ZUG: «Wir sind durch die Hölle gegangen»

Statt bei seiner Familie verbrachte Nicolas Michel Heiligabend im Spital: Weil ein Autofahrer von der Sonne geblendet war und ihn beim Queren der Strasse übersah.

Charly Keiser
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Nicolas Michel (23) in seinem Spitalzimmer in Luzern: Noch ist er auf den Rollstuhl und die Krücken angewiesen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Nicolas Michel (23) in seinem Spitalzimmer in Luzern: Noch ist er auf den Rollstuhl und die Krücken angewiesen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

«Angefahren und schwer verletzt.» So titelte die «Neue Zuger Zeitung» eine Polizeimeldung. Kurz nach 14 Uhr habe ein 23-Jähriger zu Fuss die Weinbergstrasse in Zug überquert, meldete die Polizei. «Ein Automobilist (28) übersah den Passanten und erfasste ihn frontal. Der Mann wurde weggeschleudert und blieb schwer verletzt liegen. Der alarmierte Rettungsdienst betreute das Opfer, bevor es durch die aufgebotene Rega ins Spital geflogen wurde. Bei der Befragung gab der Autofahrer an, von der Sonne geblendet worden zu sein.»

Schwere Schädelverletzungen

Die Liste der Verletzungen, die sich Nicolas Michel bei diesem Unfall zuzog, ist lang. Ein paar Stunden lag er im künstlichen Koma. Er erlitt einen Schädelbruch, eine sehr schwere Hirnerschütterung mit Schädel-Hirn-Trauma, eine leichte Hirnblutung, einen Bruch des dritten Lendenwirbels und einen Schien- und Wadenbeinbruch. Er zog sich einen Kreuzbandriss im linken Knie zu. Seine seitlichen Bänder waren gerissen. Ebenso der Meniskus. Sein Zustand war zu Beginn Besorgnis erregend – ein Horror vor allem auch für seine Eltern Dagmar und Siegfried Michel.

«Wir sind durch die Hölle gegangen», bestätigt Mutter Dagmar und fügt an: «Das ist das Schlimmste, was ich in meinem ganzen Leben je erlebt habe.» Sie habe sich die verrücktesten Gedanken gemacht. Was, wenn Nicolas gelähmt bliebe? Würde die Familie eine behindertengerechte Bleibe finden? Hätten wir die Kraft, die Maschinen abzustellen, wenn er im Wachkoma bleiben würde? Entsprechend «überglücklich» sei sie gewesen, als ihr Sohn drei Tage nach dem Unfall auf Anweisung mit den Augen gezwinkert und die Hand gedrückt habe, erzählt sie weiter. «Ich war um jeden noch so kleinen Schritt der Genesung froh und dankbar.» Er könne sich nicht ein kleines bisschen an den verhängnisvollen Zusammenstoss und die ersten Tage nach dem Unfall erinnern, sagt der 23-Jährige. «Und ich habe oftmals gedacht, jetzt machts klick – und alles ist vorbei und wieder so wie vorher.» Ob Traum oder Wirklichkeit, das habe ihm anfänglich echt Mühe bereitet, doppelt Michel nach und erzählt. Eigentlich sei er ja nur über die Strasse marschiert. Wohl aber am falschen Ort und im falschen Moment. Ob er – wie in der Vergangenheit auch immer – die Strasse auf dem Fussgängerstreifen habe überqueren wollen, wisse er nicht und sagt: «Ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas passieren kann.» Trotzdem sei der Unfall für ihn kein Albtraum, sagt Michel. Viel schlimmer sei es für seine Eltern und seine Familie und Freunde gewesen, als diese vom Unglück erfahren hätten. «Ich hatte ja den Unfall, war bewusstlos und im Koma und bin dann halt einfach irgend einmal wieder aufgewacht.» Mittlerweile habe er keine Schmerzen mehr, und von da her gehe es ihm gut. Es sei einzig mühsam, dass er noch ans Krankenhaus gebunden sei und sich nur dank Rollstuhl und Krücken bewegen könne, sagt Michel und seufzt. «Und es ist mühsam, dass ich wohl bei meinem Studium ein Jahr verliere. Aber unter dem Strich habe ich Glück im Unglück gehabt, denn ich könnte ja gelähmt sein.»

Vorbildliche Hilfe

Ob er denn wissen wolle, wie der Unfall genau passiert sei? «Jein», antwortet Michel. «Die einen sagen, es ist gut zu wissen; andere meinen, das Unwissen sei ein Schutzmechanismus. Ich wüsste aber schon gerne, warum ich das Auto – und dessen Fahrer mich – nicht gesehen habe.» Er mache dem Autofahrer keine Vorwürfe, betont Michel, denn er wisse ja nicht, wie die genauen Umstände gewesen seien, die zum Unfall geführt hätten. «Vielmehr danke ich all den Leuten, die mir geholfen haben.» Und dies sind einige gewesen, wie Dagmar Michel zu berichten weiss. «Es ist einfach nur toll, wie sich die Leute des Rettungsdienstes, der Rega, der Suva und des Spitals um Nicolas kümmerten und noch immer kümmern.» Statt Rechnungen habe es bist jetzt erst Besuche, Nachfragen und Fragebögen gegeben, um zu erfahren, wie es Nicolas geht und ob alles richtig gemacht worden sei. Und auch die Leute am Unfallort hätten sich vorbildlich verhalten, sagt die Deutsche, deren Kinder Alexander und Katharina vor kurzem alle Prüfungen zur Einbürgerung absolviert haben. Dagmar Michel lächelt und ergänzt: «Die Schweiz lässt grüssen.»