ZUG: Verantwortungsvolle Detektivarbeit

Verding- und Heimkinder können endlich für ihnen angetanes Unrecht eine finanzielle Genugtuung einfordern. Das Staatsarchiv hilft ihnen bei der Aktensuche. Das ist eine für beide Seiten nicht immer einfache Angelegenheit.

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Der Leiter des Staatsarchivs Ignaz Civelli hilft Betroffenen beim Finden von Unterlagen. (Bild: Werner Schelbert (Zug, 17. Februar 2017))

Der Leiter des Staatsarchivs Ignaz Civelli hilft Betroffenen beim Finden von Unterlagen. (Bild: Werner Schelbert (Zug, 17. Februar 2017))

Marco Morosoli

marco.morosoli@zugerzeitung.ch

Die Schweiz hat eine wenig ruhmreiche Geschichte bezüglich fürsorgerischer Zwangsmassnahmen (siehe Box). Damit Betroffene ihre Ansprüche geltend machen können, müssen sie Akten beibringen. Im Kanton Zug ist das Staatsarchiv eine Anlaufstelle für Opfer, die auf der Suche nach solchen Unterlagen sind. «Bis jetzt haben sich bereits mehr als ein Dutzend Personen bei uns gemeldet», sagt Ignaz Civelli. Er ist Leiter des Staatsarchivs. Schon früher hätten sich Leute gemeldet, die ihre Vergangenheit ausforschen wollten, dabei sei es aber oftmals auch «um Wurzelsuche» gegangen.

Heute hingegen sei das Opferhilfegesetz der Antrieb. Civelli, der schon Betroffenen beim Finden von relevanten Akten geholfen hat, sagt: «Es ist eine sehr interessante, aber auch eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit, weil es ja um menschliche Schicksale geht.» Dabei wüssten die Betroffenen, die häufig schon als kleine Kinder in Heimen versorgt wurden, so erzählt Civelli, nicht mehr genau, wo sie einquartiert waren. Die Ortsangaben seien oft sehr vage wie zum Beispiel «Heim am Berg». Da kämen die verschiedensten Institutionen in Frage. Civelli schätzt, dass es schweizweit Hunderte von Orten und Archiven gibt, wo sich Akten zu administrativ versorgten Personen befinden können. Die Staatsarchive erfüllten dabei eine Art Drehscheibenfunktion, um die notwendigen Suchanfragen strukturiert weiterzuleiten. Es solle vermieden werden, dass die Betroffenen alle erdenklichen Archive anfragen müssten. Wichtige Unterlagen sind auch im Staatsarchiv selber gelagert. So befindet sich zum Beispiel das Archiv des Seraphischen Liebeswerkes, welches später in der Kinder- und Jugendberatung Zug aufgegangen ist, im Zuger Staatsarchiv. Dabei seien auch noch Fallakten vorhanden. Demgegenüber seien die Unterlagen des Marianums in Menzingen im Archiv des Klosters Menzingen gelagert, wobei dort die Fallakten früher vernichtet worden sind. Hingegen seien vom Marianum die Kassenbücher erhalten, welche allenfalls Hinweise auf einen Aufenthalt von Kindern in dieser Institution enthalten können. Je nachdem, wie viele Spuren vorhanden sind, könne die Suche nach Unterlagen sehr aufwendig werden. Aber die Arbeit des Zuger Staatsarchivs beschränkt sich keineswegs nur auf Einrichtungen innerhalb des Kantons. «Wir sind in der Archivlandschaft gut vernetzt und versuchen, das Wissen zu bündeln», betont Ignaz Civelli.

Verlorenes Vertrauen zurückgewinnen

Die Aktensuche sei schon das eine oder andere Mal von Erfolg gekrönt gewesen: «Es kommt aber auch vor, dass wir nicht das Gewünschte oder gar nichts gefunden haben.» Da sei bei der Übermittelung der Botschaft an die Betroffenen sehr «viel Fingerspitzengefühl» erforderlich: «Wir beschreiben in diesen Fällen, was wir gemacht haben, und sagen nicht einfach, wir hätten nichts.» Dieses Vorgehen sei auch dem Umstand geschuldet, «dass die Betroffenen früher oftmals keine guten Erfahrungen mit Behörden gemacht haben». Diese Vorbehalte würde man bisweilen auch im Verhalten gegenüber dem Staatsarchiv spüren. Da heisse es, das «Vertrauen der Opfer zu gewinnen». 

Civelli erinnert auch daran, dass die Opfer von Zwangsmassnahmen nicht Beweise von gerichtlicher Qualität beibringen müssen. Man müsse vielmehr seine Geschichte darlegen können. Die Gesuche für Opferentschädigungen können bis am 31. März 2018 eingereicht werden. In Zug wird mit rund 40 Gesuchen gerechnet. Insgesamt sollen für die geschätzten 12000 Gesuche in der Schweiz 300 Millionen Franken verteilt werden. 100 Millionen davon sollen die Kantone beisteuern.

Hinweis

Weitere Informationen erhalten Betroffene beim Fachzentrum Opferberatung, Tirolerweg 8, Zug, Telefon 041 725 26 50, oder beim Staatsarchiv Zug, Aabachstrasse 5, Zug, Telefon 041 728 56 80.

 

Zug beteiligt sich

In der Schweiz sind bis weit in die Siebzigerjahre Personen behördlich bevormundet, sterilisiert, weggesperrt und verdingt worden. Das ist ein schwieriges und wenig ruhmreiches 
Kapitel in der schweizerischen Sozialgeschichte. Bereits im Jahre 2013 ist das Leid dieser Opfer bei einem Gedenkanlass in Bern anerkannt worden. Zudem hat sich der Kanton Zug damals an einen Soforthilfefonds für Opfer solcher Massnahmen beteiligt, denen das Abwarten von gesetzlichen Grundlagen nicht zumutbar war. Das bestätigt Franziska Bitzi Staub. Sie ist Generalsekretärin der Direktion des Innern.

Jetzt ist eine Bundeslösung aufgegleist worden. Das Gesetz, das die Ansprüche für Betroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 regelt, tritt bald in Kraft. Die Referendumsfrist ist am 26. Januar 2017 abgelaufen. Die dazugehörende Verordnung ist am 15. Februar vom Bundesrat erlassen worden. «Der Kanton Zug beteiligt sich an der Wiedergutmachung des Schicksals von Verdingkindern und will einen Beitrag dazu leisten, dieses traurige Kapitel der Schweizer Geschichte aufzuarbeiten sowie 
Betroffenen die entsprechende Unterstützung und Beratung anzubieten», sagt Frau Landammann Manuela Weichelt. Sie ist Vorsteherin der Direktion des Innern.