ZUG: Zuflucht bei den Schwestern

Wohin gehen gewaltbedrohte Frauen, die in ihrem Zuhause nicht mehr leben können? Ein Frauenhaus gibt es im Kanton Zug nicht – dafür aber eine versteckte Herberge.

Stephanie Hess
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Hier sind sie willkommen: Eines der acht Zimmer in der «Herberge für Frauen». (Bild Stefan Kaiser)

Hier sind sie willkommen: Eines der acht Zimmer in der «Herberge für Frauen». (Bild Stefan Kaiser)

Lilli Stocker* ist mit 13 Jahren von zu Hause ausgerissen. «Es ging einfach nicht mehr. Ich konnte mit meinen Eltern nicht weiter unter einem Dach leben.» Von da an hatte die junge Frau während acht Jahren kein richtiges Daheim mehr – bis sie im Frühling in die «Herberge für Frauen» kam. Ein Ort, der Frauen und Kindern Unterschlupf bietet, wenn sie gewaltbedroht sind oder in anderen grossen Schwierigkeiten stecken – so wie die heute 21-jährige Lilli Stocker.

Ihre Welt brach zusammen

Lilli Stocker kam nach ihrem Auszug als Teenager bei verschiedenen Pflegefamilien im Kanton Zug unter, bei jeder blieb sie ein Jahr. Sie machte schliesslich eine Lehre, konnte in einer betreuten WG leben. Im letzten Sommer kam dann die Enttäuschung, eine, die ihre sowieso nicht sehr stabile Welt in sich zusammenbrechen liess: Die junge Frau hatte ihre Lehrabschlussprüfung nicht bestanden. «Dann hats mir gereicht.» Gemeinsam mit ihrem damaligen Freund ging sie nach Spanien. Hier verflüchtigten sich die grossen Träume rasch – die weit um sich greifende Arbeitslosigkeit machte es den beiden unmöglich, einen Job zu finden. Die Beziehung ging in die Brüche. Nach wenigen Monaten kehrte die junge Frau in die Schweiz zurück – schwanger. «Das Kind war geplant», versichert sie. Sie erhielt Unterstützung vom Sozialamt, zog in eine Wohnung mit einer Freundin. Doch auch hier sollte sie keine Ruhe finden.

Mit den Liebfrauen-Schwestern

Und so kam Lilli Stocker schliesslich verzweifelt und hochschwanger in das Haus in der Stadt Zug, das von aussen eigentlich nicht als Herberge zu erkennen ist. Einzig ein kleines Schildchen an der Klingel weist darauf hin.

Die «Herberge für Frauen» ist ein Ort der Stille – in zweierlei Hinsicht. Das Haus liegt etwas zurückversetzt von der Strasse, rauschende Bäume umgeben es. Ausserdem beherbergt dieses Haus nicht nur die sehr weltliche Welt der Frauen mit den verschiedensten Religionen und Nationalitäten. Das Gebäude bildet auch das Zuhause der zwölf Liebfrauenschwestern, denen die Liegenschaft gehört. Sie bewohnen den vierten bis siebten Stock des Hauses. Die Schwestern, die über Jahre die Klinik Liebfrauenhof geführt haben, waren es auch, welche die «Herberge für Frauen» 1996 ins Leben riefen. Vor drei Jahren wollten sie den Betrieb allerdings einstellen, die Kräfte der immer kleiner werdenden Gemeinschaft reichten nicht mehr aus.

Obwohl die Herberge wenig in der Öffentlichkeit stand, war das Echo darauf gross. Von verschiedenen behördlichen Seiten wurden die Schwestern ermutigt, diesen Unterschlupf zu erhalten. So stellte die Trägerschaft schliesslich ab 2011 Marianne Bucher als Leiterin der Herberge ein.

Es geht oft ganz schnell

Mit ihr arbeiten heute fünf andere Frauen in Teilzeitpensen in der Herberge, als Sozialarbeiterinnen oder als Alltagsbetreuerinnen der Frauen. Sie beraten, informieren und begleiten die Bewohnerinnen und deren Kinder während des maximal sechsmonatigen Aufenthalts und unterstützen sie bei der Planung der Zukunft. Mit den Liebfrauenschwestern besteht ein offener Kontakt und Austausch, einige der Bewohnerinnen essen auch mit den Schwestern zu Mittag oder besuchen den Gottesdienst.

«Wir möchten, dass die Frauen nach dem Aufenthalt wieder Fuss fassen können», sagt Marianne Bucher. Einer Frau habe man beispielsweise beigebracht, sich beim öffentlichen Verkehr zurecht zu finden. Und: «Vielen Bewohnerinnen erklären wir auch ihre Rechte.» Also beispielsweise, dass sie nicht völlig alleine dastehen, wenn sie sich von ihren Männern trennen – so wie das manche Ehemänner ihren Frauen predigen, die nicht gut Deutsch verstehen.

Dreiviertel der Frauen kommen in die Herberge, weil sie häusliche Gewalt erlebt haben. Der Rest der Bewohnerinnen setzt sich aus Personen wie Lilli Stocker zusammen, die in schwierigen Lebenssituationen stecken. Zumeist kommen sie über Opferberatungsstellen oder durch Sozialämter hierher. In wenigen Fällen auch durch die Polizei.

Da viele Frauen sehr plötzlich in die Herberge kommen – oft so plötzlich, dass sie keinen Koffer mehr packen können – liegen in der Herberge einige Kleider bereit, auch Hygieneartikel gibt es. Wie schnell das gehen kann, wird auch bei unserem Besuch klar. Das Telefon klingelt. Eine Frau ist am Apparat, sie hat die Nummer von ihrem Sozialdienst erhalten. «Sie möchte gerne sofort kommen», sagt eine Mitarbeiterin zu Marianne Bucher.

«Nur ein halbes Frauenhaus»

Doch nicht jede Frau kann in der Herberge untergebracht werden: «Wir sind nur ein halbes Frauenhaus», sagt die Leiterin. Frauen, die massiv bedroht würden, die starke psychische oder Drogenprobleme hätten oder minderjährig seien, könne man hier nicht beherbergen. «Dazu ist unser Team zu klein.» Ausserdem hat die Herberge keinen 24-Stunden-Betrieb. Frauen, die bei der Zuger Herberge nicht aufgenommen werden können, vermitteln die Betreuerinnen meistens ins Luzerner Frauenhaus.

Im letzten Jahr hat die Herberge 42 Frauen und 27 Kindern in den acht Zimmern ein vorübergehendes Zuhause geboten. Zur Hälfte waren es Schweizerinnen, zur anderen Hälfte Ausländerinnen unter anderem aus dem Kosovo, Tibet, Japan, der Türkei. «Unsere Belegungszahlen schwanken stark, nehmen aber tendenziell zu», sagt die Herberge-Leiterin. Sogar ein paar Männer haben schon in der Herberge um ein Zimmer angefragt – für sie gibt es kein vergleichbares Angebot im Kanton (siehe Box).

Neuen Lebensmut

Und wohin gehen die Frauen nach der Zeit in der Herberge? Viele ziehen nach dem Aufenthalt wieder zurück in ihre Wohnungen. Einige treten damit wieder in das gewaltdominierte Leben ein, dass sie eigentlich verlassen wollten. «Viele brauchen mehrere Anläufe, um sich von einem Mann zu lösen, der sie schlägt», sagt Marianne Bucher. «Das ist normal, leider.» Doch die meisten können von der Herberge aus mit der Unterstützung der Sozialarbeiterinnen auch die ersten Schritte in ein selbstständiges Leben vorbereiten und eine eigene Wohnung suchen.

So, wie Lilli Stocker. Sie ist mit ihrem wenige Wochen alten Sohn nun aus der Herberge für Frauen ausgezogen – in ihre erste eigene Wohnung. «Ich freue mich sehr darauf. In der Herberge habe sie auftanken können – und sie hat neuen Lebensmut gefasst. Ab August will Lilli Stocker ihren Lehrabschluss nachholen.

Hinweis

* Name geändert