ZUG: «Weit weg ist er nicht, der Irniger»

«Der letzte Henker» hat es in sich. Das aktuelle Stück der Zuger Spiillüüt greift eine düstere Geschichte auf. Die zeitliche und örtliche Nähe kriegt man deutlich zu spüren.

Andreas Faessler
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Auch der Musiker Johannes Schwertfeger (Simon Weimer) ist bereit, Paul Irniger zu töten. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Auch der Musiker Johannes Schwertfeger (Simon Weimer) ist bereit, Paul Irniger zu töten. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Es schien die Zuger zu interessieren, was sich da in ihrer Stadt vor gut 74 Jahren zugetragen hat. Im August rollte im Gefängnis am Aabach zum zweitletzten Mal ein Kopf in der Schweiz. Zur Premiere von «Der letzte Henker», dem aktuellen Theaterstück der Zuger Spiillüüt über die Hinrichtung des Schwyzer Dreifachmörders Paul Irniger, waren sämtliche Zuschauerplätze im Burgbachkeller besetzt.

Wer sollte denn nun der Auserwählte sein, der die Guillotine betätigt und Irniger mit einem sauberen Schnitt den Garaus macht? Ob es einer der Protagonisten sein würde, sollte das Publikum nicht erfahren, doch darum ging es ohnehin nicht. Es ging um die Abgründe, die sich auftun, wenn fünf ganz unterschiedlich gestrickte Charaktere sich um den Job des Tötens bewerben, zum Vorsprechen geladen werden und dabei tief in ihre Psyche blicken lassen.

Humor trotz Todesernst

Manche von ihnen scheinen selbst gar nicht erst zu wissen, was sie zur Bewerbung bewogen hat. Ist es die zweifelhafte Gelegenheit zur Flucht aus den zermürbenden Belanglosigkeiten eines trostlosen Lebens? Der Wunsch, sich selber oder Menschen im eigenen Umfeld etwas zu beweisen? Oder ist es gar einzig die Blutrunst? Anwärter Ueli Matter (Erwin Egloff) beschreibt genüsslich, wie er einen Toten rasiert, Vaters abgetrenntes Bein aus dem Wald geborgen und begraben sowie einer stinkenden obduzierten Frauenleiche in den Unterleib hineingeschaut hat. Die Befragerinnen geben sich unbeeindruckt, doch angewidert.

Der erfolglose Musiker Johannes Schwertfeger (Simon Weimer) träumt sich hingegen gleich ins Hinrichtungsszenario und wandelt die Bühne in Gedanken zum Schafott um, die Bar wird zur Guillotine, der Barmann wird zum Todgeweihten. Makaber und abstrus wirkt das Szenario; der im wahren Leben von Spiessigkeit und auffälliger Unscheinbarkeit geprägte Bewerber interessiert sich erschreckend stark für das Verhalten des soeben abgetrennten Kopfes. Wird er die Augen noch einmal öffnen im mit Stroh gefüllten Auffangkorb? Wann wird der allerletzte Funke Leben verpufft sein?

So wird einer nach dem anderen zum Vorsprechen aufgerufen, von den Befragerinnen durchleuchtet und irgendwann wieder mit Ungewissheit entlassen. Was sich in «Der letzte Henker» auf der Bühne des Burgbachkellers abspielt, ist geradezu kafkaesk. Aber trotz des Todesernstes der Thematik gibt es immer wieder Anlass für Gelächter.

Anspruchsvoll durchs Spartanische

Das Bühnenbild ist reduziert auf eine Bar mit Hockern, Stehpulten für die Befragerinnen und einen Stuhl. Ausserordentlich authentisch ist die Erscheinung der Protagonisten, insbesondere diejenige der Damenschaft: einheitlich mit schwarzen Schuhen, Strümpfen, olivgrünen Kleidern und streng gesteckten Frisuren mit Dutt. Der Lichteinsatz ist gezielt ausgerichtet, um die Wirklichkeit von geistigen Exkursen zu trennen.

Das Spartanische an dieser Inszenierung setzt umso höhere Ansprüche an das schauspielerische Können der Spiil­lüüt. Das ganze Theaterstück lebt davon – und von gezielt gesetztem Hintergrundgesang der Mitwirkenden. Wo sich psychologische Aspekte mit Emotionen paaren, ist schlussendlich auch die Mimik gefragt. Ob der teuflisch hasserfüllte Blick des exzentrischen Jörg Rutholz (Rémy Frick), die aufgesetzt legere, ja pseudo-coole Gestik des Stephan Stäuber (Roger Stuber) oder die schiere Unbeholfenheit des Jakob Stocker (Oliver Staubli) – die starke Ausdruckskraft war allen gemein. Jeder hat seinen Part überzeugend gespielt. Mag die eine oder andere Rolle gelegentlich überspitzt oder gestelzt gewirkt haben, so verbucht man es gerne als Mittel für das bewusste Akzentuieren der jeweiligen Charaktereigenschaft.

Lange Monologe

Ein weiterer, besonderer Anspruch an das Können der Spiillüüt – hier hauptsächlich an die fünf Bewerber – war die Begebenheit, dass das Theaterstück an vielen Stellen aus langen Monologen besteht. Die Gefahr, den Text zu verlieren, war erhöht. Doch dieser sass in allen Fällen tadellos.

Die Zuschauer genossen diese etwas andere Kost. «Es muss bei weitem nicht immer Klamauk sein», merkt ein Zuschauer an. Ein anderer äussert sich lobend über die schauspielerischen Leistungen der Spiillüüt und meint: «Eigentlich war es damals, wie es auch heute noch ist. Man gibt gerne vor, etwas zu sein, das man nicht ist.» Dabei bezieht er sich darauf, wie die Anwärter ihre Bewerbungsschreiben mit Lebensstationen angereichert haben, die der Wahrheit nicht entsprechen – die Befragerinnen entlarven sie gnadenlos. «Das Stück ist harte Kost», meint eine Zuschauerin. «Ohne die humorvollen Einlagen würde man das kaum aushalten.»

Taxi Keiser, ZG 153

Der rauschende Applaus zum Schluss markierte grösste Anerkennung. Wie nahe die Zuger der ganzen Geschichte, ja gar dem Paul Irniger und seinem letzten Henker sind, veranschaulichte Rémy Frick im Anschluss sehr deutlich. «Ist das alles wirklich so lange her?», fragte er in den Raum. In diesem Raum sässen wohl viele, die sich entweder selbst an die Geschichte erinnern oder Eltern hätten, die ihnen davon erzählt haben. «Und wenn jemand von Ihnen bei der Firma Keiser ein Taxi bestellt und schliesslich Wagen 13 mit dem Kennzeichen ZG 153 aufkreuzt, dann sitzen Sie faktisch im selben Wagen wie damals der Irniger, als er den Fahrer ermordet hat.» Auch dass der Burgbachkeller knapp 30 Meter vom Gasthaus Ochsen entfernt liegt, demonstriert die Nähe zur Geschichte. Dort nämlich hat der letzte Henker am Abend vor der Hinrichtung ein Zimmer bezogen. So kam Rémy Frick zum Schluss: «Weit weg ist er nicht, der Irniger.»

Hinweis

«Der letzte Henker» im Burgbachkeller. Weitere Vorstellungen am 24., 25., 26., 27., 30. und 31. Januar sowie am 1., 2., 3., 6., 7., 8., 9., 14., 15. und 16. Februar. Beginn jeweils 20 Uhr, ausser am 27. Januar und 3. Februar (17 Uhr). Online-Reservationen unter www.zuspi.ch