Nun braucht Zug statische Waldgrenzen

Im Kanton Zug streifen in den kommenden Jahren Vermessungsfachleute durch die Wälder. Ihr Auftrag ist klar umschrieben.

Marco Morosoli
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Waldabschnitte wie hier bei der Chollermüli sollen neu – statisch – bestimmt werden.

Waldabschnitte wie hier bei der Chollermüli sollen neu – statisch – bestimmt werden.

Bild: Maria Schmid (Zug, 10. Dezember 2019)

Ist der Mensch aus einer Siedlung weg, fährt kein Zug mehr über gelegte Geleise, oder wird ein Flecken Land nicht mehr bewirtschaftet, dann wuchert dort bald Grünzeug aller Art. Je länger dieser Prozess dauert, desto höher wachsen die Bäume. Und irgendwann – genauer gesagt nach 20 Jahren – gelten solche Flächen rechtlich als Wald. Im Kanton Zug sind solche Brachen kaum mehr zu finden. Vielmehr ist genau das Gegenteil der Fall.

«Der Druck und die Ansprüche gegenüber dem Zuger Wald nehmen massiv zu», sagt Martin Ziegler, Leiter des Amtes für Wald und Wild bei der Direktion des Innern. Der Waldboden gelte im Vergleich zu anderen Nutzungsformen kaum etwas. Zudem haben sich die Ansprüche an den Wald verändert. Während er früher hauptsächlich als Rohstoffquelle diente, wird er heute zusätzlich für Sport und Erholung beansprucht. Martin Ziegler weiss, dass die Waldfläche im Kanton Zug – im Gegensatz zu inneralpinen Kantonen – seit Jahren kaum mehr zunimmt. Wenn überhaupt, findet die Zunahme dort statt, wo man sie auch aus ökologischen Gründen eigentlich verhindern will.

Das Ziel von 1876 ist erreicht

Generell verfügt die Schweiz seit 1876 über sehr restriktive Schutznormen für den Wald. Er kann sich ausdehnen, ein Zurückdrängen oder gar Rodungen sind grundsätzlich verboten. Ausnahmen sind selten möglich und wenn doch, muss die gerodete Fläche anderswo wieder aufgeforstet werden. Dies gilt landesweit seit 1898. Das Ziel dazumal: Die über Jahrzehnte schwindende Waldfläche soll wieder anwachsen. Denn der Wald schützt vor Naturgefahren und dient als Energielieferant. So betrug 1876 die Schweizer Waldfläche nur noch 7761 Quadratkilometer – heute sind es 12705 Quadratkilometer. Das entspricht etwa einem Drittel der Fläche der Schweiz. Das Ziel der Vordenker von 1876 wurde somit erreicht.

Amt für Wald und Wild will Systemwechsel

Der Kanton Zug hat eine Ausdehnung von 239 Quadratkilometern Fläche. 28 Prozent davon sind mit Wald bedeckt. Was nur wenige Leute wissen: Fast die Hälfte der ausgewiesenen Waldfläche ist als Schutzwald deklariert.

Im raumplanerischen Bericht zu aktuellen Anpassungen des kantonalen Richtplans, welcher «Waldgrenzen, den Gewässerraum und den Abbau von Steinen und Erden» behandelt, steht der entscheidende Satz: «Es sollen im ganzen Kanton statische Waldgrenzen eingeführt werden.» Der Richtplaneintrag ist gemäss Bundesrecht nötig, wenn man von dynamischen Waldgrenzen zu statischen wechseln will. Und das Amt für Wald und Wild will diesen Systemwechsel. Denn die bisher gültige Dynamik ist für den Kanton nicht mehr passend, wie Ziegler bemerkt. Im Raumplanerischen Bericht steht zu den dynamischen Waldgrenzen: «Sie haben grosse Aufwände und Abgrenzungsprobleme in der Geodaten-Nachführung zur Folge.» Für Ziegler hat die dynamische Variante heute noch andere gewichtige Nachteile. Es herrsche in Bezug auf den Waldrandverlauf keine Rechtssicherheit. Die Bewilligungsverfahren sind gemäss Ziegler komplex. Und der Beweis, dass Wald zurückgedrängt worden ist, sei mit dem dynamischen Waldrand schwieriger zu führen. Mehr noch: Waldbesitzende geraten durch Falschannahmen unbeabsichtigt in rechtliche Schwierigkeiten, wenn sie den jetzigen Waldrand des Basisplans der Amtlichen Vermessung als rechtsverbindlich interpretieren.

Setzt der Kanton Zug hingegen auf die statische Waldrandgrenze, sind 960 Kilometer Waldrandlinien zu überprüfen und anschliessend festzulegen. Zuerst muss nun allerdings die notwendige Richtplananpassung vom Kantonsrat genehmigt werden. Martin Ziegler hofft, dass im kommenden Sommer mit dem Projekt «Waldgrenze» gestartet werden kann. Der Projektabschluss ist im Jahr 2028 geplant.

Überprüfung bestehender statischer Waldgrenzen

Martin Ziegler und sein Team müssen mit der Waldfeststellung nicht bei Null beginnen: Zwischen 2000 und 2006 haben Fachkräfte bereits statische Waldgrenzen entlang von Bauzonen gezogen; und zwar auf einer Länge von 44 Kilometern. Einige dieser Linien sind jedoch nicht vorbehaltlos korrekt, weil für deren Bestimmung häufig Daten aus alten Bauplänen herangezogen wurden und präzise Geodaten fehlten. Die Häuser sind bereits vor Jahrzehnten der Planung entsprechend gebaut worden. Deren Umgebungsgestaltung erfolgte jedoch häufig situativ während des Baus.

Eines weiss Martin Ziegler schon jetzt: «Hier stehen einige Herausforderungen an.» Auf einem Plan ist eine Häuserzeile zu sehen. Eine im Jahr 2005 statisch festgelegte Waldgrenze führt über ein Schwimmbecken. Rechtlich nicht haltbar. Hier müsse abgeklärt werden, ob die Waldgrenze vor 14 Jahren aufgrund ungenügender Datenlage falsch festgelegt worden ist. Handlungsbedarf bestehe so oder so: Kann bewiesen werden, dass der Waldrand dazumal falsch festgelegt wurde, ist eine Korrektur der Waldgrenze nötig. Wenn nicht, muss davon ausgegangen werden, dass die Anlage im Nachhinein ohne Bewilligung erstellt worden ist und folglich weichen muss. Ziegler geht davon aus, dass es im Kanton Zug rund 25 besonders kritische Fälle dieser Art geben wird. Wo immer möglich, wird zuerst ein Konsens mit den Betroffenen gesucht, um Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden. Rein theoretisch sei es aber durchaus möglich, dass in Einzelfällen der Instanzenzug erst am Bundesgericht ende.