ZUG: Wenn Musik die Seele berührt – in der Psychiatrischen Klinik

Gestern ist der Weltstar Angelika Kirchschlager zusammen mit Patienten in der Psychiatrischen Klinik Zugersee aufgetreten. Sie setzte so indirekt ein Zeichen gegen die Stigmatisierung von psychisch Kranken.

Haymo Empl
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Die Opernsängerin Angelika Kirchschlager war zu Gast in Zug. (Bild: Maria Schmid (27. Mai 2017))

Die Opernsängerin Angelika Kirchschlager war zu Gast in Zug. (Bild: Maria Schmid (27. Mai 2017))

Haymo Empl

redaktion@zugerzeitung.ch

«Heute kommt da so eine Berühmte, doch, doch, da kommt jemand. Wie heisst die Frau schon wieder?» Auf dem Vorplatz der Psychiatrischen Klinik in Oberwil gab es vergangenes Wochenende nur ein einziges Thema. Der Besuch des Opernstars Angelika Kirchschlager aus Österreich. Die Mezzosopranistin aus Salzburg ist normalerweise auf den grossen Opernbühnen der Welt zu Hause, ist mehrfach ausgezeichnet und bekam im Jahr 2005 sogar den Grammy Award für «Le nozze di Figaro». Hoher Besuch im Oberwil – der dann effektiv, wie von den Patienten kolportiert, am Samstag für die Proben ganz unprätentiös und sehr herzlich erschienen ist.

Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Einladung stammte von Psychiatrieseelsorger Alois Metz. Er ist unter anderem auch Präsident der Micado-Arbeitsgruppe, welche zum Ziel hat, dass kulturelle Veranstaltungen für die Patienten in der Klinik Zugersee durchgeführt werden. Zudem setzt sich diese Stiftung auch dafür ein, dass die Stigmatisierung von psychisch kranken Menschen abgebaut werden soll. Alois Metz ist musikalisch selbst gut vernetzt und hat den Opernstar angefragt, ob sie nicht ein Konzert mit einigen Patienten durchführen möchte. Kirchschlager und ausgewählte Patienten singen für die anderen Patienten (und das Personal) – in einem kleinen, feinen und nicht öffentlichen Rahmen in der Kapelle der Klinik. Ein unkonventionelles und mutiges Konzept, welches die Sängerin aber begeisterte, denn Kirchschlager sagte sofort zu. «Ausserdem ist Angelika Kirchschlager auch grosser Fan von Zug und mag es hier», erklärte Alois Metz am Samstag bei den Proben.

Exklusiv für die Patienten

Angelika Kirchschlager umgibt eine Mut machende und positive Präsenz. Auf nonverbaler Ebene schafft sie es, ihre lebensbejahende Einstellung zu vermitteln. Das war am Samstag bei den Proben spür- und erlebbar. War die eine Patientin, welche als Duettpartnerin den ersten Teil bestritt, noch sichtlich nervös, konnte Kirchlager die Frau musikalisch abholen, und gemeinsam klang das «Am Brunnen vor dem Tore» dann fast so, als ob die Bewohnerin der Psychiatrischen Klinik jeden Tag singen würde. Da waren keine Allüren eines Opernstars, nichts Divenhaftes, nichts Schulmeisterliches. Die Patientin fühlte sich offenbar ganz einfach wohl. «Ich möchte den teilnehmenden Patienten einen unvergesslichen Moment schenken. Oft werden ja Patienten etwas schräg angesehen und in der Gesellschaft an den Rand gedrängt. Heute einfach mal nicht. Heute stehen sie mit einem Weltstar auf der Bühne», erklärte Alois Metz am Samstag. «Es soll etwas Exklusives für unsere Patienten sein. Da diese mit Ängsten und Selbstentwertung täglich kämpfen müssen, haben sie es verdient, dass sie heute die VIP-Gäste sind.»

Kirchschlager findet das ebenfalls: «Ich mache das einfach aus Freude an der Musik, und wenn ich damit eine Freude mache, dann macht es auch mir Spass.»

Musik dringt in die Seele ein

Würde man einen Opernstar samt hochkarätigem Streichquartett bezahlen müssen, würde das ein tiefes Loch in die Kasse reissen. «Die Kosten für Übernachtung, Kost und Logis übernimmt die Stiftung Micado», so Metz. Die Gage sei dementsprechend klein. «Zum Glück dreht sich im Leben nicht immer alles ums Geld.» Das «Geschenk» an die Patienten habe zudem auch einen therapeutischen Nutzen: «In einer neueren Studie wurden einige Patienten auf der Intensivstation mit Musik behandelt, andere ohne Musik. Patienten mit Musik konnten die Intensivstation durchschnittlich früher verlassen», so Metz weiter. Ebenfalls habe er selbst auch schon oft festgestellt, dass – wenn ein Dialog nicht möglich sei – dieser auf musikalischer Ebene stattfinden könne, und verweist dabei auf das bekannte Trostlied, das beispielsweise die Mutter dem Kind vorsingt. Und Opernsängerin Angelika Kirchschlager ergänzt: «Musik ist nun mal einfach eine universelle Sprache, die bis tief ins Herz oder die Seele dringt. Davon bin ich überzeugt.»