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ZUG: Wohin mit kriminellen Senioren?

Gefangene Pensionäre stellen die Behörden immer mehr vor Probleme. Im «Bostadel» wird nach einer Lösung gesucht – der Direktor und ein Verwahrter erzählen.
Christian Hodel
Die Verurteilungen von über 60-Jährigen hat sich schweizweit innert zehn Jahren beinahe verdoppelt. Im Bild: Ein krimineller Senior wird mit einem Gefangenentransporter ins Gefängnis chauffiert. (Symbolbild Imagot)

Die Verurteilungen von über 60-Jährigen hat sich schweizweit innert zehn Jahren beinahe verdoppelt. Im Bild: Ein krimineller Senior wird mit einem Gefangenentransporter ins Gefängnis chauffiert. (Symbolbild Imagot)

Die Menschlichkeit sei verloren gegangen. Es gehe nicht mehr um Strafe oder Sühne, «sondern um die Rache der Gesellschaft», sagt einer, der laut Richtern selbst gegen die Menschlichkeit verstossen hat. Werner Huber*, 65 Jahre alt, grauer Backenbart, verblichene Tätowierungen, seit 1994 ununterbrochen in Haft.

Neun über 60-Jährige im Bostadel

Huber hat seine zehnjährige Strafe wegen Gewalt- und Sexualdelikten vor elf Jahren verbüsst. Dennoch sitzt er im Gefängnis, weil Gutachter ihn der Gesellschaft nicht zumuten. Der Zentralschweizer ist einer von 141 Verwahrten in der Schweiz. Und einer von neun über 60-jährigen Gefangenen im Bostadel Menzingen, das 120 Haftplätze hat. Laut Andreas Gigon, Direktor der interkantonalen Strafanstalt Bostadel, die von den Kantonen Zug und Basel Stadt betrieben wird, werden von den neun Senioren mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens fünf nie mehr in Freiheit leben. Sie bleiben in Haft, altern – und stellen die Anstalten vor neue Herausforderungen.

Zelle zu klein für Pflegebett

Huber hat Arthrose, geht seit einem halben Jahr an Krücken, seine Füsse sind aufgeschwollen. Irgendwann wird er gar nicht mehr laufen können. Für ein Pflegebett ist die sieben Quadratmeter grosse Zelle zu klein, rollstuhlgängig ist der Bostadel nicht und das Personal für die Pflege nicht geschult. Wohin also mit alten Gefangenen?

«Die Frage beschäftigt die Verantwortlichen im Strafvollzug seit geraumer Zeit», sagt Gigon. Es gebe keine Pflegeabteilung für Gefangene im Strafvollzugskonkordat der Nordwest- und Innerschweiz, zu dem alle Zentralschweizer Kantone, Bern, die beiden Basel, Solothurn und der Aargau gehören. Jedoch wurde 2011 in Lenzburg die erste Altersabteilung in einem Schweizer Gefängnis (siehe Kasten) eingerichtet. Eine solche ist auch in Zug ein Thema. Aktuell wird geprüft, ob auf dem Gelände weitere 30 Haftplätze erstellt werden oder ob ein Neubau mit rund 60 Plätzen entstehen soll. Dabei steht auch die Realisierung einer Altersabteilung im Gespräch.

Im Juli 2016 sollen laut Beat Villiger, Zuger Sicherheitsdirektor, erste Ergebnisse vorliegen. «Unter anderem stellt sich auch die Frage nach der Lage und Erschliessung des Arbeitsplatzes», sagt er. Der Bostadel liegt abgelegen, ausserhalb von Menzingen. Am Wochenende fahren nur eine Handvoll Busse. Ob die Zugänglichkeit zur medizinischen Versorgung gewährleistet werden kann – einer der wichtigsten Punkte für alte und kranke Gefangene –, ist fraglich.

Klar ist hingegen: Es müssen Lösungen her. Denn allein die Verurteilungen von über 60-Jährigen hat sich schweizweit laut dem Bundesamt für Statistik innerhalb von zehn Jahren von 3462 auf 6721 im vergangenen Jahr beinahe verdoppelt. Ein weiteres Problem: Die Gesellschaft will Gefangene möglichst lange in Haft lassen, wie Andreas Gigon bestätigt. «Die Delinquenz nimmt im Alter zwar grundsätzlich ab, aber auch die Bereitschaft der Gesellschaft, ältere Gefangene zu entlassen, hat abgenommen», sagt er.

Gestorben wird im Spital

In der Regel brauche ein kranker, 70-jähriger Gefangener weniger Sicherungsmassnahmen und könne auch in eine offenere Vollzugseinrichtung oder gar in ein Pflegeheim verlegt werden, sagt Gigon. Schwieriger wird es hingegen mit Verwahrten wie Werner Huber. In Deutschland gibt es spezielle Einrichtungen für Personen mit Sicherheitsverwahrung. Ebenso kennt Deutschland hoch gesicherte Alters- und Pflegeabteilungen, die von der Justiz betrieben werden. «Bei uns fehlen solche», sagt Gigon. Auch gebe es keine geschlossenen Institutionen, in denen Langzeitgefangene oder Verwahrte in Würde sterben könnten. «Ein Fall ist mir bekannt, da konnte dem Gefangenen ein Platz in einem Sterbehospiz organisiert werden», sagt Gigon. Aber das sei nicht immer und bei allen möglich. Will heissen: Einige Gefangene sterben im Gefängnis. In den vergangenen zehn Jahren kamen schweizweit im Durchschnitt jährlich 18 Häftlinge in ihrer Zelle ums Leben – 8 durch Suizide. Die meisten aber sterben im Spital, weil man sie kurz vor dem Tod in letzter Minute noch dahin überführt.

Huber kostet 9240 Franken im Monat

Eigene Abteilungen für alte Gefangene und Verwahrte sollten in der Schweiz eigentlich eine Grundvoraussetzung sein, sagt Werner Huber. «Schauen Sie mich doch an. Ich bin zu alt und angeschlagen, um einen Seich zu machen.» Die Überalterung der Gefängnisse gebe er nur, weil niemand die Verantwortung für einen wie ihn übernehmen wolle. «Die Gesellschaft sperrt die Leute weg, um sich nicht um sie kümmern zu müssen.» Todesstrafe auf Raten, nennt es Huber. «Es ist der einfachste Weg, Verwahrte eingelocht zu lassen und jeden Monat rund 10 000 Franken zu zahlen, statt Lösungen zu suchen.»

Ein Gefangener in einer geschlossenen Anstalt im Konkordat der Nordwest- und Innerschweiz kostet je nach Sicherheitsstufe 8160 bis 19 500 Franken – pro Monat. Für einen Verwahrten wie Werner Huber zahlt der Staat 9240 Franken monatlich. «Das ist absurd, so viel Geld auszugeben», sagt Huber. Mit dem Alter verändere sich jeder – auch wenn er einst schwere Delikte begannen habe.

Seine Gutachter sehen dies anders. Jedes Jahr beurteilen sie ihn von neuem, so wie es das Gesetz vorsieht. Bisher sind sie immer zum selben Schluss gekommen: Als Schutz für die Gesellschaft soll Huber dort bleiben, wo er ist: in Haft.

«Muss Ausweg nehmen, der bleibt»

Taten von rückfälligen, ehemaligen Häftlingen, wie vor wenigen Tagen in Frenkendorf BL passiert, dürften auch die Urteile der Gutachter beeinflussen.Vergangene Woche hat ein verurteilter zweifacher Mörder eine 61-jährige Frau erstochen. Die Behörden gehen von einer Beziehungstat aus. Der mutmassliche Täter wurde 2011 bedingt entlassen, weil ihn die Gutachter als nicht mehr gemeingefährlich einstuften.

Werner Huber bekommt die Auswirkungen solcher Vorfälle von rückfälligen, ehemaligen Häftlingen zu spüren. Er redet dann von «Kollektivstrafen», die die Gesellschaft verhänge, wenn wieder ein ehemaliger Häftling etwas anstelle. Restriktion sei angesagt. «Ich habe meine Strafe aber abgesessen. Dennoch bin ich immer noch wie im normalen Strafvollzug», sagt Huber. Kein Handy. Kein Internet. Kein Urlaub. Sein Wunsch sei es, sich einmal im Monat draussen mit Bekannten zu treffen und in einem Kaffee zu sitzen. «Mehr will ich gar nicht.» Er wolle sich nun bei Exit anmelden, um das letzte Stück Selbstbestimmung wahrzunehmen. Doch Sterbehilfe ist in den Schweizer Gefängnissen untersagt. Huber sagt: «Letztlich muss man den Ausweg nehmen, der einem bleibt.»

*Name von der Redaktion geändert.

Christian Hodel

Lenzburg betreibt bereits eine Altersabteilung

Gefängnis chh. Im Zentralgefängnis in Lenzburg gibt es seit 2011 eine Abteilung 60 plus. Zwölf Plätze bietet sie für Gefangene mit altersbedingten und gesundheitlichen Beschwerden. Die Zellen sind mit 12,8 Quadratmetern leicht grösser als üblich. Die Duschen sind rollstuhlgängig. Im Obergeschoss der Abteilung befindet sich eine Krankenstation.

Reduzierte Arbeitspflicht
Solange die Gefangenen körperlich arbeiten können, werden sie in Lenzburg etwa in der Wäscherei, im Hausdienst oder in der Gärtnerei eingesetzt. Es besteht eine reduzierte Arbeitspflicht von einem halben Tag. Im normalen Strafvollzug wird ganztags gearbeitet. Im Bostadel im Kanton Zug etwa in der Metallverarbeitung, der Schreinerei oder der Korbflechterei. Die Arbeitspflicht gilt auch für über 65-jährige Insassen.

Wöchentlicher Kurs «Fit im Alter»
Zwischen 18.15 und 21.15 Uhr können sich die Gefangenen auf ihrer Etage, die auch eine Küche beinhaltet, frei bewegen. In dieser Zeit finden auch Freizeitkurse und Veranstaltungen statt. So leitet ein Sportlehrer im Bostadel extra für ältere Gefangene wöchentlich den Kurs «Fit im Alter». Beschäftigungs- und Wiedereingliederungsprogramme gehören auch im Kanton Luzern zum Gefängnisalltag. Jedoch sind diese nicht speziell für ältere Insassen ausgerichtet. Der Grosshof in Kriens sei ein Haft- und Untersuchungsgefängnis, sagt Stefan Weiss, Leiter der Dienststelle Militär, Zivilschutz und Justizvollzug des Kantons Luzern. Verwahrte und Langzeitgefangene, die im hohen Alter sind, kommen gar nicht erst nach Luzern. Für Luzern stellt sich laut Weiss auch nicht die Frage, ob einst eine Altersabteilung errichtet werden soll.

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