Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

ZUG: Verzweifelte Mutter kämpft um Rechte der gefangenen Tochter

Eine Mutter aus Baar will, dass ihre Tochter für den Gerichtstermin vom 20. Juni möglichst gut gerüstet ist. Dafür wurde auch eine medizinische Abklärung am Berner Inselspital eingefordert. Diese wird zwar stattfinden, aber sie kommt zu spät.
Thomas Heer
Hier ist die Tochter derzeit im vorzeitigen Strafvollzug: Frauengefängnis Hindelbank. (Bild: Keystone/Marcel Bieri (Hindelbank, 17. Februar 2012))

Hier ist die Tochter derzeit im vorzeitigen Strafvollzug: Frauengefängnis Hindelbank. (Bild: Keystone/Marcel Bieri (Hindelbank, 17. Februar 2012))

«Das ist gar nicht gut», sagt die resignierte Mutter zusammenfassend, als sie gestern über das Ergebnis der Abklärungen der «Zentralschweiz am Sonntag» informiert wurde. Dabei geht es um Folgendes: Am 20. Juni muss sich die psychisch labile 20-jährige Tochter der Baarerin vor Gericht verantworten. Und zwar für jene Tat, welche die junge Frau am 22. Februar 2016 beging. Wie unsere Zeitung bereits im März berichtete, attackierte die junge Frau an jenem Winterabend im Vollrausch ihre Mutter mit einem Küchenmesser, Klingenlänge zirka 17 Zentimeter. Die Mutter wurde dabei erheblich verwundet und hätte laut fachärztlichem Gutachten bei anderer Messerführung lebensgefährlich verletzt werden können.

Inzwischen hat sich auch die Zuger Staatsanwaltschaft mit dem Fall beschäftigt. Diese beantragt nun unter anderem wegen des Vorwurfs der versuchten vorsätzlichen Tötung eine Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren. Für die Mutter ist dies natürlich ein Horrorszenario. Deshalb setzt sich die 54-jährige Frau auch so engagiert für ihre Tochter ein und fragte bei Spezialisten des Berner Inselspitals nach, ob das Gehirn ihres Kindes mittels Magnetresonanztomografie (MRI) untersucht werden könnte. Das mit gutem Grund, wie ein renommierter Rechtsmediziner, der seinen Namen aber nicht publiziert sehen will, erklärt: «Bei einem Hirnbefund kann zum Beispiel festgestellt werden, ob der Patient an einem Tumor leidet, möglicherweise Hirngewebsdefekte oder Gefässanomalien vorliegen.» Ein MRI-Gutachten wird die Verteidigung dem Gericht am 20. Juni aber nicht vorlegen können. Denn der geplante Untersuch am Berner Inselspital wurde kurzfristig verschoben, und zwar auf den 28. Juni. Aufgrund des ­E-Mail-Verkehrs zwischen dem Inselspital und Personen des Umfelds der Tochter kann nachgezeichnet werden, wie in etwa es dazu kam. An dieser Stelle ein kurzer Einschub: Die Arbeit der Verteidigung wird insofern erschwert, als die 20-jährige Täterin bereits vor Monaten den vorzeitigen Strafvollzug in einem Gefängnis angetreten hat.

Die Absage kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel

Nach wochenlangem kommunikativem Hin und Her stand der erste Untersuch am vergangenen 29. Mai endlich fest. Dieses Datum bestätigt die Kommunikationsabteilung des Inselspitals schriftlich. Die grosse Enttäuschung kam am vergangenen Sonntag, 28. Mai, und zwar exakt um 19.23 Uhr. Denn der zuständige Arzt liess das Umfeld der im Gefängnis einsitzenden 20-jährigen Frau per Mail wissen: «Wir können leider ein solches Gutachten nicht erstellen. Beste Grüsse.» Als die Mutter der Täterin diese Nachricht las, verstand sie die Welt nicht mehr. Denn bereits am 26. April schrieb derselbe Arzt: «Das MRI wird mit KM gemacht. Das GA wird normalerweise nicht von der Krankenkasse übernommen.» KM steht für Kontrastmittel und GA für Gutachten.

Weshalb aber wurde der Untersuch so kurzfristig und ohne Begründung abgesagt? Das Inselspital teilt auf Anfrage mit: «Die Bewachungsstation (Bewa) hat beide Termine verschieben müssen, unseres Wissens aus logistischen Gründen. Die Bewa koordiniert die Termine für Personen, die im Strafvollzug sind. Der Fax mit der Annullierung der Termine ging am 26. Mai 2017 an die Justizvollzugsanstalt.» Ob das tatsächlich stimmt? Eine Gefängnissprecherin sagt: «Aus Gründen des Datenschutzes können wir nichts sagen.» Letztlich bleibt eine verzweifelte Mutter zurück, die sich von mächtigen Organisationen veräppelt fühlt, aber trotzdem nie aufhören wird, weiterhin wie eine Löwin für ihr Kind zu kämpfen.

Thomas Heer

thomas.heer@luzernerzeitung.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.