. Der gemütlich eingerichtete Kleintierhof lädt zum Picknicken ein – wenn man die Kinderwagenblockade am Eingang zu überwinden weiss. Fröhlich steigen die Kleineren in Traktore, Teleskopstapler und andere landwirtschaftliche Fahrzeuge, die ausgestellt sind. Oder sie lassen sich von den Ponys tragen, die nonstop ihre Runden drehen. Viele Besucher sind kaum halb so gross wie die ausgestellten Stiere. Angst haben sie vor den Tieren aber keine. Müssen sie auch nicht – schliesslich werden sie von ihren Eltern oder Grosseltern begleitet. «Wir wollen die Tradition weitergeben», so die Begründung, die Nachfahren mitzunehmen. Es sei schliesslich schön, dass es so etwas wie den Stierenmarkt in Zug noch gebe.

Besuch bei den modernen Hütern einer alten Tradition

Politiker so weit das Auge reicht: So lässt sich der gestrige Auftakttag des Zuger Stierenmarkts am treffendsten beschreiben. Und daran ist gut zu erkennen, dass am 5. Oktober im Kanton Zug gewählt wird. Sie stehen vor den Eingängen, drücken den Besuchern Flyer in die Hände: Exekutivpolitiker, Kandidaten, Sympathisanten. Hier herrschen Tradition und Wahlkampfzirkus in einem. Zug pur – wie es nur alle vier Jahre am Stierenmarkt zu erleben ist.

Eine einzige Absenz

Aber nicht nur in Wahljahren und nicht nur Politiker nehmen regelmässig am traditionellen Anlass teil. So sassen gestern Mittwoch ab 18 Uhr nebst den Mitgliedern des Zuger Stadtrats auch die der Bürgergemeinde und der Korporation fast vollzählig an einem Tisch. Genauer gesagt, um den so genannten Gemeindetisch am Stierenmarkt. «Xaver Moos hat sich den Fuss eingeklemmt», erklärt Korporationsschreiber Daniel Schwerzmann die Absenz des Bergallmendverwalters Moos.

Seit wann es den Gemeindetisch gibt, ist nicht so einfach zu eruieren. Wahrscheinlich schon sehr lange. «Ich habe den Tisch von meinem Vorgänger Albert Grünenfelder schon in dieser Form übernommen», sagt alt Stadtschreiber Albert Müller, der von 1981 bis 1998 als «sechster Stadtrat» fungierte. «Ich habe den Anlass weiter intensiviert und Regeln aufgesetzt», ergänzt er. So sei heute klar definiert, dass die drei Stadtzuger Gemeinden abwechslungsweise den Anlass organisieren und auch entsprechend finanzieren. Daraus, und aus dem zusätzlichen jährlichen Treff der drei Stadtzuger Gemeinden, sei in seiner Zeit ein guter Korpsgeist entstanden, betont Müller. «Es herrschte in allen drei Räten ein gutes Einvernehmen, und es wurde zum Wohl des Volks politisiert und gehandelt.» Er sei im Stiftungsrat der Pro Patria gewesen, verrät Müller weiter. Ex-Ständerat und Stiftungspräsident Carlo Schmid und Quästor Kurt Langhard hätten ihn gebeten, ebenfalls einen Tisch am diesjährigen Stierenmarkt für sie zu reservieren. Und zwar für neun Personen. So hat gestern der Stiftungsrat am Stierenmarkt zu Mittag gegessen und, wie Müller betont, sei geplant, dass auch dieser Treff in Zug zur Tradition werde.

Perfekte Pflege der Gesellschaft

«Der Gemeindetisch existiert, seit ich Schreiber bin», sagt Daniel Schwerzmann von der Korporation Zug und fügt an: «Für mich ist er die perfekte Pflege der Geselligkeit zwischen den Gemeindebehörden.» Bürgerratspräsident Rainer Hager witzelt: Der Gemeindetisch ist zwar sensationell, aber scharfen Senf muss ich immer selber mitnehmen.» Korporationspräsident Urban Keiser hat noch keinen Gemeindetisch verpasst, wie er betont, und Stadtpräsident Dolfi Müller doppelt nach: «Seit ich Stadtrat bin, habe ich an jedem Tisch teilgenommen – Wahlkampf hin oder her.» Für Korporationsrat Andreas Landtwing ist der Tisch ein Symbol: «Wir alle treffen uns auf gleicher Ebene. Gut möglich, dass das nur in Zug so möglich ist.»