ZUG: Suizidprävention zeigt Wirkung

Vor kurzem hat sich eine Person auf dem Bahnhof das Leben genommen. Ein tragisches Ereignis. Insgesamt hat sich aber die Zahl der Suizide im Kanton in den letzten Jahren verringert – dank nachhaltiger Vorbeugung.

Wolfgang Holz
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Themenbild Suizid. (Bild: Fabian Biasio (19. April 2001))

Themenbild Suizid. (Bild: Fabian Biasio (19. April 2001))

Wolfgang Holz

 

wolfgang.holz@zugerzeitung.ch

«Der jüngste Suizid löste bei mir Bedauern aus», sagt Zugs Gesundheitsdirektor Martin Pfister. «Man überlegt sich dabei sofort, welche Massnahmen in Zukunft getroffen werden können, um solche Fälle zu verhindern», meint Pfister. Der Suizid im Zuger Bahnhof habe ihn besonders nachdenklich gemacht: «Solche Fälle sind selten, aber es gibt sie. Und sie leiten die Aufmerksamkeit auf die Thematik, die sich meistens ausserhalb der öffent­lichen Wahrnehmung abspielt.»

Andererseits – und das ist die eigentlich erfreuliche Nachricht – hat sich die Zahl der Selbsttötungen im Kanton Zug in den vergangenen Jahren markant verringert. Gemäss der jüngsten Statistik des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums liegt die Rate der nicht assistierten Suizide im Kanton Zug seit 2010 deutlich unter derjenigen der Schweiz. Konkret hat sich 2014 die schweizweite Suizidrate bei 12,9 Personen pro 100000 Einwohnern befunden, in Zug dagegen bei 9,5. «Bei den Frauen liegt die Suizidrate im interkantonalen Vergleich an 18. Stelle, bei den Männern ist sie gar am tiefsten an 26. Stelle – und insgesamt hat Zug den zweittiefs­ten Wert unter allen Kantonen», erläutert Zugs Gesundheitsdirektor. Anzumerken ist, dass es sich dabei um standardisierte Suizidraten handelt, berechnet über einen Fünfjahresmittelwert.

Die Zuger Staatsanwaltschaft hat in ihrer Suizidstatistik zwischen 2008 und 2015 insgesamt 112 Suizidopfer registriert, das sind im Schnitt 14 pro Jahr. Zwischen 1991 und 2007 wurden aber noch 314 Suizidopfer verzeichnet (also mehr als 18 Opfer im Schnitt pro Jahr). Wobei die Polizeistatistik auf dem Todesort und nicht auf dem Wohnort des Verstorbenen basiert. Zwischen 1991 und 2007 hatte ein Viertel der Suizidopfer den Wohnsitz ausserhalb des Kantons Zug.

«Gutes Gesundheitssystem trägt dazu bei»

Es scheint unbestritten: Die Suizidprävention und Öffentlichkeitskampagnen der Gesundheitsdirektion haben Erfolge gezeitigt. «Zug verfügte schliesslich als erster Kanton der Schweiz 2003 über ein Bündnis gegen Depression und hat seit 2007 eine umfassende Kampagne zur psychischen Gesundheit sowie seit 2010 ein Konzept zur Früherkennung und zur Suizidprävention lanciert», würdigt Pfister die Arbeit seiner Amtsvorgänger. «Und auch ich stehe klar für die Stärkung der psychischen Gesundheit im Kanton Zug ein.» Es sei also gut möglich, dass diese Bemühungen nun «Früchte» zeigen. Wobei nicht gesichert sei, ob diese Fakten auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügen angesichts der kleinen Zahlen und der demzufolge starken Schwan­kungen von Jahr zu Jahr. «Sicher tragen auch das gute Zuger Gesundheitssystem zur Behandlung psychischer Krankheiten mit der Psychiatrischen Klinik Zugersee in Oberwil, der Klinik Meissenberg und den Ambulanten Psychiatrischen Diensten wie auch die wahrscheinlich eher gesunde und junge Bevölkerung das Ihre zum guten Ergebnis bei», ist der CVP-Politiker überzeugt.

Erfreulich ist auch, dass die Lorzentobelbrücke keinen Anziehungspunkt mehr darstellt in Sachen Suizide. Die Anzahl der Selbsttötungen durch Sturz von den beiden Lorzentobelbrücken ist seit 2006 durch das Anbringen von baulichen Sicherheitsvorkehrungen, insbesondere von höheren Brückengeländern, stark zurückgegangen. Während zwischen 1991 und 2007 durchschnittlich 3,2 Suizide pro Jahr, verteilt auf beide Brücken und beide Geschlechter, zu verzeichnen waren, war es im Zeitraum zwischen 2008 und 2015 noch durchschnittlich einer pro Jahr. Pfister: «Die Lorzentobelbrücken stellen glücklicherweise keinen eigentlich Hotspot mehr dar.» Bezüglich Rückgang der Suizide würden die aufgestellten Notrufsäulen aber vermutlich eher eine untergeordnete Rolle spielen.

Neben diesen baulichen Sicherheitsmassnahmen an den Lorzentobelbrücken haben sich laut Gesundheitsdirektion die Früherkennung und die Suizidvorbeugung am meisten bewährt. «Eine wirksame Suizidprävention darf allerdings nicht zeitlich befristet bleiben und muss auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sein», fordert Pfister. So sei vorgesehen, die Strategie fortzuführen. Auch der Bundesrat hat die Problematik erkannt und im Herbst 2016 den nationalen Aktionsplan Suizidprävention verabschiedet, der in vielen Punkten dem Zuger Projekt gleicht. Zudem habe sich das systematische Monitoring der Suizide im Kanton Zug bewährt. Dabei werden Daten zu den Suiziden von der Zuger Staats­- anwalt­schaft erhoben und in anonymisierter Form an die Ambulanten Psychiatrischen Dienste weitergeleitet. «Dies ermöglicht eine meines Wissens schweizweit einmalige Datengrundlage, die eine Überprüfung von Massnahmen zur Vorbeugung von ­Suiziden auf deren Wirksamkeit ermöglicht und aus der sich weitere Strategien zur Verhinderung von Suizidfällen ableiten lassen», führt er aus.

Zusammenhang zwischen Suizidhäufigkeit und Waffen

Einen grossen Beitrag zur Verhinderung zahlreicher künftiger Suizide könnte auch eine strengere Waffenabgabe bewirken. Denn eine häufige Suizidmethode bei Männern ist das Erschiessen – nicht zuletzt mit Militärwaffen.

Doch Zugs Gesundheitsdirektor relativiert. «Fachleute betonen zwar einen Zusammenhang zwischen der Verfügbarkeit von Waffen und der Häufigkeit von solchen Suiziden», räumt Martin Pfister ein. Er sei allerdings gegen ein Verbot der Aufbewahrung von Armeewaffen zu Hause. Die Heimabgabe von Armeewaffen erhöhe generell die Sicherheit von Soldaten im Umgang mit ihrer Waffe. Zudem besteht die Möglichkeit der freiwilligen Aufbewahrung der Armeewaffe im Zeughaus. Die Zuger Polizei hat bereits dreimal – 2008, 2010 und 2013 – eine Aktion zur freiwilligen Waffenabgabe durchgeführt, sagt der Vorsteher der Gesundheitsdirektion.

Thema Depression noch mehr enttabuisieren

Vor allem müsste das Thema Suizid noch weiter enttabuisiert werden. Insbesondere bei psychischen Krankheiten wie Depressionen. Denn nur wer genügend über die Bedeutung und die Konsequenzen psychischer Krankheiten wisse, so Pfister, und darüber offen sprechen könne, nehme schnell medizinische Hilfe in Anspruch. «Aus psychiatrischer und suizidpräventiver Sicht wäre dies klar zu begrüssen», sagt Pfister. Die Enttabuisierung psychischer Erkrankungen habe in den letzten Jahren zwar Fortschritte gemacht – allerdings nicht für alle Formen seelischer Störungen im selben Mass. Will heissen: Es gebe nach wie vor psychische Erkrankungen, wie etwa Formen der Schizophrenie, die stark tabuisiert seien. Auch das Phänomen der schnell wachsenden Anzahl assistierter Suizide – Stichwort Sterbehilfe – entziehe sich weitgehend den Möglichkeiten der Prävention. «Hier ist ein weiterer Ausbau der palliativmedizinischen Angebote eine der möglichen Antworten.»