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Wie ich eine offene Beiz suchte – Und die Wahrheit fand

An der grossen Corona-Protestaktion sollten mehrere Zuger Betriebe teilnehmen – und trotz Verbot öffnen. Taten sie das? Eine Spurensuche.

Kilian Küttel
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Das hätte man sich sparen können. So viel war sicher. Es war Montagmorgen, kurz nach 11 Uhr, als mir klar wurde: Meine vor Kälte tauben Finger würden hier und heute nicht zum Problem werden. Denn es würde nichts zu notieren geben. Das einzige, das um 11 Uhr aufging, war die Tür zum Geschäft nebenan, das in diesem Moment ein sichtlich zufriedener Kunde verliess. Der Inhaber rief ihm ein freundliches «Ciao ciao» hinterher.

Im Kontrast zur warmen Atmosphäre beim Nachbarn blieb es in der Beiz, vor der ich seit einer guten halben Stunde mit im Jackenkragen versenkten Kinn gewartet hatte, dunkel und trostlos wie an einem Montagmorgen im sibirischen Winter.

Hatte sie mich tatsächlich angelogen?

Die nette Userin auf dem Messengerdienst Telegram, die mir versicherte, das Lokal an prominenter Lage in der Altstadt würde an der Guerilla-Aktion gegen die Coronamassnahmen teilnehmen – keine fünf Minuten nachdem ich im Chat nachgefragt hatte, in welchem Zuger Restaurant man denn zu Mittag essen könne.

Konnte das sein?

Über 9500 Personen soldiarisierten sich

Die gross angekündigte Protestaktion gegen den Plan des Bundesrats, Beizen und Freizeitbetriebe wegen der Coronapandemie bis Ende Februar geschlossen zu lassen, sackte zeitweise in sich zusammen wie eine Hüpfburg, der man den Stecker gezogen hatte.

Die anonymen Initianten der Aktion «Wir machen auf» riefen Gewerbler und Beizer dazu auf, am 11. Januar trotz Verbot zu öffnen. Über 9500 Personen solidarisierten sich auf Telegram mit der Aktion, auf dem ab 8 Uhr morgens eine Liste kursierte, wo Interessierte Angaben zu den teilnehmenden Läden und Lokalen finden sollten - und zwar verklausuliert und oberflächlich. So, hofften die Köpfe hinter dem Protest, sollte die Polizei wenigstens nicht schon zu Beginn der Aktion bei den Beizern auf Platz stehen.

Unterstützer fanden Beizen nicht

Nur gelang das den Verantwortlichen offenbar so gut, dass auch die Unterstützer Mühe hatten, offene Restaurants zu finden – und ihrem Unmut darüber ungehindert Luft verschafften. Was als symbolischer Akt der Einigkeit gegen das Diktat der Behörden gedacht war, blieb im Status der digitalen Absprache stecken und entwickelte sich dort zu einem Kampfplatz, auf dem Massnahmenskeptiker verbal aufeinander einprügelten wie Schmied Automatix und Fischhändler Verleihnix bei den Galliern.

Doch mich sollte das nicht weiter stören, hatte ich erstens nicht viel anderes erwartet und mir zweitens, nach der Enttäuschung in der Altstadt, ein neues Ziel gesetzt: Im Kanton Zug hatten elf Betriebe angegeben, am Protesttag teilzunehmen. Zwei von ihnen nannten genaue Adressen, einer in Cham, einer in Baar. Wenigstens mit einem Vertreter dieser Betriebe wollte ich sprechen.

Würde ich einen frustrierten Gewerbler finden? Einen enttäuschten Patron befragen, der ums Weiterbestehen seiner Bude kämpft? Die grossen Probleme illustriert am persönlichen Schicksal zeigen können?

«Nein, von einem Erotikfachmarkt habe ich hier im Haus noch nie etwas gehört», sagte wenig später eine nette Dame mit dem Auftreten und der Hilfsbereitschaft einer Bibliothekarin, als sie an den Haupteingang des Gewerbebaus im Chamer Industriegebiet kam, wo ich soeben geklingelt hatte. «Aber es gibt auch so viele Wechsel hier. Vielleicht müssen Sie noch mal bei den Briefkästen schauen.»

Das tat ich. Und ich kann sagen: Nein, das Erotikgeschäft, das irgendjemand am 5. Januar um 17.38 Uhr zur Protestaktion angemeldet hat, gibt es wohl nicht. Von den Namen an den Briefkästen lässt keiner darauf schliessen, auch im Handelsregister ist an der Adresse keine Firma mit vergleichbarem Zweck eingetragen. Damit verhielt es sich in Cham nicht viel anders als in einem langgezogenen Gewerbebau im Baarer Industriegebiet, in dem die Leute Smileys an die Innenseite der Fensterfront kleben und in dem die Sekretärin im schicken Blazer antwortete, hier gebe es kein Körpertherapiestudio zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.

Polizei stellte keine Verstösse fest

Es war mittlerweile früher Nachmittag, als mich die Nachricht meines Telegram-Kontakts erreichte, der mir erneut versicherte, das Lokal in der Altstadt habe geöffnet. Also machte ich mich zum zweiten Mal auf den Weg, diese Information zu verifizieren. Das Bild war das gleiche wie am Morgen: aufgestuhlt, abgelöscht, menschenleer. Als ich bei der Zuger Polizei nachfragte, ob man wegen der Protestaktion intervenieren musste, sagte man mir um kurz nach 16 Uhr: «Bislang haben wir keine Verstösse gegen die gesetzlichen Vorgaben festgestellt.»

Zusammengefasst: Ich habe am Protesttag gegen die Restaurant-Schliessung keine offenen Beizen in Zug gefunden. Dafür bin ich auf eine wesentlich wichtigere Wahrheit gestossen, die ich Ihnen gerne an die Hand geben möchte: Wenn Sie irgendwelchen Skeptiker-Chats im Internet Glauben schenken wollen, dann sei das Ihnen überlassen. Aber dann müssen Sie damit rechnen, mit nichts weiter nach Hause zu kommen als mit unbeantworteten Fragen, tauben Fingern und enttäuschten Hoffnungen.

Und was ich auch gelernt habe: Sie, gute Frau auf Telegram, haben gelogen. Und das ist die Wahrheit!