ZUG: Zwischen Chorgesang und Symboltheater

«Laster, Lust und Leiden» – unter diesem Titel vereinigte sich der Chor Xang mit dem Kulturschaffenden Remo Hegglin, um die Liebe zu besingen. Die ausgezeichnete musikalische Leistung wurde nicht immer angemessen szenisch umgesetzt.

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Der Zuger Chor «Xang» trat gestern und Freitag in der Kapelle des Kollegiums St. Michael in Zug auf. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 29. Januar 2017))

Der Zuger Chor «Xang» trat gestern und Freitag in der Kapelle des Kollegiums St. Michael in Zug auf. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 29. Januar 2017))

Neu unter der Leitung von Peter Werlen hatte der aus rund dreissig Mitwirkenden bestehende Chor Xang ein Programm vorbereitet, welches im gesanglichen Bereich voll überzeugte, bei der Choreografie aber doch einige Fragen offen liess. In zwei Aufführungen – die Besprechung bezieht sich auf jene am Freitagabend – hatte man sich ausserdem mit den recht schwierigen Rahmenbedingungen der Kapelle Kollegium St. Michael, Zug, auseinanderzusetzen.

Durch das ganze Programm beeindruckte der Chor durch einen ausgewogenen Gesamtklang und ein angemessenes Kräfteverhältnis zwischen den einzelnen Registern. Nicht nur das sichere Beherrschen des teilweise sehr anspruchsvollen Notentextes zeugte von guter Vorbereitung; die fast immer tadellose Intonation liess auch eine intensive Stimmschulung erkennen. In drei Sprachen (Deutsch, Lateinisch, Englisch) gelang eine prägnante Diktion, welche ein Textheft weitgehend entbehrlich machte. Sonderlob verdient, dass sich der Chor in seiner Kernaufgabe vom Zwischenhinein nicht ablenken liess und immer wieder den locker geführten Klangcharakter fand, selbst nach den teilweise extremen ­Lagen in der Gesangsgruppe auf der Empore.

Elf Komponisten aus fast einem halben Jahrtausend

Das Programm stammte von elf verschiedenen Komponisten, die mit ihren Lebensdaten fast ein halbes Jahrtausend umfassten, oder, anders ausgedrückt: drei Gesänge der Spätrenaissance und dann ein Sprung in die Romantik und von dort lückenlos bis zur Gegenwart. Der konsequente Verzicht auf Begleitinstrumente liess die Klammer zwischen der Renaissance-Vielstimmigkeit und jenen modernen Komponisten voll zur Geltung kommen, welche sich 400 Jahre später wieder auf uralte Stilprinzipien zurückbeziehen.

Zu Beginn standen im Raum acht ganz grosse und zahlreiche kleinere Spiegel, deren Symbolik im Programmtext zwar angedeutet, aber nicht richtig erklärt wurde. Nach jedem einzelnen Gesang und manchmal sogar zwischendrin wurde umgestellt. Manchmal standen die Spiegel hinter dem Chor, dann wieder vorne oder als Abschrankung mitten im Publikum. Der Abschluss erklang für die Zuhörer fast unsichtbar hinter einer geschlossenen Wand. Die um wenige fremde Zitate angereicherten Zwischentexte wurden vom Zuger Kulturschaffenden Remo Hegglin vorgetragen. Er fand dabei eine sichere Verbindung zwischen den textlich und musikalisch oft recht weit entfernten Gesängen, gut angepasst an die Dauer der ­je­weiligen Umstellungspausen. Je nach Position innerhalb des ­Raumes verbesserten die grossen Spiegelflächen die Akustik. Manchmal waren sie auch hinderlich und verstärkten die ohnehin vorhandene Tendenz der Michaelskapelle, dass je nach Position von Ausführendem und Zuhörer das Klangbild recht unterschiedlich wahrgenommen wird. Geschmacksfrage war der Ausflug auf die enge, nur über eine stark knarrende Treppe zu erreichende Empore. Selber fand ich es schade, dass gerade das anspruchsvollste Stück des ganzen Programms («Carmina catulli» von Carl Orff) im Rücken des Publikums vorgetragen wurde.

Die fast lückenlose Sequenz der einzelnen Abschnitte verhinderte bis auf eine einzige Ausnahme den Zwischenapplaus. Erst der grosse Schlussbeifall dankte für ein abwechslungsreiches und doch in sich geschlossenes Programm um «Laster, Lust und Leiden» zum Thema Liebe, versüsst durch verteilte Gelatine-Herzchen und eine aufwendige Dekoration bis ins Treppenhaus, an dessen Ende noch Glühwein ausgeschenkt wurde.

 

Jürg Röthlisberger

redaktion@zugerzeitung.ch