ZUG/BOSKOVICI: Sie findet Glück und Glauben im Stall

Helen Jäggi Kosic lebt selbstversorgend auf einem Hof in Bosnien. Die Theologin setzt damit um, was sie früher gepredigt hat.

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Sie hat der Schweiz und dem Altar den Rücken gekehrt und sich für ein Leben als Selbstversorgerin entschieden: Helen Jäggi Kosic. (Bild: pd)

Sie hat der Schweiz und dem Altar den Rücken gekehrt und sich für ein Leben als Selbstversorgerin entschieden: Helen Jäggi Kosic. (Bild: pd)

«Im Moment ist es für mich gut, zu misten, zu heuen, zu pflanzen. Am Puls des Lebens zu sein und zu nähren, was ich gelernt habe: dass uns alles, was wir brauchen, zur Verfügung steht.» Seit sechs Jahren bewirtschaftet die Schweizer Theologin Helen Jäggi Kosic (siehe auch Box) zusammen mit ihrem Mann einen Permakultur-Hof in Bosnien. Seit 13 Jahren lebt sie schon in dem südosteuropäischen Land, das Krieg und Leid noch lange nicht vergessen hat. Warum hat Helen Jäggi diesen Weg gewählt und sich, gerade fertig mit Vikariat und einer ersten Pfarrstellvertretung in Zug, auf die Reise gemacht ins Ungewisse, nicht Abgesicherte, in ein Abenteuer abseits der erprobten Pfade?

Die Antwort der gebürtigen Thalwilerin verrät ihren Humor: Sie habe zu viel zum Abschnitt gepredigt, «sorge dich nicht um den morgigen Tag, sieh die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes». Die 40-Jährige erklärt: «Ich wollte leben, was ich predige. Keine Angst vor dem Morgen zu haben, nicht auf Bankkonten und Versicherungen zu vertrauen, sondern auf Gott.» Abenteuerlust, Freiheitsliebe und der Traum, selbstversorgend zu leben, seien hinzugekommen.

Der Lohn ist Zeit

Und es passte, dass ihr Mann Srdjan Kosic, den sie 1999 in einem Peacecamp des Katharinawerks Basel kennen gelernt hatte, in seiner Heimat als Künstler und Kunstgeschichtelehrer arbeiten konnte. Ihren Hof im Weiler Boskovici, 20 Kilometer nördlich von Banja Luka, nennen die beiden «Farma Transforma». Sie teilen ihn mit ihrem vierjährigen Sohn Aleksa sowie mit rund 40 Schafen, Ziegen, Wollschweinen, Hühnern, Enten, Gänsen, Hasen, Hunden und Katzen – auf rund 3,6 Hektar Acker-, Weideland und Wald. «Wir produzieren Fleisch, Eier, Früchte und Gemüse selbst», erzählt Helen Jäggi. «Salz, Kaffee, Mehl, WC-Papier und was wir nicht selbst machen können oder wollen, kaufen wir.»

Geführt wird die Farma Transforma nach dem Permakultur-Prinzip (permanent agriculture). Eine Landwirtschaft, die auf Nachhaltigkeit und Naturnähe setzt: ein Zusammenleben von Menschen, Tieren und Pflanzen, das unbegrenzt funktionieren und die Bedürfnisse aller möglichst erfüllen soll. Helen Jäggi blickt mit einem Lächeln zurück: «Wir haben bei null angefangen, und niemand verstand uns damals, weder die hier noch die dort.» Der Lohn dieses Abenteuers ist unter anderem Zeit, Zeit für sich, Zeit, sich eine eigene Welt zu gestalten. «Wir finden unser Glück im Schaffen und Gestalten», sagt die Selbstversorgerin. Und: «Mein Mann und ich sind beide nicht empfindlich in Bezug aufs Haben.»

Das Gelernte teilen

Die Theologin sieht in der Permakultur, in den Grundsätzen von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, die Grundpfeiler ihres Glaubens verankert. Ihr Lebensentwurf möge den einen irritieren, den anderen in­spi­rieren. Ein Entwurf für die Ewigkeit also? Keine Angst vor dem Morgen: Punktuell möchte Helen Jäggi in der Schweiz arbeiten, als Pfarrerin oder Kursleiterin, «um zu teilen, was ich gelernt habe.»Susanne Holz