ZUG: Was Lehrer von Migranten lernen

Die einen kommen aus Eritrea, Kosovo, Russland, Syrien oder Sri Lanka. Die anderen sind angehende Lehrer der Pädagogischen Hochschule. Während dreier Tage begegneten sie sich, aber aus unterschiedlichen Positionen.

Dorotea Bitterli
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Die Lernenden des Integrations-Brücken-Angebotes beschäftigen sich mit den Themen Schrebergärten und Gartenpflege. (Bild: PD)

Die Lernenden des Integrations-Brücken-Angebotes beschäftigen sich mit den Themen Schrebergärten und Gartenpflege. (Bild: PD)

Dorotea Bitterli

redaktion@zugerzeitung.ch

Der Nachmittag neigt sich dem Ende zu. «Kommt jetzt alle in die Mitte!», rufen Dave Arnold, Nadine Regli und Diana Zülle, alle drei Studenten der Pädagogischen Hochschule Zug, die zehn fremdsprachigen Jugendlichen zusammen. Diese versammeln sich wie geheissen um den Tisch mit den vielen farbigen Blechdosen, Holzkistchen, Gummistiefeln und Tontöpfchen. Sie besuchen dieselbe Klasse des Integrations-Brücken-Angebots Zug (IBA) und interessieren sich dieser Tage für das Thema «Schrebergarten».

Junglehrer Arnold, früher Landschaftsgärtner, zeigt ihnen, wie die selbst gezimmerten und bemalten Gefässe bepflanzt werden. Namen und Eigenschaften von Radieschen, Tomaten, Salat, Gurken, Peperoni, Karotten, Erdbeeren und der wichtigsten Küchenkräuter kennen sie schon und gehen nun mit Erde, Schaufeln und Giesskanne eifrig ans Werk. IBA-Klassenlehrerin Felicitas Bürgi lernt ihre Schüler von einer ganz neuen Seite kennen und ist verblüfft, wie gut sie plötzlich Deutsch sprechen – indem sie sich selbst vergessen und einfach kommunizieren müssen.

Junglehrerin Zülle erzählt, wie beide Seiten, die «Fremden» und die «Einheimischen», sich am ersten Tag bei einem längeren Spaziergang zum «Heuboden»-Schrebergarten kennen gelernt und anschliessend über den Film «Mein Garten Eden» mit dem Thema vertraut gemacht hätten.

Fördern und fordern

Die beiden Gruppen sind nicht gleich: Von den jungen Migranten wird Integration erwartet. Sie müssen, gegen äussere und innere Widerstände, die schwierige fremde Sprache lernen, sich anpassen an das Neue in Schulsystem, Arbeitswelt und bezüglich Werten. Die Studenten, die sie drei Tage lang unterrichten, sind in der lehrenden, helfenden, fördernden und fordernden Position. Seit drei bis vier Jahren, seit der Zustrom von Asylsuchenden aus dem aussereuropäischen Raum zugenommen hat, ist die Herausforderung noch grösser, da die Voraussetzungen variieren: Es sind Analphabeten vertreten oder nur der arabischen Schrift Mächtige, Kinder aus bildungsfernem Elternhaus bis hin zu Jugendlichen, deren Eltern Ärzte oder Juristen sind. Die sogenannte kulturelle Vielfalt ist auch eine individuelle Vielfalt. Und damit müssen heutige Lehrpersonen zurechtkommen.

«Es gibt praktisch keine rein schweizerischen Klassen mehr», sagt die zukünftige Lehrerin Eileen Marcionetti, die eine zweite 13-köpfige Gruppe im Bereich «Theater und Dialekt» anleitet. «Einige der Teilnehmer kannten Harry Potter nicht», sagt sie erstaunt und beschreibt, wie sie über die Grenzen hinweg die jungen Menschen mit Musik-Improvisationen, Sketchen und Gefühlsübungen dazu anregt, sich auszudrücken und Spass an einer Rolle zu finden.

Weitere Themen im Angebot

Insgesamt sind 66, also gut drei Viertel aller IBA-Nutzer, an dem dreitägigen Schulprojekt «Kulturelle Vielfalt» beteiligt gewesen und hatten das Programm wesentlich mitbestimmt. Die Idee dazu entstand aus der ersten Begegnung mit den PH-Studenten anlässlich eines Hospitationstages im März und bietet weitere Themen wie «Musik und Heimat», «Wald» und «Orientierung in der Stadt Zug» an.

Sensibilisierung für den Schulalltag

An der Pädagogischen Hochschule Zug (PHZ) haben die angehenden Lehrer ihr Profilstudium «Kulturelle Vielfalt» und damit auch ihre Berufsausbildung mit einem Höhepunkt abgeschlossen: Sie erarbeiteten mit jungen Migranten aus dem Integrationsbrückenangebot (IBA) während dreier Tage ein gemeinsam gewähltes Thema. Das Ziel ist die Sensibilisierung für den Schulalltag, der immer multikultureller ist. Das IBA ist eine Schule für fremdsprachige Jugendliche im Alter zwischen 14 und 21 Jahren und feiert 2017 ihr 25-jähriges Bestehen. Mireille Gugolz und Andreas Gwerder, die von PHZ-Seite das Projekt betreuen, und die IBA-Leiter Jules Marty und Martin Bregy bewerten die langjährige Zusammenarbeit als sehr fruchtbar für Praxis und Forschung. (dbi)