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ZUG: Vertauschte Heilige

Die spätgotische St.-Oswalds-Kirche besticht durch ihr Äusseres mit reichem figuralem Schmuck. Mindestens zwei dieser Statuen aber werfen bei eingehender Betrachtung Fragen auf.
Der heilige Oswald, der hier in Wahrheit ein anderer ist. (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)

Der heilige Oswald, der hier in Wahrheit ein anderer ist. (Bild: Maria Schmid / Neue ZZ)

Schon von weitem sieht man ihn, und ganz leicht findet man dank ihm den Weg zu ihr: den Turm der Kirche St. Oswald in Zug. Eng an den Chor schmiegt er sich, und wie dieser ist er in weiten Teilen noch original. Chor und Turm wurden unmittelbar nach dem 1480 vollendeten Langhaus der ersten Kirche errichtet. Original waren auch die Sandsteinskulpturen auf den Aussenseiten des Chors, ehe man sie 1931 durch Repliken ersetzte. Heute ziert in Richtung Kirchenstrasse eine königliche Figur die Nische im Strebepfeiler. Der darunter eingemeisselten Inschrift «S. Oswaldus» folgend, glaubt man, den Kirchenpatron vor sich zu sehen. So weit, so gut.

Die Kirche St. Oswald steht unmittelbar an der Kirchenstrasse unweit der am See gelegenen Altstadt. Errichtet wurde sie ab 1478, in einer Zeit, als die Stadt erweitert und dabei eine grosse Fläche des städtischen Umlandes – so auch dieser Bereich – durch eine Mauer ummantelt wurde. Bauherr war Magister Johannes Eberhart, der für das Bauvorhaben das Grundstück zur Verfügung stellte. Der Kirchenbau ist dank seiner minutiösen Buchführung in Form von zwei Baurodeln und dem ebenfalls von ihm angelegten Jahrzeitenbuch ausserordentlich gut dokumentiert. Auf Eberhart, der noch während der Bauzeit zum Stadtpfarrer gewählt wurde, dürfte die Wahl des Kirchenpatrons St. Oswald und in der Folge dessen grosse Verehrung zurückgehen.

Der Baumeister der neuen Stadtkirche war der aus Oettingen bei Nördlingen im Ries (Bayern) stammende Hans Felder. Dieser errichtete 1475 die Wallfahrtskirche St. Wolfgang in Hünenberg und wurde 1478 nicht nur mit dem Kirchenbau, sondern auch mit dem Bau der neuen Stadtmauer beauftragt. Nach Felders Plänen wurden zuerst das Langhaus der Kirche St. Oswald, ein Chor aus Holz und Teile der Friedhofsmauer gebaut. Ab 1481 ersetzte man den hölzernen Chor durch einen steinernen und errichtete den Kirchturm. Am 19. November 1483 schliesslich wurde der Chor mit zwei Altären zusammen mit dem Friedhof geweiht. Nach zwei grossen Erweiterungen 1492 bis 1520 und 1554/55 fand die Kirche zu ihrer heutigen Form.

Die originalen Mauern des Chors bestehen aus Zuger Sandstein, das Gewölbe im Chor aus Walchwiler Tuffsteinen. Aus statischen Gründen verlangte das Rippengewölbe im Chor auf den Choraussenseiten nach Strebepfeilern. Diese liess Felder mit Figuren schmücken. Damit beauftragt wurde Ulrich Rosenstain aus Lachen. Die heute sichtbaren Figuren – Maria, die Heiligen Oswald und Jost sowie König Heinrich VI. – sind allerdings Kopien, die 1931 von Giovanni Salvadé aus Caslano gefertigt wurden. Thomas Brunner, Denkmalpfleger des Kantons Schwyz, hat seine Dissertation zur Kirche St. Oswald geschrieben und erklärt: «Nachdem man sie durch die Kopien ausgetauscht hatte, standen die ehemals bemalten Originalfiguren Wind und Wetter ausgesetzt im Freien vor der Bauhütte. Erst Anfang der 1980er-Jahre wurden sie ins neu eröffnete Museum Burg Zug verbracht. Rosenstains Figuren von 1483 sind ausgezeichnete Arbeiten von hoher Qualität und wie die Kirche von überregionaler Bedeutung.»

Im oberen Bereich der vier Strebepfeiler sind Nischen ausgenommen, in denen die Figuren platziert sind. Sie stehen auf Konsolen aus Laubwerk und werden von Baldachinen überfangen. Unterhalb der Figuren sind Namen eingemeisselt; dabei dürfte es sich um die originalen Inschriften von 1481 handeln. Die Nische im Strebepfeiler gegen die Kirchenstrasse ist mit «S. Oswaldus» beschriftet. Darüber zeigt sich eine elegante, männliche Figur in strenger Haltung und mit klaren, feinen Gesichtszügen. Eine Krone aus Rankenwerk schmückt das Haupt, ein weich fallender Mantel umschmiegt den Körper. In der linken Hand hält die Figur einen Wappenschild, in der rechten ein Zepter. Schon diese Insignien machen stutzig. Und spätestens beim Wappen, auf dem geviert je drei übereinanderliegende Löwen und drei versetzt angeordnete Lilien dargestellt sind, wird das klar, was der ehemalige Denkmalpfleger Josef Grünenfelder plausibel dargelegt hat: Hierbei handelt es sich nicht um den heiligen Oswald, sondern um den selig gesprochenen englischen König Heinrich VI. Dieser wurde zur Zeit des Kirchenbaus sehr verehrt; später verflachte der Kult rasch und geriet in Vergessenheit.

Offensichtlich wurde der Kirchenpatron St. Oswald, der nun in der mit «S. Heinricus» beschrifteten Nische steht, mit König Heinrich VI. verwechselt und – vielleicht in den 1930er-Jahren, als man die Originalskulpturen durch Repliken ersetzte – in die falschen Nischen gesetzt. So oder so schmücken und charakterisieren die Skulpturen den Chor als Ganzes und erfreuen das Auge im Einzelnen: vor Ort die Repliken und im Museum die Originale.

Brigitte Moser, Kunsthistorikerin

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

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